Aus Whistler Creek berichtet Christian Gödecke
Es ist das Pathos eines herbeigesehnten Sieges, der Triumph der großen Favoritin. Als Vonn geht, klatschen die US-Journalisten wieder. Sie haben ihre Heldengeschichte. Aber es ist nicht die ganze Geschichte dieses Abfahrtsrennens.
Man kann dieses Rennen auch mit Maria Riesch erzählen, die im Zielraum matt auf ihren Skistöckern lehnt, gebeugt wie eine alte Frau. Oben war sie so anders gestartet als man sie kennt und bewundert und respektiert - zurückhaltend statt aggressiv, vorsichtig statt kämpferisch. "Ich hab's verbockt", sagt Riesch unten und gibt sich selbst die Schuld.
Es ist Verzweiflung und Enttäuschung darüber, dass es nichts wurde mit der herbeigesehnten Medaille. Aber auch das ist nicht die Geschichte dieses Rennens.
"Das kann man einfach nicht mehr kontrollieren"
"Maria Riesch hatte Angst", behauptet Daniela Merighetti. Sie ist Italienerin, sie ist gestürzt in diesem Rennen, wie so viele andere, "der Sprung im Ziel, das sind 60 Meter, das kann man einfach nicht mehr kontrollieren". War Riesch oben gehemmt? Fünfmal vor ihr war die Abfahrt unterbrochen worden, die Französin Marion Rolland war zwei Startnummern vor der Deutschen gleich oben am Starthaus gestürzt und behandelt worden.
"Es ist ein Wahnsinn, dass sie überhaupt laufen kann. Sie ist grün und blau am ganzen Körper." Das sagt Ulf Emilsson, der Trainer von Anja Pärson. Auch Pärson war 60 Meter weit gesprungen, dann hatte sie das Gleichgewicht verloren, sich überschlagen, es sah schlimm aus. Pärson war auf dem Weg zu Bronze. Lindsey Vonn stand als Führende auf einem provisorischen Podium und schaute weg.
"Als ich das gesehen habe, musste ich schreien, aber nicht vor Freude, weil ich Dritte geblieben bin", sagt die Österreicherin Elisabeth Görgl.
Erste Diagnose: Kreuzbandriss
Dominique Gisin stürzte ebenfalls. Elena Fanchini auch. Edith Miklos blieb erst liegen, nachdem sie durch drei Fangzäune hindurchgerast war. Miklos stand kurz auf, doch es ging nicht weiter. Ein Hubschrauber kam und flog die Rumänin auf einer Trage ins Krankenhaus. Erste Diagnose: Kreuzbandriss.
Von 45 gestarteten Fahrerinnen kamen 37 ins Ziel dieser Abfahrt in Whistler Creek. "Franz's Run" heißt die Strecke, 2,4 Kilometer lang, 800 Meter Höhenunterschied, enge Kurven, eisige Flächen, Spitzengeschwindigkeit: 120 Kilometer pro Stunde. Der "Franz's Run" ist die Geschichte dieses Rennens.
Der ehemalige kanadische Abfahrer Brian Stemmle beschreibt die Kräfte, die auf der Strecke wirken, mit einem einfachen Bild. "Es ist so, als würde man ein Klavier auf dem Rücken haben, das einen in Richtung Boden drückt." Die Männerabfahrt nennt Stemmle "mittelschwer". Der Frauenkurs, benannt nach dem ersten Kursbauer Franz Wilhelmsen, sei hingegen gelinde gesagt "eine ziemliche Herausforderung".
"Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe"
"Heiße Luft" heißt der Zielsprung, Tempo 120 haben die Fahrerinnen hier drauf, wenn sie springen. Die Landung ist reine Glückssache. Anja Pärson, Bronzemedaillengewinnerin von Turin und vielfache Weltmeisterin, hatte kein Glück. "Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe", sagt die Schwedin.
Es ist dieser Zielsprung, der schon die ganze Zeit für Kritik sorgt. "Der ist zu mächtig", warnte der deutsche Cheftrainer Mathias Berthold nach dem Training am Montag. Die Sprünge würden zu hoch gehen. Ein bisschen wurde abgetragen, aber nicht genug: Die Schweizerin Gisin, 24, überschlug sich. Zudem hatten die Athletinnen nur einen Trainingslauf, um die Piste kennenzulernen.
Es scheint, als sei der Bogen erneut überspannt worden. Schon bei den Rodlern war Kritik laut geworden an der Geschwindigkeit im Eiskanal, der Georgier Nodar Kumaritaschwili bezahlte den Wahnsinn im Whistler Sliding Centre mit seinem Leben.
"Wir werden versuchen, die Dinge etwas herunterzufahren", sagt Atle Skaardal. Der Norweger, Renndirektor der Abfahrt, steht in einer Traube von Journalisten und versucht sich an so etwas wie einer Rechtfertigung. Der Kurs sei schwierig gewesen, keine Frage, räumt Skaardal ein, "aber er war sicher akzeptabel".
War er?
Bei einer abgebrochenen Trainingssession in der vergangenen Woche musste die US-Amerikanerin Stacey Cook mit einem Hubschrauber von der Strecke geflogen werden. Es gab Warnungen genug, doch erst nach der dramatischen Sturzserie am Mittwoch hat sich beim Internationalen Skiverband die Einsicht durchgesetzt, dass die Strecke zu viele Gefahren birgt. Der Zielsprung soll vor der Super-Kombination am Donnerstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch einmal abgeschliffen werden.
Einen Verantwortlichen hat man dann auch noch gefunden für das Chaos. Es ist nicht die Streckenführung, nicht der Zielsprung, nicht die Geschwindigkeit. Es ist das Wetter. "Die Strecke heute war schneller als erwartet", sagt Skaardal, "es hat geregnet über Nacht, und das hat den Kurs vereist". Wenn es so ist, hilft wohl nur Beten. Und die Hoffnung auf eine Wetterbesserung.
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