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Geldmangel: Finanzkrise erschüttert US-Sport

Von Sebastian Moll, New York

Zuschauer bleiben weg, Vereine entlassen Mitarbeiter, Stadion-Neubauten liegen auf Eis: Das Börsenbeben reißt auch den US-Profisport in die Krise. Jetzt gehen auch noch die Sponsorengelder zurück. Besonders brutal trifft es die Clubs in New York.

Boston ist nur eine gemütliche dreistündige Zugfahrt von New York entfernt, doch in der vergangenen Woche schien es so, als liege die Neu-England-Metropole auf einem anderen Planeten.

Während auf den Straßen Manhattans wegen des Wall-Street-Schlamassels Depression und Verängstigung herrschte, schien in Boston die Welt noch in Ordnung. Der Fenway-Park war während der Baseball-Playoff-Serie gegen Tampa Bay ausverkauft, und die Fans feierten ihre Red Sox so unbekümmert, als gäbe es weder den Kursverfall an der Börse noch eine dräuende Wirtschaftskrise mit unabsehbarem Ausmaß. Bis es dann auch die Red Sox erwischte - sportlich jedenfalls. Der Titelverteidiger schied im Halbfinale der Playoffs gegen die Rays 3:4 aus. Die Krise ist, oberflächlich und wirtschaftlich betrachtet, noch nicht im 250 Milliarden Dollar schweren US-Profisport angekommen. Die Football-Partie Baltimore gegen Pittsburgh etwa wurde von 11,7 Millionen Zuschauern gesehen - deutlich mehr, als bei der Präsidentschaftsdebatte zwischen John McCain und Barack Obama zuschauten. Bei genauerem Hinschauen sind die Anzeichen für die zu erwartenden harten Zeiten im US-Sport jedoch unübersehbar. "Es wird den Sport erwischen wie ein Tackle von Ray Lewis aus dem toten Winkel", sagt David Zirin, Sportredakteur der Wochenzeitschrift "The Nation".

Deutlichstes Symptom der bevorstehenden Rezession im US-Sport war in der vergangenen Woche die Ankündigung der Basketball-Liga NBA, 80 Angestellte oder neun Prozent der Belegschaft im Front Office zu entlassen. "Wir haben schon vor Monaten gespürt, dass die wirtschaftliche Lage schwieriger wird und haben uns entschlossen, den Gürtel enger zu schnallen", erklärte Liga-Chef David Stern den Schritt.

"Wir konkurrieren mit Milch und Orangensaft"

In der vergangenen Saison waren die Ticketverkäufe erstmals seit Jahren rückläufig, in der nächsten Spielzeit, die Ende 'Oktober beginnt, wird erneut ein Zuschauerschwund erwartet. "Ein Abend bei einem Spiel kostet eine Familie heutzutage ein paar Hundert Dollar", sagt Juan Williams vom Fernsehsender Fox Sports. "Wer Schwierigkeiten hat, seine normalen Rechnungen zu bezahlen, überlegt sich das zweimal." Brett Yormack, Geschäftsführer des Basketballclubs New Jersey Nets, drückt es noch drastischer aus: "Wir stehen nicht mehr nur im Wettbewerb mit anderen Unterhaltungsangeboten, sondern mit der Flasche Milch und mit dem Karton Orangensaft."

Dass ganze Teams oder gar eine komplette Liga pleitegeht, ist allerdings vorerst nicht zu befürchten. Davor ist der Sport noch durch die langfristigen Fernsehverträge geschützt, die in der NFL und in der NBA rund 60 Prozent der Einnahmen ausmachen. "Es wird keinen Absturz geben, wie bei den Banken", sagt der Sportökonom Andrew Zimbalist. "Aber die Wachstumsraten werden schwinden. Es wird eine lange anhaltende Stagnation geben."

Neubau der neuen Marlins-Arena gestoppt

Jetzt schon vom Rückgang betroffen sind Stadion-Neubauten, die ihrerseits für den Verkauf teurer Saisontickets an Firmen und gut situierte Fans notwendig sind. Zum einen können Firmensponsoren in schwierigen Zeiten die hohen Preise für die Namensrechte der Arenen nicht mehr bezahlen. Zum anderen versiegen die öffentlichen Bauzuschüsse, die in Zeiten klammer Steuerkassen radikal zusammengestrichen werden. So ist jetzt schon der Neubau des Stadions der Florida Marlins auf Eis gelegt. Die Subvention von 515 Millionen Dollar ist in einer der amerikanischen Gemeinden, die von der Hypothekenkrise am schlimmsten getroffen wurde, nicht mehr durchzusetzen.

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Am dramatischsten stellt sich die Lage für die Stadt New York dar. Gleich drei Mannschaften wollen hier derzeit in neue Stadien umziehen - allesamt Projekte, die während der fetten Jahre geplant wurden. Nun sind alle drei Bauvorhaben gefährdet. Die Grundsteinlegung für die neue Arena des Basketballclubs New Jersey Nets in Brooklyn wurde bereits auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Finanzierung ist durch die Finanzkrise praktisch unmöglich geworden. Die Stadt, die dringend Steuereinnahmen benötigt, zögert, dem Bauherrn Bruce Ratner die Ausgabe steuerfreier Bauanleihen zu gestatten. Der geplante Hauptabnehmer der Anleihen, das Bankhaus Goldmann Sachs, ist von der Bankenkrise schwer gebeutelt und will sich zu dem Projekt derzeit nicht äußern. Damit wackelt auch der Verkauf der Namensrechte an die Barclays Bank, die ihrerseits durch den Aufkauf von Lehman Brothers belastet ist.

800.000 Dollar für eine Luxus-Suite

Ob die Citibank tatsächlich für die kommenden 20 Spielzeiten jährlich 20 Millionen US-Dollar für die Namensrechte am neuen Baseball-Stadion der Mets zahlen können, bezweifeln die Experten ebenfalls. Die Citicorp musste in der vergangenen Woche jedenfalls einen Milliarden-Quartalsverlust verbuchen. Das neue Yankees-Stadion steht zwar schon, die Rückzahlung der Bauanleihen über 800 Millionen Dollar könnte Yankees-Boss George Steinbrenner jedoch finanziell das Genick brechen. Im Vertrauen auf den Fortbestand eines hochpreisigen Marktes hat er die Arena ganz auf Luxus-Suiten ausgelegt. Bis zu 800.000 Dollar pro Saison sollen diese kosten. Jetzt hat der US-Kongress auch noch gegen die Yankees eine Untersuchung eingeleitet. Steinbrenner und die Stadt New York sollen das Stadion überbewertet haben, um mehr steuerfreie Anleihen ausgeben zu können. Deshalb soll den Anleihen jetzt die Steuerbefreiung wieder entzogen werden.

Die Nets, die sich darauf eingerichtet haben, in ihrer abgehalfterten Halle zwischen zwei Autobahnen in New Jersey zu bleiben, verteilen derweil Saisonkarten auf Pump - die Fans müssen erst am Ende des Jahres zahlen. Nur so glauben die Nets, die Ränge noch einigermaßen voll zu kriegen. An Luxusboxen denkt hier in East Rutherford, nur 15 Kilometer von der Wall Street entfernt, kein Mensch mehr.

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