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02.02.2009
 

Super Bowl

Fataler Fehlpass von Mister Zuverlässig

Aus Tampa berichtet Daniel Killy

Weniger Hype, mehr Dramatik - die Wirtschaftskrise hat auch den XLIII. Super Bowl erfasst. Das Partyvolk musste darben, die Fans des American Football kamen dafür auf ihre Kosten. In einem der spannendsten Finals der NFL-Geschichte triumphierte der neue Rekordchampion.

Es war laut, es war emotional, es war bunt und es war spektakulär. Vor der Partie sorgte Sängerin Jennifer Hudson mit der Nationalhymne für den nötigen Schmalz, in der Pause lärmte Bruce Springsteen und am Ende fehlten dem Außenseiter aus Arizona 35 Sekunden zur Sensation. Sie blieb aus und so jubelten bereits zum sechsten Mal in ihrer Geschichte die Pittsburgh Steelers.

Etwas war dennoch anders an diesem XLIII. Super Bowl, den der Favorit aus Pennsylvania gegen die Arizona Cardinals 27:23 für sich entschied: Kein Finale - neben New Orleans im Jahre 2002, dem ersten nach dem 11. September - war bisher so von den äußeren Umständen geprägt wie der in der Golfküsten-Metropole Tampa 2009. Die "Recession Bowl" stand ganz unter dem Eindruck der weltweiten Wirtschaftskrise.

Zwar feierten die Fans in der stets gut gelaunten Stadt kräftig, doch es waren signifikant weniger als sonst – und sie setzten auch erklecklich weniger um: 150 Millionen Dollar statt wie im Vorjahr in Arizona 190 Millionen. Und auch das gehobene Partyvolk musste sich mit weniger zufrieden geben. Zwar schmiss Paris Hilton wieder ihre unvermeidliche Party im "Seminole Hard Rock Hotel & Casino"; doch die sogenannten und wahren VIPs mussten auf etliche liebgewonnenen Festivitäten verzichten.

Aber weniger Partys und weniger Hype boten auch die Möglichkeit, sich diesmal mehr auf den Sport zu konzentrieren. Im Mittelpunkt der sportlichen Vorberichterstattung standen die beiden Quarterbacks der Kontrahenten. Einerseits Ben Roethlisberger, jugendlicher Held und jüngster Spielmacher, der je einen Super Bowl gewann, andererseits Kurt Warner, notorisches Comeback-Kid, der vor dem Spiel zum "Mann des Jahres" gekürt wurde.

Es war ein Generationenduell, das Warner von der Statistik her für sich entschied, das aber als strahlenden Sieger Roethlisberger sah.

Doch es war auch der ungleiche Kampf des fünffachen Champions Pittsburgh, der durch seinen sechsten Sieg zum alleinigen NFL-Rekordhalter avancierte, gegen Arizona, den Underdog schlechthin. Nach 61 erfolglosen Jahren schafften es die Cardinals wieder einmal in ein Finale - aber so einseitig, wie es zunächst schien, war die Angelegenheit denn doch nicht. Schließlich standen sich in Steelers und Cardinals die Top-Abwehr der Liga und eine der besten Angriffsreihen gegenüber.

"Defense wins championship" - diese Sicherheitsdevise galt auch in der 43. Auflage des Super Bowl.

Erstmals waren Dutzende sogenannter Verhaltensbeamte der nationalen Behörde für Transportsicherheit (TSA) im Stadioneinsatz. Bisher hatten sie nur Passagiere an Flughäfen taxiert, doch auf Anforderung der Polizei in Tampa sollten sie als eine Art Verhaltensforensiker auffälliges Benehmen der Besucher identifizieren und so Schlimmeres im Vorfeld verhindern. Dem reibungslosen Verlauf der Mega-Veranstaltung nach zu urteilen war das Vorhaben erfolgreich.

Den Gegner genauestens zu analysieren und dann zu triumphieren - das ist auch das taktische Prinzip von Steelers-Coach Mike Tomlin. So kontrollierten die haushohen Favoriten aus Pittsburgh zunächst mit geschicktem Zeitmanagement und diszipliniertem Abwehrverhalten das Match, ohne es dabei spielerisch zu dominieren.

Als sich Arizona gegen Ende des zweiten Viertels auf seine Offensivstärke besann, bis auf drei Punkte an die Steelers herangekommen war und sich anschickte, erstmals in Führung zu gehen, warf ausgerechnet "Mister Zuverlässig" Kurt Warner dem gegnerischen Abwehrspieler James Harrison den Ball in die Arme. Der begab sich daraufhin flugs auf Rekordreise und stampfte einmal quer übers Spielfeld – einen 100-Yard-Touchdown-Lauf gab es in einem Super Bowl bisher noch nicht. So stand es statt 14:10 für Arizona plötzlich 17:7 für Pittsburgh.

Bruce Springsteen als Stichwortgeber

In der Halbzeit heizte Bruce Springsteen, der Weltstar aus New Jersey, und das, was man in den USA einen Working Class Hero nennt, den Fans der "Stahlarbeiter" (das Logo der "Steelers" symbolisiert die drei Elemente zur Stahlgewinnung: Kohle, Eisenerz und Stahlschrott) zur Pause noch mal gründlich ein. Vor allem Springsteens Hit "Born To Run" konnte Pittsburghs Linebacker Harrison nach seinem Rekordlauf mit Fug und Recht auf sich beziehen. Er hatte schließlich für die erste psychologische Wende im Spiel gesorgt.

Zwischenzeitlich zog Pittsburgh auf 20:7 davon, doch das schon verloren geglaubte Match neigte sich plötzlich den Cardinals zu. Kurt Warner peitschte sein Team unermüdlich nach vorne. 2:37 Minuten vor Schluss der Partie brachte Wide Receiver Larry Fitzgerald die Außenseiter erstmals in Führung (23:20). Die Sensation war greifbar nahe. Bis "Big Ben" Roethlisberger wieder einmal mit einem Pass auf Wide Receiver Santonio Holmes 35 Sekunden vor Spielende das Match drehte.

Ehre und Emotionen

Nach dem dramatischen Finale hielt Roethlisberger jede Menge Komplimente für Warner bereit: "Er ist phänomenal", so der "Junior" über seinen Kontrahenten. "Ich habe ihm gesagt, es sei eine Ehre für mich gewesen, gegen ihn zu spielen. Schließlich war seine Autobiografie die erste, die ich jemals gelesen hatte." Der so Gepriesene wusste noch nicht so recht, wie ihm geschehen war. "Ob ich kommende Saison noch dabei sein werde, weiß ich nicht. Ich möchte jetzt keine emotionale Entscheidung treffen", so der 37-jährige Warner.

Ehre und Emotionen – der Super Bowl 2009 fand in gewisser Weise sportlich zu sich selbst zurück. Bleibt zu hoffen, dass aus der Finanzkrise auch das eine oder andere von den sonst so selbstgewissen NFL-Machern gelernt wird; dann könnte Tampa dereinst einmal als wahrer Wendepunkt für das größte Einzel-Sportereignis der Welt bezeichnet werden.

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