Super-Bowl-Sensation Der Held von Glendale

Drei Viertel lang bot Eli Manning, Quarterback der New York Giants, eine mäßige Leistung. Doch als sein Team beim Super Bowl schon als klarer Verlierer galt, warf er den Außenseiter mit vier traumhaften Pässen zum Sieg - und schrieb eine außergewöhnliche Familiengeschichte fort.

Aus Glendale berichtet Daniel Killy


Hätte, wenn und aber. Hätten die favorisierten New England Patriots die Super Bowl gewonnen, dann hätte die PR-Abteilung des Teams ihre sorgsam vorbereitete Liste an Superlativen herunterrattern können. Noch während des Spiels hatten die Helfer der Patriots Handzettel an die Journalisten verteilt, in denen all die schönen Statistiken aufgeführt waren.

"Wenn die Patriots gewinnen", hieß es da, dann wären sie das zweite ungeschlagene Team der Ligageschichte nach den Miami Dolphins 1972, hätten die meisten Siege geholt (19), wären das zweite Team gewesen, das jemals binnen sieben Jahren vier Mal den Super Bowl gewonnen hätte und, und, und. Und nichts. Nach den grandiosen Pässen von Eli Manning, Quarterback der New York Giants, taugten die Zettel nur noch für den Mülleimer.

Denn die New England Patriots nutzten ihre Chance im "University of Phoenix Stadium" nicht. Die 42. Auflage des Super Bowl in Glendale/Arizona hatte einen Überraschungssieger, die Giants. Mit 17:14 verdarben die New Yorker den Nachbarn aus Boston die sicher geglaubte Siegesfeier und sorgten für eine der größten Überraschungen in der Geschichte der National Football League.

Der Hauptgrund für diese Sensation lässt sich leicht erklären: Die gefürchtete Offensive der Patriots erreichte nie ihr gewohntes Niveau. Das lag zum einen an der guten Abwehrarbeit der Giants, es lag aber auch an der mangelnden Präzision von Tom Bradys Pässen.

Der Spielmacher New Englands, der sonst die Verlässlichkeit in Person ist, hatte einen ganz, ganz schlechten Tag erwischt. Fünfmal wurde er überrannt, was eindeutig zu viele "Quarterback Sacks" für einen Super Bowl sind. "Wir sind als Team extrem enttäuscht", sagte Brady nach der Niederlage, "der Trainer ist enttäuscht. Wir werden noch Monate an dieser Niederlage zu knabbern haben. Vor fünf Wochen haben wir noch 38:35 in New York gewonnen, diesmal waren wir nicht gut genug, und New York hat unsere Offense zu sehr unter Druck gesetzt."

"Niemand hat einen Pfifferling auf uns gegeben"

Die ersten drei Viertel war allerdings auch von der Offensive der Giants wenig zu sehen. Ein Fieldgoal für New York und ein Touchdown für New England waren die magere Ausbeute. 7:3 führten die Patriots nach 45 Minuten. Bis dahin ließ Manning ebenso wie Gegenüber Brady jegliche Inspiration vermissen. Doch dann kam das letzte Viertel.

Zunächst brachte New Yorks Quarterback sein Team mit einem 45-Yard-Pass weit in die Hälfte der Patriots, dann warf er knapp vier Minuten später einen Pass auf Wide Receiver David Tyree. Und der schaffte, kaum zu glauben, mit dem 7:10 seinen ersten Touchdown der Saison.

"Wir haben die ganze Zeit an uns geglaubt, auch bei dem Rückstand", sagte ein entrückter Manning nach Spielende. "So eine Situation wünscht man sich natürlich. Ein paar Minuten noch, den Ball in der Hand – und wissen, jetzt musst Du einen Touchdown machen." Denn 2:45 Minuten waren noch zu spielen, als New England wieder einmal den Spieß umzudrehen schien. Tom Brady fand mit einem Sechs-Yard-Pass ausnahmsweise einmal seinen Wide Receiver Randy Moss – somit stand es 14:10 für den Favoriten.

Doch den fulminanten Schlussakkord setzte Manning, der in seinem ersten großen Finale die Nerven und die Übersicht behielt. Ein 32-Yard-Pass auf Tyree läutete die Wende ein. 35 Sekunden vor Ende der Partie war es dann Giants-Wide-Receiver Plaxico Burress vorbehalten, das Spiel endgültig zu drehen. Der Mann, der einen 23:17-Sieg seines Teams vorhergesagt hatte, sorgte für den Endstand. Seine vermeintlich kühne Schätzung vor dem Spiel, nach der New Englands Angriffmaschine nur 17 Punkte erzielen würde, wurde von der Realität noch unterboten.

Burress gab sich bescheiden: "Natürlich hatte meine Prognose gar nichts zu bedeuten. Unsere Defense hat heute die explosivste Offense in der Geschichte des Football stoppen können. Niemand hat einen Pfifferling auf uns gegeben. Diesen Titel heute geholt zu haben – das ist das Allergrößte."

Eine schrecklich erfolgreiche Familie

Das Allergrößte allerdings war der "Super Sunday" für Familie Manning. Die war in Gestalt von Vater Archie, Mutter Olivia, dem 2007er Super-Bowl-Champion Peyton sowie dem dritten Bruder Cooper vollständig vertreten – und durfte miterleben, wie Eli nicht nur Peyton als Quarterback des Champions beerbte, sondern auch als bester Spieler des Abends. Zwei Brüder als siegreiche Quarterbacks im Super Bowl – das gab es noch nie. Dass beide auch noch in zwei aufeinanderfolgenden Jahren als "most valuable players" geehrt wurden, schon gar nicht.

Angesichts dieser schönen Randgeschichte schienen sich nicht einmal die Fans der Patriots richtig ärgern zu wollen. Möglicherweise war ja manch einer gar klammheimlich froh darüber, dass New England nicht als Sieger gefeiert wurde.

Denn die von US-Medien als "Spy Gate" titulierte Spionageaffäre um Videoaufnahmen gegnerischer Taktikmeetings ist noch nicht ausgestanden. So sollen die Patriots auch vor ihrem überraschenden Super-Bowl-Sieg 2002 gegen die St. Louis Rams die Strategien der Rams ausspioniert haben, Patriots-Coach Bill Belichick musste bereits 500.000 Dollar Strafe bezahlen.

So gesehen bietet die Niederlage einen Trost: Dass New England die Taktikvarianten der Giants kannte, wird heute wohl niemand behaupten.



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