NBA-Überraschungen: Baby-Bulls und zwei alte Männer

Von Sven Simon

Die heiße Phase hat begonnen: Nur noch knapp zwanzig Spiele haben die NBA-Teams Zeit, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Nach zwei Drittel der Saison ist es Zeit für ein Zwischenfazit. SPIEGEL ONLINE stellt die zehn positiven Überraschungen dieser Spielzeit vor.

Zwei Baby-Bulls in der Fremde

Es war 2001, als Chicago unter großem Hype zwei Highschool-Absolventen verpflichtete. Die beiden damals 18-jährigen Center sollten als "Baby-Bulls" nach Michael Jordan und Scottie Pippen im neuen Jahrtausend eine weitere Dynastie begründen. Fast sechs Jahre später ist nun Zahltag - leider aber nicht für die Bulls. Diese hatten die Geduld verloren und beide Jünglinge in den vergangenen zwei Jahren abgegeben. Eddy Curry (2,11 Meter) legt in dieser Saison als Topscorer der New York Knicks im Schnitt 19,3 Punkte und 7,1 Rebounds auf. Tyson Chandler (2,16) von den New Orleans Hornets schrieb sich im Februar durchschnittlich 13,2 Punkte und 16,1 Rebounds in die Statistiken. Für beide endlich der Durchbruch. Der 32-jährige Ben Wallace, den die Bulls für 60 Millionen Dollar aus Detroit weglockten, liefert diese Saison 6,6 Punkte und 10,7 Rebounds.

Die Klasse von 2003

Mit LeBron James (Cleveland), Dwyane Wade (Miami), Carmelo Anthony (Denver) und Chris Bosh (Toronto) standen erstmals alle vier Aushängeschilder des jetzt schon legendären Draftjahrganges von 2003 gemeinsam auf der großen Bühne des All-Star-Wochenendes. Die Fackelträger der nächsten zehn Jahre liegen mit ihren Teams schon jetzt sicher auf Playoffkurs - das kann für die Beliebtheit der Liga nur gut sein.

Zwei große Altmeister

Eine kleine Sensation sind die Leistungen zweier Basketball-Rentner. Nach dem Fußbruch von Yao Ming half Dikembe Mutombo für die Houston Rockets in der Anfangs-Fünf aus. Als Starter lieferte der Center 10,6 Rebounds pro Abend und hielt Houston in seiner 16. Saison auf Playoffkurs. Gegen Denver putzte er 22 Bälle vom Brett – NBA-Rekord für einen 40-Jährigen.

Auch Übercenter Shaquille O’Neal überzeugt in Miami in letzter Zeit wieder mehr durch Taten als mit markigen Sprüchen. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Dwyane Wade legte der "Diesel" in den vergangenen zehn Spielen 21,2 Punkte und 9,6 Rebounds auf und führte den Meister zu sieben Siegen in Folge. Am beeindruckensten dabei: seine Leistung beim 85:82-Sieg gegen Ostrivale Detroit. Mit 31 Punkten, 15 Rebounds und sechs Assists drehte der 35-Jährige mal eben die Lebensuhr um einige Jahre zurück.

Allen Iverson

Fakt ist: der nur 1,83 Meter große Allen Iverson ist seit elf Jahren ein Phänomen in der Welt des Basketballs. Einen Spieler seiner Statur mit so viel Herz und solchen Korbjäger-Qualitäten auf höchstem Niveau gab es noch nie. Deshalb sollte der 31-Jährige so oft wie möglich zu bewundern sein. Leider schaffte er es in den vergangenen Jahren mit seinen schwächelnden Sixers regelmäßig nicht in die Playoffs. Nach ewigem Theater in Philadelphia können nach seinem Wechsel nach Denver nun alle Basketball-Fans wieder darauf hoffen, "A.I." auch in den Playoffs sehen zu dürfen.

Utah und Toronto

Die beiden Überraschungsteams sind die Utah Jazz (43 Siege/20 Niederlagen; 4. Platz im Westen) und die Toronto Raptors (34/29; 4. Platz im Osten). Die Jazzer um Headcoach Jerry Sloan legten mit zwölf Siegen aus den ersten dreizehn Partien den besten Start der Liga hin. Anders als im vergangenen Jahr konnte Sloan diesmal auf alle seine Profis zurückgreifen, niemand war verletzt. Daneben halfen die Steigerungen von Power Forward Carlos Boozer und Aufbauspieler Deron Williams.

Bei den Raptors lief es umgekehrt. Der Saisonstart des neuformierten Teams war holprig, aber in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres standen neunzehn Siege nur acht Niederlagen gegenüber. Grund für den Erfolg: All Star Chris Bosh und Aufbau T.J. Ford wurden mit vier Europäern und dem von Tel Aviv gekommenen Anthony Parker umgeben. Das europäische Teamplay funktioniert mit fortschreitender Saison immer besser – sechs Profis punkten im Schnitt zweistellig.

