NBA-Superstar Wade: Zur Exzellenz gedrillt

Von Jan Hieronimi

Er ist der Superstar Miamis und der aktuell beste Spieler der Welt - leider ist Dwyane Wade auch verletzt. Die Heat bangen nun um den Einzug in die Playoffs, Wade um seine fantastische Form und die Fans um die Fortsetzung einer Erfolgsstory, nach der es lange gar nicht aussah.

Es hätte der Beginn von etwas Großem sein können für die Miami Heat. Center Shaquille O’Neal stand nach seiner jüngsten Verletzungspause auf dem Parkett, auch Trainer-Legende Pat Riley saß nach einer Hüftoperation wieder an der Seitenlinie. 26:26 las sich die Siegesbilanz an jenem Mittwoch, alles deutete nach oben, Richtung Playoff-Teilnahme. Das späte Comeback des amtierenden Champions.

Stattdessen ging es im Sturzflug bergab: Dwyane Wade kugelte sich im Spiel gegen Houston die linke Schulter aus. Im Rollstuhl wurde er vom Feld gefahren. Die Ärzte gehen von einer Zwangspause von cirka sechs Wochen aus; immerhin entschied sich Wade gegen eine Operation, die das Saisonaus bedeutet hätte. Nun können die Heat immerhin hoffen, dass ihr Superstar zum Start der Playoffs am 21. April wieder dabei ist - wenn sie denn erreicht werden. Seit Wades Verletzung hat der Meister vier Spiele gewonnen, zwei verloren und mit 31 Siegen und 29 Niederlagen immer noch nur eine knapp positive Bilanz vorzuweisen.

Die niederschmetternde Diagnose kam in einer Phase, in der die Ehrungen nur so einprasselten auf Dwyane Wade Junior. An der Universität von Marquette war vor kurzem sein Trikot mit der Rückennummer drei an die Hallendecke gezogen worden und darf fortan nicht mehr vergeben werden. Die US-Zeitschrift "Sports Illustrated" kürte ihn zum Sportler des Jahres 2006. Und beim All-Star-Wochenende in Las Vegas lief der Guard zum zweiten Mal in Folge in der Startaufstellung des Ostens auf.

Wade ist zudem der ideale Werbeträger: erfolgreich, gutaussehend und dabei (bisher) immun gegenSkandale abseits des Feldes. "In meinen 18 Jahren im Geschäft hatte ich viele Star-Klienten. Aber Dwyane ist eine Ausnahme", sagt sein Agent Henry Thomas. "Jeder Agent würde liebend gern einen Spieler repräsentieren, aus dem das wird, was Dwyane geworden ist. Ob sein Aufstieg schneller kam, als wir gedacht hatten? Allerdings."

Durchbruch in den NBA-Finals

Noch vor drei Jahren galt Wade nicht mal als bester Spieler seines Draft-Jahrgangs. Der Absolvent der Universität von Marquette ging im Hype um LeBron James (Cleveland) und Carmelo Anthony (Denver) unter. Während die beiden designierten Megastars das Scheinwerferlicht absorbierten, verbesserte Wade Jahr für Jahr seine Statistiken, bis er bei den Finals 2006 endgültig den Durchbruch schaffte: Gegen Dallas legte er in der Endspielserie 39,2 Punkte, 8,2 Rebounds und 3,5 Assists im Schnitt auf und wurde nach dem Titelgewinn Miamis zum wertvollsten Spieler der NBA-Finals gewählt. Im Effektivitäts-Rating belegte bis zu seiner Verletzung den ersten Platz - seinen Fabelleistungen verdanken es die Heat, dass sie trotz der langen Pause von Shaquille O’Neal noch gute Playoff-Chancen hatten.

Doch besagte Chancen auf den Einzug in die Postseason dürften nach Wades Verletzung massiv gesunken sein. Denn der bald 35-jährige O’Neal ist nicht mehr fähig, seine Truppe im Alleingang zum Erfolg führen zu können. Die Saison 2006/07 scheint für Miami gelaufen – und damit die vielleicht letzte Chance des Duos Shaq/Wade auf einen weiteren Titel, denn die Formkurve des massigen Hünen zeigt seit Jahren steil nach unten. All das könnte einen ehrgeizigen Profi wie Wade in den Wahnsinn treiben. Doch wer den Werdegang des 25-Jährigen kennt, ahnt, dass selbst die aktuelle Seuchensaison ihn nicht zu schocken vermag.

Zwischen Drogen und Drill

Wade ist kaum geboren, als sich seine Eltern scheiden lassen. Seine Mutter Jolinda ist heroin-, kokain- und alkoholabhängig, nach der Trennung gibt sie sich ihrer Sucht hin. Tagelang dämmert sie auf dem Sofa, während Dwyanes Schwester Tragil sich um ihren Bruder kümmert. Sie ist es, die ihm beim Anziehen hilft, ihn in die Schule schickt, die Essensgutscheine der Wohlfahrt einlöst. Und sie ist es, die ihn 1988 in den Bus packt und bei ihrem Vater abliefert, bei dem Dwyane die folgenden elf Jahre bleibt.

Der Vater ist entschlossen, aus seinem Sohn einen Basketballer zu machen. Er unterzieht ihn täglich harten Drills, fährt ihn zum Training der Auswahl-Teams, und lässt Dwyane mit den drei Söhnen seiner zweiten Frau gegeneinander antreten. "Er war weich, ein Baby", sagt Wades Stiefbruder Demetris heute. "Mit mir und meinen Brüdern hatte er erstmals Männer um sich herum. Und wenn wir spielten, gab es keine Rumheulerei."

Im Hinterhof der Wades wird nicht aus der Distanz geworfen, niemand sagt Fouls an, der direkte Weg zum Korb ist angesagt. Lob aus dem Munde seines Vaters ist Mangelware, auch als Dwyane schon Highschool-Spiele dominiert. "Es gab keine Gnade, er tat mir so leid", erinnert sich seine Ehefrau Siohvaughn, die damals zwei Häuser weiter wohnt. Bei ihr verbringt er sein letztes Highschool-Jahr, da seine schulischen Leistungen unter dem Stress daheim gelitten hatten. Nach zwei starken College-Spielzeiten wird er bei der NBA-Draft 2003 von den Heat verpflichtet. "Egal, was ich erreichte, mein Vater sagte zu mir: 'Das ist noch nichts.' Ich fragte mich immer, wieso er so hart zu uns war. Aber heute verstehe ich es. Er ließ uns damit wissen, dass wir immer noch besser sein konnten", sagt Wade.

Im Sommer unterschrieb er "nur" für fünf weitere Jahre in Florida, aber egal, ob er danach noch in Miami sein oder den Club wechseln wird: Das Mantra des Immer-besser-werden-Wollens hat er verinnerlicht - und nach seiner entsagungsreichen Kindheit noch viel vor. "Früher schien ich mein Schicksal nie zum Guten ändern zu können. Ich versuchte es und scheiterte", sagt Wade. "Es gibt noch so viel, was ich erreichen möchte, darum werde ich immer mein Bestes geben, um es zu schaffen."

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