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04.09.2008
 

NFL-Saisonstart

Der ewige Favre

Von Benjamin Schulz

Die National Fooball League startet in die neue Saison - endlich. Echte sportliche Nachrichten kann die Liga gut gebrauchen. Denn außer Hurrikan "Gustav" und Streitereien um Geld sorgte vor allem ein Spieler für Schlagzeilen, der eigentlich schon in Rente gegangen war - Brett Favre.

Vermutlich ist Corey Webster Schuld. Hätte der Cornerback der New York Giants nicht Brett Favres letzten Pass im Halbfinale der vergangenen Saison, dem NFC Championship Game, abgefangen - vielleicht hätten Favres Green Bay Packers die Partie gewonnen, möglicherweise auch den Super Bowl - und Favre wäre bei ihnen geblieben. Aber Webster fing den Ball ab. Die Giants schlugen die Packers an diesem 20. Januar 2008 und zwei Wochen später auch die New England Patriots im Super Bowl.

Nach diesem Fehlwurf trat Favre Anfang März zurück. Er ging in den Ruhestand, den er schon im Jahr zuvor in Erwägung gezogen hatte. Und im Jahr davor. Und im Jahr davor. Dieses Mal machte er Ernst - zumindest für ein paar Monate. Dann kam der Rücktritt vom Rücktritt, der ewige Favre war wieder da. Weil sich die Packers aber bereits auf Favres Erben Aaron Rodgers als neuen Spielmacher festgelegt hatten, drohte der Bruch zwischen Favre und dem Club, für den er 16 Jahre gespielt und bei dem er alle wichtigen NFL-Passrekorde gebrochen hatte. Die Packers wollten ihn nicht mehr, doch Brett blieb hart.

Erst in letzter Sekunde konnte eine größere Farce vermieden werden, weil Favre auf keinen Fall als Ersatzspieler in Green Bay bleiben wollte. Er wechselte Anfang August zu den New York Jets und spielt künftig in Grün-Weiß statt Grün-Gelb. Das, so Favre, "fühlt sich seltsam an". Auf seiner Antrittspressekonferenz als Jet sagte er: "Ich bin kein Verräter - und werde nie einer sein. Ich werde immer ein Packer sein."

Inmitten der Aufregung um Favre rückte die Frage, ob er mit den Jets, die in der vergangenen Saison nur vier Spiele gewannen, in die Playoffs kommen kann, in den Hintergrund - auch wenn Favre sagt: "Ich bin sicherlich nicht zurückgekehrt, um mich auf dem Feld verprügeln zu lassen. Ich bin in New York nur aus einem einzigen Grund: Ich will siegen." Ob der 38-Jährige die riesigen Erwartungen des Clubs erfüllen kann, scheint fraglich.

Ebenso fraglich scheint es, ob die Giants, Stadtrivalen der Jets, ihren Titel verteidigen können. Ohne Michael Strahan (Ruhestand), Osi Umenyiora (Verletzung) sowie Jeremy Shockey und Kawika Mitchell (Clubwechsel) wird es schwer. Doch selbst wenn die Giants nicht ins Titelrennen eingreifen, haben sie dennoch Einfluss auf die kommende Saison genommen. Sie lieferten mit ihrer Meisterschaft die Blaupause dafür, wie offensivstarke Mannschaften à la Patriots zu schlagen sind. Im Endspiel brachte New Yorks Verteidigung Patriots-Spielmacher Tom Brady, der nach einer Fußverletzung für New Englands Auftaktspiel am Sonntag gegen Kansas City wieder fit ist, so sehr unter Druck, dass ihm das Timing für seine sonst punktgenauen Pässe abhanden kam.

Diese Taktik werden vor allem die Teams übernehmen, die in ihren Divisions gegen die prominentesten Titelanwärter antreten müssen - also vor allem gegen Teams mit überragenden Quarterbacks. Zum Beispiel die Washington Redskins, die mit Jason Taylor von den Miami Dolphins einen Verteidiger verpflichteten, der Tony Romo von den Dallas Cowboys, Donovan McNabb von den Philadelphia Eagles und Giants-Spielmacher Eli Manning unter Druck setzen soll.

Wichtiger als alle sportlichen Entwicklungen dieser Saison könnte sich eine Entscheidung erweisen, die im Vergleich zur Favre-Saga wenig Schlagzeilen machte. Am 20. Mai stimmten die Besitzer der 32 NFL-Teams einstimmig dafür, sich vom Collective Bargaining Agreement (CBA) zu verabschieden. Dieser Vertrag regelt die finanziellen Beziehungen zwischen Teams und Spielern.

Die Besitzer wollen angesichts steigender Kosten, etwa für neue Stadien, nicht mehr 60 Prozent ihres Gewinns - 4,5 Milliarden Dollar in diesem Jahr - an die Spieler abgeben. Besonders stört sie, dass die Top-Spieler der jährlichen Drafts Millionen Dollar bekommen, bevor sie einen einzigen Spielzug als Profi absolviert haben. Jake Long von den Miami Dolphins, der erste in diesem Jahr gedraftete Spieler, unterschrieb einen Fünfjahresvertrag über 57,75 Millionen Dollar, der ihn zum bestbezahlten Offensive Tackle der Liga macht.

Kurzfristig ist die Entscheidung der Besitzer folgenlos. Drei Jahre Spielbetrieb wie bisher sind garantiert. Doch es muss neu verhandelt werden - mit ungewissem Ausgang. Wenn sich Spielergewerkschaft und Clubbesitzer bis März 2010 nicht einigen, droht ein Streik, im Extremfall sogar eine verkürzte Saison - und eine sportliche Zweiklassengesellschaft.

Denn das 1993 verhandelte und mehrmals verlängerte CBA erhält das finanzielle Gleichgewicht zwischen Clubs in kleineren Märkten wie Cincinnati oder Buffalo und Teams wie Dallas oder New England zumindest einigermaßen aufrecht. Besonders ohne Salary Cap, eine Obergrenze für Spielergehälter pro Jahr (in dieser Saison 116 Millionen Dollar pro Team), könnten die kleineren Clubs den Anschluss verlieren, wenn Besitzer wie Jerry Jones von den Dallas Cowboys oder Daniel Snyder von der Washington Redskins Geld in ihre Teams pumpen können wie Roman Abramowitsch in den FC Chelsea.

Doch daran werden am Donnerstagabend, wenn die Giants gegen die Washington Redskins spielen, die NFL-Fans nicht denken. Eher schon an die New Orleans Saints, die wegen Hurrikan "Gustav" wie schon wie vor drei Jahren wegen "Katrina" ihre Stadt verlassen mussten, ihr Auftaktspiel am Sonntag gegen Tampa Bay aber im heimischen Superdome bestreiten können. Oder an Richard Collier von den Jacksonville Jaguars, der am Dienstag durch Schüsse lebensgefährlich verletzt wurde – nachdem mit Sean Taylor und Darrent Williams in den vergangenen 18 Monaten bereits zwei NFL-Spieler an Schussverletzungen starben.

Und bestimmt werden sich die Giants-Anhänger an Corey Websters Interception erinnern - und an Brett Favre, den der Meister auf dem Feld frühestens am 1. Februar 2009 wiedersehen könnte, wenn die Saison mit Super Bowl XLIII in Tampa Bay endet.

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