Kevin Martin

Das Rennen um die Auszeichnung für den Spieler, der den größten Sprung nach vorne gemacht hat (Most Improved Player), ist bereits seit geraumer Zeit entschieden. Um genau zu sein seit dem ersten Monat, in dem der unbekannte Kevin Martin in dreizehn Spielen durchschnittlich 23,2 Punkte einnetzte und somit zum Topscorer der Sacramento Kings aufstieg – vor All Stars wie Ron Artest und Brad Miller. Zwar gibt es Spieler wie Miamis Jason Kapono, Golden States Monta Ellis oder Utahs Guard Deron Williams, die sich auch erheblich verbesserten, aber nicht wie Martin, der seinen Output innerhalb von zwei Jahren fast um zwanzig Punkte steigerte.

Amaré Stoudemire

Was verbindet Chris Webber, Anfernee Hardaway, Jamal Mashburn, Allan Houston und Amaré Stoudemire? Alle hatten eine Knieoperation, die als Mikrofraktur bekannt ist. Dabei sollen verschleißbedingte Knorpelschäden behoben werden, indem man den verbliebenen Knorpel leicht anfräst und dadurch zur Bildung eines Ersatzgewebes anregt. Zur Folge hat das aber meistens, dass der zum Knie gehörende Athlet einen Großteil seiner Explosivität einbüßt - wie gesehen bei den ersten vier oben erwähnten Spielern. Umso erfreulicher, dass Stoudemire (20,6 Punkte und 9,8 Rebounds im Schnitt) von den Phoenix Suns, der mehr als jeder andere Spieler dieser Liga von seiner Athletik lebt, nach einem Jahr Pause da weiter macht, wo er 2005 in den Playoffs aufgehört hatte.

Kobe Bryant

Der Liga-Topscorer von 2006 macht im Schnitt sechs Punkte weniger als vergangenes Jahr (29,2 statt 35,4 Punkte), aber erstmals scheint Kobe Bryant begriffen zu haben, dass er alleine keinen Titel gewinnen kann. Deshalb versucht er seit dieser Saison seine Mitspieler aufzubauen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Ähnlich wie Bryants großes Vorbild Michael Jordan scheint der Guard der Lakers nun zu wissen, wann er seine Mitspieler einbinden und wann er selber übernehmen muss. Kleine Erinnerung: Jordan holte seinen ersten von sechs Titeln mit 28 Jahren, "KB24" ist jetzt 28 Jahre - hat aber bereits drei Meisterschaftsringe an der Hand.

Dallas Mavericks

Natürlich, die Mavericks waren 2005/06 Finalist, hatten dumm verloren und waren dementsprechend sauer. Zudem hatten sie ihr Team beieinander gehalten und alle Profis waren gesund. Man konnte erwarten, dass Dallas eine gute Saison abliefert. Wo also ist die Überraschung?

NBA-Resultate
Atlanta - Philadelphia 104:92
Cleveland - Sacramento 124:100
Miami - Utah 88:86
New Orleans - New Jersey 108:112
San Antonio - L.A. Clippers 93:84
Minnesota - Indiana 86:81
Chicago - Boston 95:87
Denver - Portland 107:99
Seattle - Detroit 97:101
Es hätte auch sein können, dass das junge Team von den vier Niederlagen in Folge gegen Miami und die vergebene Chance auf den ersten Titel der Clubgeschichte erschüttert ist. Dann gab es am Anfang dieser Saison weitere vier Niederlagen in Serie – das kann Zweifel stärken. Heute ist das Schnee von gestern. Mit 52 Siegen und zehn Niederlagen haben die Mavs einen sicheren Vorsprung auf die zweitplatzierten Suns (49/14). Siegesserien von zwölf, 13 und zuletzt 17 Spielen zeigen die Konstanz von Dirk Nowitzki und Co. Auch wenn es für die Rekordbilanz der Bulls von 1995/1996 (72/10) nicht reichen wird.

David Stern

Der Grund für die Einführung eines neuen synthetischen Balles zum Start dieser Saison war klar: der alte Lederball konnte nicht auf asphaltierten Freiplätzen benutzt werden, der neue schon. Damit wollte man die Verkaufszahlen nach oben treiben. Leider beschwerte sich nahezu jeder Profi, der nicht beim Hersteller Spalding unter Vertrag stand, über den neuen Ball. Zu rutschig, zu künstlich, zu billig sei das Spielgerät und außerdem bekomme man damit Mikrorisse an den Fingern, waren nur einige der Argumente. Ligachef David Stern, der sich zuvor bei ganzjährigen Sperren für den Prügler Ron Artest und der Einführung eines Dresscodes nicht hatte reinreden lassen, knickte zu Weihnachten ein und ließ wieder mit der guten, alten Lederpille zocken. Die geldhungrigen Marketing-Experten wurden besiegt - das ist wohl die größte Überraschung dieser Saison.

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