Von Reinhard Mohr
"O Gott, unsere Pechi!" Mit diesem etwas ziellosen Hilferuf titelte der "Berliner Kurier", die volksnahe Stimme des Ostens, am Samstagmorgen, als die Dopingvorwürfe gegen die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein und die Verhängung einer zweijährigen Sperre durch den Eislaufweltverband (Isu) wie ein Schock durchs Land gingen. Am späten Abend dann, genauer: kurz vor Mitternacht saß Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin bereits zum ausführlichen Gespräch im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. Den ganzen Tag über hatten Pechstein und ihre Berater versucht, durch eine Charmeoffensive mit Interviews und TV-Statements die verheerende Nachricht zu konterkarieren. Tenor: Nichts dran an den Vorwürfen. Die Botschaft: Das muss ein Irrtum sein. Wir werden die Verhandlung vor dem Weltsportgerichtshof (Cas) in Lausanne gewinnen.
Auch gegenüber ZDF-Moderator Michael Steinbrecher, der seine journalistische Aufgabe entschlossen, aber ohne Scharfrichterattitüde anging, beharrte die 37-jährige Rekord-Eisschnellläuferin auf ihrer Kernaussage: "Ich weiß, dass ich nichts Verbotenes getan habe."
Eine klare Festlegung.
Dass bei Pechstein im Laufe der offiziellen Blutwertkontrollen im Februar 2009 während der Mehrkampf-WM im norwegischen Hamar ein erhöhter Wert von Retikulozyten - Vorstufe der begehrten, weil sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen - gefunden wurde, hat sie nach eigener Aussage sehr erstaunt. Die Aussprache des medizinischen Fachbegriffs bereitete ihr keine Schwierigkeiten.
Viel wichtiger jedoch war in diesem Moment Pechsteins Aussehen. Und da überraschte etwas ganz anderes, etwas, das mit roten Blutkörperchen, Hämatokrit- und anderen inneren Werten eher nichts zu tun hat: Sie schien über Nacht erblondet zu sein. Ihre offen getragenen, glatt herunterfallenden Haare, sonst eher rotblond bis brünett, erstrahlten in blondinenhafter Unschuld. Die schwarze Bluse hob den glänzend hellen Eindruck noch hervor, und das dezente Make-up vervollständigte das attraktive Gesamtbild: Auf die Fernsehzuschauer musste sie einfach ziemlich hübsch und sympathisch wirken. So sieht keine Sünderin aus. Kein männlicher Sportler, der unter Dopingverdacht steht, kriegt so etwas hin.
Selbst Pechsteins Entschuldigung für die Lügen gegenüber Freunden über den "Kuhhandel", auf den sie sich beim Abbruch der Wettkämpfe Anfang Februar 2009 in Hamar mit dem Isu eingelassen hatte ("Es tut mir leid"), klang durchaus glaubwürdig. Den Vorwurf, dass sie sich das offizielle Schweigen über den erhöhten Blutwert mit einer vorgeschobenen Erkrankung erkauft habe, sieht sie nun allerdings ganz anders, eher rustikal: "Ich lasse mich nicht noch mal verarschen."
Immerhin war zu bemerken, dass sich die Gesichtszüge der Eisläuferin deutlich aufhellten, als Heinze die angeblich neuesten Winkelzüge des Weltverbands schilderte. Wenn das kein fetter Offensiv-Punkt für die Verteidigungsstrategie war!
Ganz selbstbewusst betonte Pechstein noch einmal, dass bei ihr "niemals" eine "positive Probe" gefunden worden sei. Ebenso souverän ignorierte sie dabei allerdings den Umstand, dass in ihrem Fall der "indirekte Beweis" entscheidend ist, also die Analyse eines abnorm gesteigerten Blutwerts - die Folge von Doping.
Für diese Tatsache hatte Claudia Pechstein selbst keine Erklärung. Etwas unüberlegt (oder war es raffiniert?) sagte sie: "Ich will das ja auch selbst wissen. Kann ja sein, dass ich ernsthaft krank bin." Hier nun trat die Wissenschaft in Gestalt des Pharmakologen Prof. Dr. Fritz Sörgel auf den Plan. Unmissverständlich teilte er mit, dass es für den "sehr überhöhten" Wert bei Frau Pechstein eigentlich "kein Argument" gebe. Kann es also letztlich doch nur Doping gewesen sein? Auch auf eine genetische Anomalie sah der Wissenschaftler keinen Hinweis. Der Nachweis einer derart "natürlichen", gleichsam körpereigenen Ursache für den außergewöhnlichen Blutwert habe bislang auch in anderen strittigen Fällen "noch nie funktioniert". An Claudia Pechstein gewandt schloss er erbarmungslos nüchtern: "Das wird auch bei Ihnen nicht anders sein."
Dieser klaren Aussage konnte auch Pechsteins Anwalt Simon Bergmann nichts Handfestes mehr entgegensetzen, obwohl er noch einmal den "Indizienbeweis" anprangerte und von der Möglichkeit einer "genetischen Blutkrankheit" Pechsteins sprach.
Hätte diese Krankheit Pechstein allerdings nicht auch schon Anfang Februar 2008 plagen müssen, als sie bei der Mehrkampf-WM in ihrer Heimatstadt Berlin über 500 Meter nur Neunte wurde und auch über die 3000 Meter, ihre Paradestrecke, "völlig ausgepumpt" wirkte, wie Beobachter damals formulierten?
Irgendetwas muss seitdem passiert sein. Könnte es damit zusammenhängen, dass sie Anfang 2008 wieder ihren alten Trainer Joachim Franke engagiert hatte?
Als Claudia Pechstein zum Schluss ihres TV-Auftritts noch einmal beteuerte, dass sie jedes Doping hier und heute ausschließen könne - "Ich kann es auch unterschreiben" - waren ihre Lippen plötzlich ein bisschen schmaler als zu Beginn des Gesprächs.
Ziemlich hübsch sah sie da aber immer noch aus.
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Ist doch schön wenn der Mob gröhlt^^ Leider hat er so selten recht dabei. Die sich andeutende laborteshnische Qualitätskatastrophe zeigt nur eins. Indizien.. ich mag sie nicht einmal Indizienbeweise sind nicht ohnr Grund das [...] mehr...
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