Washington Wizards: Alles hängt an Jordans Knie

Trotz schwerer Verletzung will Superstar Michael Jordan sein triumphales Comeback bald fortsetzen ­ rechtzeitig genug, um mit den Washington Wizards die Playoffs zu erreichen?

Michael Jordan im Einsatz für die Wizards: Goldjunge im Milliardengeschäft
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Michael Jordan im Einsatz für die Wizards: Goldjunge im Milliardengeschäft

Washington - Ehe sie drüben in der riesigen Sportarena verschwinden, statten Chicagos Basketballfans ihrem Denkmal einen Besuch ab. Es zeigt einen hochsteigenden Spieler, die Linke weit abgespreizt, die Rechte, in der der Ball ruht, im Triumph hochgerissen. Ein hilfloser Abwehrspieler krümmt sich tief unter ihm, ein gesichtsloses Opfer überlegener Kunstfertigkeit. Dazu in den Marmor gehauen die Inschrift: "Dem Besten, den es jemals gab. Dem Besten, den es jemals geben wird."

Das überlebensgroße Standbild auf dem Granitsockel haben sie Michael Jordan schon gesetzt, nachdem er im Oktober 1993 zum ersten Mal seinen Abschied vom Basketball genommen hatte. Er war 30 und ausgebrannt. Daheim in North Carolina hatten zwei junge Schwarze seinen Vater umgebracht, weil sie unbedingt sein Auto haben wollten. Jordan war mit sich und der Welt im Unreinen. Zur Zerstreuung spielte er zweitklassigen Baseball, bis sich die Lebenskrise nach 15 Monaten verflüchtigte. Vier Jahre und drei weitere NBA-Titel später nahm er seinen zweiten Abschied.

Den Körper überfordert


Michael Jordans Erfolgsbilanz
DER SPIEGEL

Michael Jordans Erfolgsbilanz

Jetzt ist er 39 und will es noch einmal erzwingen, diesmal mit den Washington Wizards, einem in den vergangenen Jahren ziemlich erfolglosen Team, auf das die Wahl des besten Athleten in der amerikanischen Sportgeschichte wie ein Himmelslos fiel. Doch bei seinem zweiten Comeback ist Michael Jordan etwas passiert, was in seiner langen Karriere eine Seltenheit geblieben war: Er überforderte seinen Körper und erlitt eine schwere Knieverletzung.

Basketball-Amerika war entsetzt. Die Fans bangten, denn das Bulletin nach der Arthroskopie Ende Februar las sich wie die Beschreibung einer Großbaustelle: Die Ärzte glätteten Knorpel der Gelenkoberflächen, reparierten den gerissenen Außenmeniskus, entfernten reichlich Flüssigkeit und etliche freie Gelenkkörper aus dem Knie. Von einer Arthrose, und somit dem unweigerlichen Ende der Laufbahn, ist allerdings jetzt nicht mehr die Rede.

Es gibt wieder Anlass zur Hoffnung für die Fans der Wizards: Der Megastar, der die Partie gegen die Bulls vergangene Woche vor dem Fernsehschirm im Umkleideraum verfolgte, durfte schon wieder die Krücken ablegen. Wahrscheinlich kann Jordan in der kommenden Woche wieder seine Nummer 23 überstreifen. Das wäre wichtig. Denn dann beginnt die entscheidende Phase in der Meisterschaft, die in die Playoffs mündet. "Wenn wir die Playoffs erreichen, würde mir das so viel bedeuten wie ein Titel", meint der Rekonvaleszent.

Eigener Trainerstab


Vince Carter, Michael Jordan: Anlass zum Staunen
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Vince Carter, Michael Jordan: Anlass zum Staunen

Mit welcher unerbittlichen Konsequenz Jordan seinen gealterten Körper nach dreijähriger Abstinenz zu großer Form und verblüffender Schnelligkeit geprügelt hat, lässt sich nur ahnen. Zwei Stunden vor jedem Training geht er in der Regel in den Kraftraum zu Dehn-, Streck- und Ausdauerübungen. Von jeher begleitet ihn ein eigener Trainerstab, um Schwachstellen etwa im Muskelaufbau auszugleichen.

So brachte es Jordan zu einem Wunder an Beständigkeit: Abgesehen von einem Fußbruch im zweiten Profijahr blieb er von schweren Verletzungen verschont. Elf Jahre lang lief er zu mindestens 78 der 82 Spiele, zu denen dann noch die Playoffs kamen, auf den Court ­ eine monströse Leistung.

Dafür haben die Freunde des Basketballs den Spieler mit der Nummer 23 geliebt, und sie lieben ihn noch: Die Weißen lieben ihn, weil er ein Genie der Ballkunst ist. Die Schwarzen lieben ihn, weil er es zu Reichtum und Ansehen gebracht hat. Die Frauen lieben ihn, weil er blendend aussieht. Corporate America liebt ihn als den idealen Werbeträger für seine Produkte. Das Fernsehen liebt ihn, weil er die Quoten hochtreibt. Die NBA liebt ihn, weil ihm noch immer kein anderer Spieler an Popularität gleichkommt.

