Clippers-Profi Cassell Sam vom anderen Stern

Nach acht Jahren Playoff-Abstinenz dürfen die Los Angeles Clippers in diesem Jahr erstmals wieder um die NBA-Meisterschaft mitspielen. Zu verdanken haben sie das vor allem einem älteren Herrn mit großem Kopf: Aufbauspieler Sam Cassell.

Von Tom Brause


Für den letzten Schritt zu ihrem großen Ziel mussten sie gar nichts tun. Sie konnten einfach zuhause sitzen und die Niederlage der New Orleans/Oklahoma Hornets in Dallas verfolgen. Dann stand fest: Nach acht Jahren hatten sich die Los Angeles Clippers wieder für die Playoffs der NBA qualifiziert. Es war eine lange Abstinenz, die da vor dem heimischen Fernseher beendet wurde, aber dafür musste erst ein älterer Herr nach Los Angeles kommen. Er heißt Sam Cassell, ist dem Beruf nach NBA-Profi, einige glauben aber, dass er von einem anderen Stern sei.

Clipper Cassell: "Keine Angst vorm Scheitern"
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Clipper Cassell: "Keine Angst vorm Scheitern"

Eine private Fanseite präsentiert unter dem Titel "Die Alien-Ursprünge von Sam Cassell" zahlreiche Bilder von Figuren aus Hollywood-Filmen, die allesamt mit Cassells Konterfei versehen sind: Cassell als "Shrek", der grüne Oger. Cassell als der Jedi-Meister Yoda aus "Krieg der Sterne". Und Cassell als "Conehead" aus dem gleichnamigen 90er-Jahre-Film mit Dan Aykroyd.

In der Realität ist der 36-Jährige mit 1,91 Meter relativ klein - aber er hat einen riesigen kahlen Kopf, der viel zu groß scheint für die schmalen Schultern. Genau dieser Kopf ist es, der Cassell einen hohen Wiedererkennungswert beschert und die Fans zu den Vergleichen mit außerirdischen Lebensformen animiert. Auch auf dem Feld ist der Spielmacher nicht zu verwechseln, dort verwandelt er sich wahlweise zu einem zähen Verteidiger oder einem gefährlichen Schützen.

Die beste Rolle spielt er aber als Anführer der Los Angeles Clippers. Das ehemalige Unterschichtenteam der NBA ist dank Cassels Erfahrung von 13 Spielzeiten und zweier gewonnener NBA-Titel nicht mehr im Keller. Mit einer Bilanz von 44 Siegen und 32 Niederlagen belegt das Team aus Hollywood aktuell Platz 5 im Westen. Sogar der große Stadtrivale wurde distanziert, auch wenn die die Clippers in der vergangenen Nacht gegen die LA Lakers 83:100 verloren. Der Ex-Meister liegt nur auf dem 7. Rang.

"Aufgeben kommt nicht in Frage"

Aber welche Qualitäten hat dieser Mann, der ein Team aus dem Keller ans Licht geführt hat? "Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich Magic Johnson, Michael Jordan, Larry Bird, mir oder Sam Cassell in der entscheidenden Phase den Ball für den letzten Wurf geben sollte", hat der ehemalige NBA-Star Charles Barkley einmal gesagt, "dann würde ich ihn Sam geben." Es ist dieses unerschütterliche Selbstvertrauen, das Cassell auszeichnet. "Es gibt Spieler, die wollen in so einer Situation den Ball nicht haben, weil sie Angst vorm Scheitern haben. So etwas gibt es bei mir nicht", sagt Cassell.

Das hat er schon in seiner ersten Profisaison bewiesen, als er 1994 als Rookie mit den Houston Rockets im NBA-Finale den New York Knicks gegenüberstand. Im dritten Spiel der Serie sollte der Ball in der umkämpften Schlussphase zu Houstons Star-Center Hakeem Olajuwon gehen. Doch gleich drei Gegenspieler verteidigten "The Dream". Cassell zögerte nicht lange, nahm den entscheidenden Wurf und traf. Noch heute behaupten viele, dass dieser Wurf Houston die erste Meisterschaft bescherte (eine zweite folgte ein Jahr später).

In seinen ersten drei NBA-Jahren schraubte Cassell seinen Punkteschnitt auf respektable 14,5 Zähler hoch. Doch im Sommer 1996 entschlossen sich die Rockets zum Neuaufbau - ohne ihren aufstrebenden Jungstar. Für Cassell begann eine Reise ins Ungewisse. Innerhalb von sechs Monaten wurde er kreuz und quer durch die USA geschickt: Von Houston ging es nach Phoenix, von dort nach Dallas und schließlich nach New Jersey. "Das war hart", erinnert sich Cassel. "Doch auch dabei habe ich etwas gelernt: Aufgeben kommt nicht in Frage."

Eine neue Rolle

In New Jersey verbesserte Cassell seine Passgeber-Qualitäten von durchschnittlich fünf Vorlagen pro Spiel auf acht und erreichte mit den zuvor jahrelang unterirdischen Nets 1998 wieder die Playoffs. Schon dort wurde klar: Cassell ist einer, der Team und Mitspieler verbessern kann. Bei seinem nächsten Club, den Milwaukee Bucks (1999 bis 2003), machte Cassell den talentierten, aber trainingsfaulen Glenn Robinson zum zweifachen All-Star. In Minnesota (2003 bis 2005) setzte er Star-Forward Kevin Garnett so gut in Szene, dass dieser 2004 zum wertvollsten Spieler der NBA gewählt wurde. Gleichzeitig beendete Cassell das Playoff-Trauma der Timberwolves, indem er sie 2004 im achten Anlauf erstmals über die erste Runde hinaus führte. Im selben Jahr wurde er selbst zum ersten Mal ins All-Star-Team der NBA gewählt.

Im vergangenen Sommer dann der Wechsel zu den Clippers, die sich zwar aufgrund der schlechten Leistungen nach jeder Saison mit guten Nachwuchsspielern ausstatten konnten, diese kehrten dem Club jedoch regelmäßig wieder den Rücken. Nur dreimal haben es die Clippers seit ihrem Umzug von San Diego nach L.A. im Jahr 1984 in die Playoffs geschafft. Jedesmal scheiterten sie in der ersten Runde.

"Gewinnen war hier ein Fremdwort", hat Cassel als Neu-Clipper festgestellt. "Das wollte ich ändern." Und er änderte es: Setzte hochtalentierte, aber bisher nur wenig erfolgreiche Mitspieler wie die Forwards Elton Brand und Corey Maggette in Szene und scheute in engen Spielen auch den entscheidenden Wurf nicht. Prompt fanden sich die Clippers zu Saisonbeginn auf Platz eins der Pacific Division wieder und schon nach der Hälfte der Spielzeit war klar: Die Clippers sind auf Playoff-Kurs. "Wenn Sam sein Team in die Endrunde führt, ist er der König von L.A.", hat Cassels Ex-Teamkollege aus Houston, der heutige ESPN-Moderator Kenny Smith, gesagt. Eine neue Rolle für Cassell, die er seit zwei Tagen endlich spielen darf.

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