Final-MVP Bryant: Das Lachen der Schlange

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Egoistisch, nicht zu coachen, ohne Führungsqualitäten: Die Kritik an Kobe Bryant war deutlich. Nun führte der Lakers-Star sein Team zum Meistertitel - und zog mit einem alten Rivalen gleich. Um auf das höchste Level zu gelangen, musste er jedoch erst die eigene Schwäche erkennen.

Kobe Bryant konnte wieder lachen. Wochenlang hatte der Shooting Guard der Los Angeles Lakers sein Grinsen vermissen lassen, sich grimmig gegeben, Konzentration und Entschlossenheit suggeriert. Doch nun, als er Coach Phil Jackson an der Seitenlinie in die Arme fiel, durfte "Black Mamba" die Kriegermaske ablegen.

Schließlich hatte sein Team soeben durch einen 99:86-Erfolg gegen die Orlando Magic den 15. Meistertitel der Clubgeschichte perfekt gemacht. In den Siegestaumel mischte sich ein weiteres Gefühl: Erleichterung. Bryant hat es endlich geschafft, hat die Lakers als Anführer zur Meisterschaft getragen. Diese Mannschaft in Gelb und Lila, die dort durch die Kabine tobt, Champagnerduschen an Betreuer, Kollegen und verdutzte Medienvertreter verteilt, ist seine Mannschaft, er ihr Kapitän. "Da fällt eine gewaltige Last ab. Dieser Moment fühlt sich so gut an", kommentierte Bryant den Triumph auf fremdem Platz.

Erleichterung aber auch, weil der 1,98-Meter-Mann am besten wissen dürfte, dass es höchste Zeit war, eine stagnierende Karriere zu revitalisieren. Mit 30 Jahren befindet er sich zwar anscheinend im besten Basketball-Alter. 1123 Partien in 13 NBA-Spielzeiten - davon 175 in Playoff-Intensität - hinterlassen jedoch auch bei einem Spieler mit optimalsten physischen Voraussetzungen Spuren.

Ironischerweise scheint sich die schier unmenschliche Belastung aus Olympischen Sommerspielen, regulärer Saison, den harten Playoffs im Westen und schließlich der Finalserie gegen die Magic als Segen zu erweisen. Erst die körperlichen Limitierungen und die Erkenntnis, dass selbst seine Kraft- und Talentreserven nicht unerschöpflich sind, ließen Bryant sein Potential maximieren.

Durchschnittlich 32,4 Punkte pro Spiel in den Finals beeindrucken, viel mehr Beachtung verdient aber eine andere Zahl: 7,4 direkte Korbvorlagen verteilte er durchschnittlich an die Mitspieler, Indiz für ein gewandeltes Rollenverständnis. Wie schon Michael Jordan während seines ersten Comebacks 1995 bis 1998 musste Bryant verstehen, Energie zu konservieren und vor allem die Mannschaftskollegen einzubinden. "Er hat gelernt, ein Anführer zu sein. Dafür musste er jedoch erst einsehen, dass er nicht nur fordern darf, sondern auch geben muss", sagte Coach Jackson - mit nun zehn NBA-Titeln erfolgreichster Trainer der Ligageschichte.

Seinen vierten Ring darf sich Bryant traditionell am ersten Spieltag der kommenden Saison anstecken. Dieser jedoch, das Symbol für die Saison 2008/09, nimmt einen Sonderplatz ein. Damals im Frühsommer 2000 und in den folgenden beiden Jahren hatte Bryant nur den Adjutanten gegeben, den Robin zu Batman Shaquille O'Neal. Gegen den Center-Hünen, um die Jahrtausendwende auf seinem physischen Höhepunkt und mehr Naturgewalt denn Basketballer, musste der junge Guard zurückstehen - für den schon fast zwanghaften Wettkämpfer stets ein Makel, der die drei Titel weniger wertvoll machte.

Diese Championship-Trophäe dient als Beweis, dass er, als Egoist, unsozial und unverbesserlich gebrandmarkt, in der Lage ist, eine Mannschaft durch die Playoffs zu führen. Die Auszeichnung als wertvollster Spieler der Finalserie unterstreicht den Führungsanspruch. Dass dies geschieht, während der ehemalige Rivale O'Neal in Phoenix die Schlussrunde verpasste und eher durch markige Twitter-Mitteilungen als durch Leistung auffiel, dürfte eine besondere Genugtuung bedeuten.

Lange hatten die US-Medien das Spektakel um die Lakers genossen, bei denen Bryant zwar spektakuläre Statistiken lieferte, das Team jedoch im Mittelmaß dahinsiechte. Kein Vertrauen in die Mitspieler, nicht zu coachen, rettungslos egomanisch - Label waren schnell gefunden. Die demolierte Reputation nach dem Gerichtsverfahren wegen angeblicher Vergewaltigung, öffentlicher Disput mit Coach Jackson, dazu immer wieder Gerüchte um einen geforderten Vereinswechsel: es waren fünf harte Jahre für Bryant, nachdem er 2004 den teaminternen Machtkampf gegen O'Neal gewonnen hatte und dieser mit den Miami Heat seinem nächsten Titel entgegenstapfte.

"Das war Folter. Ich zuckte jedes Mal zusammen, aber es war eine Herausforderung, die ich akzeptieren musste", sagte Bryant über die Heerscharen der Kritiker, die seine Führungsfähigkeiten anzweifelten.

Abzuwarten bleibt nun, ob es ihm und dem Club gelingt, eine weitere Dynastie aus Meisterteams aufzubauen. Vor den Lakers liegt eine aufregende Sommerpause. Mit den Forwards Lamar Odom und Trevor Ariza stehen zwei Leistungsträger ohne Verträge da und auch eine Rückkehr Jacksons ist nicht garantiert.

Doch nun, da Bryant mit Shaquille O'Neal nach Titeln gleichgezogen ist, dürfte sein Ehrgeiz die Weichen stellen: Ein weiterer Ring, um den Ex-Kollegen zu überflügeln und dann noch einer, um es der legendären Nummer 23 im Bulls-Trikot nachzutun. Michael Jordan beendete 1998 - gecoacht von Phil Jackson - mit der sechsten Meisterschaft seine Karriere in Chicago. Damals galt ein vorlauter Jungspund in Los Angeles als möglicher Nachfolger - mehr als ein Jahrzehnt später hat sich die Prophezeiung erfüllt.

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