Von David Kluthe
Er hat die Story der zweiten Olympia-Woche geschrieben. Aber Sven Kramer hätte gerne auf diesen Ruhm verzichtet. Statt seinen Vorsprung über die 10.000-Meter-Strecke ins Ziel zu retten und sicheres Gold abzuholen, wurde der niederländische Eisschnelllauf-Superstar von seinem Trainer Gerard Kemkers in die falsche Bahn gelotst - und daraufhin disqualifiziert. In der Teamverfolgung am Freitag wollte sich der 23-Jährige nun sportlich ein Denkmal setzen - und erlitt nur eine weitere Enttäuschung. Wie am Dienstag. Wie 2006 in Turin.
Wie ein kleiner Schuljunge saß der damals 19-jährige Kramer in Turin auf dem Eis. Kurz zuvor war er in der Teamverfolgung über ein Begrenzungsklötzchen gestürzt. Der Stolperer kostete seine Mannschaft den Sieg. Die Bronzemedaille fühlte sich für die Goldfavoriten aus den Niederlanden wie eine Niederlage an. "Das war so, als wenn ich im WM-Finale einen Elfmeter verschossen hätte", sagte Kramer später.
Für den Teamwettkampf 2010 plante er die große "Wiedergutmachung" - es wurde wieder nichts. Nach der Halbfinalniederlage gegen die USA, die Kramer und seine zwei Mitläufer Mark Tuitens und Simon Kuipers durch unerklärlich schwache Wechsel ermöglichten, bleibt dem Superstar nur noch die Hoffnung auf Bronze. "Bronze - das ist wirklich nicht das, weswegen wir hierhergekommen sind", sagte Kramer schwer frustriert. Er wollte zu viel und bekam zu wenig. "Ich habe mich die vergangenen vier Jahre lang fast kaputttrainiert. Fast jede Minute habe ich mich mit diesen zwei Wochen in Vancouver beschäftigt - und dann das", sagt Kramer.
Was sich 2006 noch mit mangelnder Erfahrung bei Kramers Olympia-Debüt erklären ließ, lässt sich 2010 in Vancouver nicht mehr so leicht wegschieben. Bei Welt- und Europameisterschaften hat Kramer in der Zwischenzeit alles erreicht, wurde unter anderem dreimal in Folge Einzelstreckenweltmeister über die Langstrecken 5000 und 10.000 Meter. Ausgerechnet bei Olympia hat der 1,85 Meter große Modellathlet immer wieder Pech. Zwar schien der Start in die Winterspiele 2010 in Kanada besser zu verlaufen - Kramer gewann Gold über 5000 Meter. Der Fauxpas seines Trainers brachte den Weltrekordler aber um seine ersehnte zweite Goldmedaille.
Weitsicht nach Wutausbruch
Er rammte seinen Schlittschuh ins Eis, feuerte seine Schutzbrille auf den Boden und beschimpfte seinen Trainer. Doch nach dem impulsiven Wutausbruch auf dem Eis zeigte Kramer Weitsicht. "Ich werde Kemkers nicht verlassen", sagte er mit etwas Abstand. "Ich habe fünf Jahre lang unter ihm gut trainiert und durch ihn viele Erfolge gefeiert. Ich habe ihm viel zu verdanken." Eine solche Zusammenarbeit könne man nicht einfach so beenden. "Auch nach einem großen Fehler nicht."
Kemkers' Aussetzer ist auch Tage später noch unerklärlich, dem Aktiven, der Öffentlichkeit und Kemkers selbst. Trotzdem hängt Kramers Erfolg zu großen Stücken auch mit seinem Trainer zusammen. Er ist mitverantwortlich für die niederländische Ausnahmestellung im internationalen Eisschnelllauf. Das hat der 23-jährige Oranje-Star anscheinend eingesehen. Es ist sein zweites olympisches Turnier, er ist nicht mehr der kleine, unerfahrene Junge auf dem Eis.
Die niederländischen Medien sind daher auch weniger geduldig. Nach dem Desaster vom Dienstag war noch klar gewesen: Der Schuldige war mit Trainer Kemkers schnell gefunden. Ein Betriebsunfall. Aber nach der Halbfinalpleite im Teamwettbewerb kippt die Stimmung. Vom "nächsten Fiasko" und "Debakel" schreibt die "Volkskrant" - und die zählt zu den einflussreichsten Zeitungen im Nachbarland. Dreimal Gold für Kramer hatte der Boulevard fest auf der Rechnung - und die vom Erfolg verwöhnten Frauen gingen im Team sogar komplett leer aus. Gegen Friesinger und Co. hatten die Niederländerinnen im Viertelfinale keine Chance.
Für die Niederlande zählt nur Gold
Die Eisschnelllauf-Nation Niederlande akzeptiert nur Siege. Schließlich gehen 81 der 84 niederländischen Medaillen bei Winterspielen auf das Konto der Eisschnellläufer. Die Goldmedaille in der 2006 eingeführten Teamverfolgung fehlt den Niederlanden weiterhin in der Sammlung. Bei den Männern und bei den Frauen.
Dass Kramer die Qualitäten hat, ein Champion zu sein, den auch die Nachwelt in Erinnerung behält, bezweifelt noch niemand. "Er ist eine Klasse für sich", sagt US-Läufer Hedrick, der 2006 über 5000 Meter vor Kramer Gold gewann. Coach Kemkers sieht es ähnlich: "Neben den körperlichen und den sportlichen Fähigkeiten braucht man auch die richtige Wettkampfmentalität", erklärt er. "Von allem hat Sven Kramer eine ganze Menge."
So enden diese Spiele "nur" mit einmal Gold für den 23-Jährigen. Auch auf den Sieg in einem weiteren Duell muss Kramer warten: Durch seinen Erfolg über 5000 Meter zog er mit seiner Freundin Naomi van As gleich, die mit dem niederländischen Hockeyteam 2008 in Peking Gold gewann. "Ich möchte eine Goldmedaille mehr haben als sie", sagte Kramer vor den Spielen. Vielleicht steckt hinter dem Patzer des Trainers ja auch seine Freundin.
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Eines vorweg - es tut mir leid für den Jungen, dass er die sportlich hochverdiente Goldmedaille nicht geholt hat. Allerdings: Die Aussage "Ich möchte eine Goldmedaille mehr haben als sie" steht in meinen Augen eher [...] mehr...
"Ich habe mich die vergangenen vier Jahre lang fast kaputttrainiert. Fast jede Minute habe ich mich mit diesen zwei Wochen in Vancouver beschäftigt." Ich hoffe, er ist jetzt kuriert für die Zukunft. Ist auch billiger [...] mehr...
Erst macht der Trainer einen schlimmen Fehler, indem er Kramer in die falsche Bahn leitet, dann signalisiert er seinen Jungs "Nur nicht nervoes werden, die US-Gruenschnaebel liegen im Moment zwar vorn, doch geht denen [...] mehr...
Was für eine Tragödie! Ich weiß nicht, wer mir mehr leid tat: Der verzweifelte Trainer, oder der Schnellläufer, der sich ahnungslos dem vermeintlichen Olympiasieg entgegen kämpfte. Ich hätte mir sehr, als kleines [...] mehr...
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