Goldjunge im Milliardengeschäft


Die amerikanische Basketball-Liga ist eine einzige Gelddruckmaschine. Größen aus dem Showbusiness und Wall-Street-Banker bezahlen absurde Summen für eine Loge oder einen unbequemen Sitzplatz unten direkt am Spielfeld. Die NBA verkaufte gerade die Fernsehrechte für die nächsten sechs Jahre für 4,6 Milliarden Dollar.

Medienereignis Michael Jordan: Hoch profitables Unternehmen
REUTERS

Medienereignis Michael Jordan: Hoch profitables Unternehmen

Michael Jordan aber ist der Goldjunge im Milliardengeschäft. Als er 1984 Profi wurde, galt Basketball als Sport der Schwarzen, korrupt und drogenverseucht, mit dem sich für die weißen Mainstream-Konzerne Amerikas kein Dollar verdienen ließ. Mit Jordan bewies der Sportartikelhersteller Nike, bis dahin eine kleine Klitsche, das Gegenteil. Nummer 23 war ein wohlerzogener, gut gekleideter junger Mann, der in die Kameras verständige, unanstößige Sätze sprach. So begann eine Revolution im Marketing.

Jordan häufte ein auf 400 Millionen Dollar geschätztes Vermögen an, noch heute verdient er den größten Teil mit seinen Nike-Produkten, mit der Werbung für das Sportlergetränk Gatorade und für einen Palm-Organizer. Sein bescheidenes Wizards-Gehalt ­ eine Million Dollar ­ spendete er einem Fonds für die Opfer der Attentate am 11. September.

Aufschwung dank Jordan


Vor Jordans Rückkehr ins Profileben waren die Washington Wizards ein wirtschaftlich wenig einträglicher Club. Jetzt sind sie ein hoch profitables Unternehmen. Alle Heimspiele seit dem Comeback waren ausverkauft. Sponsoren standen plötzlich Schlange, das Merchandising erlebte einen Aufschwung. Alles in allem liegen die Schätzungen für den Standortfaktor Jordan in Washington bei 50 Millionen Dollar ­ nur für diese Saison.

Sein Agent David Falk hatte ihn 1999, nach dem ­ vermeintlichen ­ Ende seiner Profilaufbahn, mit den Wizards in Verbindung gebracht. Jordan erwarb für 20 Millionen Dollar zehn Prozent der Anteile am Club und behielt sich im Management die Zuständigkeit für die Mannschaft vor. Doch bald gelangte der Manager Jordan zu der Einsicht, dass nur der Spieler Jordan dem Team den Willen zu Kampf und Sieg einzuimpfen vermöge.

Der gealterte Jordan ist für die Wizards seither der Spielmacher und Philosoph. Er ist aber auch der Tyrann, der müßige Mitspieler mit Injurien voranpeitscht und ihnen mit seinen knapp 25 Punkten pro Spiel vormacht, was ihnen fehlt.

Ohne Ball schlich Jordan zuletzt oft auf schweren, altersstaksigen Beinen über den Platz. In jeder Auszeit klappte er seinen Oberkörper zusammen und stützte ihn, die Arme auf den Knien, heftig atmend ab. In den Verschnaufpausen auf der Auswechselbank lagerten immer riesige Eispakete auf dem entzündeten Knie. Jordan gab das als Tribut an das Alter aus ­ und spielte meist 40 der 48 Minuten pro Spiel durch.

Die Jungen staunen


Das angejahrte Genie wollte sich keine Schwäche anmerken lassen, denn die Jüngeren in den gegnerischen Mannschaften, die seine Nachfolge antreten wollen ­ Kobe Bryant, Kevin Garnett, Jason Kidd, Chris Webber, Allen Iverson ­, setzten alles daran zu beweisen, dass er Vergangenheit sei und sie die Zukunft. Und jeder von ihnen fand bisher im Spiel Anlass zum Staunen.

Der alte Jordan ist noch immer unvergleichlich. Er fand immer wieder zur unnachahmlichen Leichtigkeit in diesem Spiel der hochsteigenden Riesenkörper. Und er brachte, wie eh und je, in allerletzter Sekunde den entscheidenden Wurf aus größter Bedrängnis an. In Cleveland, Phoenix und New York rettete Michael Jordan seine Mannschaft vor Niederlagen.

Die Washington Wizards waren zu Beginn der Saison eine seltsame Truppe aus Spielern, die noch nie miteinander gespielt hatten, und einem Superstar, der drei Jahre lang ausgesetzt hatte. Sie fingen ganz gut an, erlebten schlimme Abstürze und rappelten sich wieder auf.

Elegische Berichte über das Knie der Nation


Dann kam der Schock wegen Jordans Verletzung. Die Zeitungen berichteten elegisch über das Knie der Nation, manche Blätter notierten die ersten Fortschritte nach der Verletzung nicht im Sport-, sondern im Politikteil. Wenigstens die Aussicht, die Playoffs Mitte April zu erreichen, hat sich das Team ohne den Superstar in der Zwischenzeit bewahrt.

Michael Jordan, der Geschäftsmann, hat gerade im Nordwesten der Hauptstadt ein Restaurant eröffnet. Und er lässt wissen, dass er nach dieser Saison eine weitere für die Wizards spielen möchte ­ wenn es denn das Knie erlaubt.

GERHARD SPÖRL

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