Von Peter Ahrens
In der holländischen Sportgeschichte hat der Ausdruck des "fatale wissel", des verhängnisvollen Wechsels, einen festen Platz. Bis Dienstagnacht war diese Formulierung fest mit dem Fußballtrainer Dick Advocaat verbunden, der bei der Europameisterschaft 2004 seinen Jungstar Arjen Robben bei einer 2:0-Führung gegen die Tschechen ohne Not vom Platz nahm und Oranje anschließend noch 2:3 verlor. Seit Dienstag ist Advocaat dieses Etikett an Gerard Kemkers losgeworden.
Kemkers ist ein erfahrener Trainer. Er gilt als ein Vater des Erfolges der niederländischen Eisschnelllauf-Männer. Er hat viele junge Athleten in die Weltspitze geführt - ein Goldschmied, ein Perfektionist. Kramer hat er souverän zum 5000-Meter-Gold in Vancouver gebracht, mit Mark Tuitert hat das holländische Männerteam bei diesen Spielen zudem schon eine zweite Goldmedaille erlaufen - dass Kramer Gold Nummer drei einfahren würde, war in den niederländischen Medien nur noch Formsache.
Willem-Alexander wusste gleich Bescheid
Bis Kemkers kam. Er rief seinem locker auf Goldkurs laufenden Schützling in Runde 17 der Langstrecke zu, die Bahn von außen nach innen zu wechseln. Kramer stutzte zwar, aber tat im letzten Moment, wie ihm geheißen - damit war der "fatale wissel" passiert. Der Kronprinz, der sich zusammen mit seiner Familie bisher keinen einzigen Wettkampf im Richmond Olympic Oval hatte entgehen lassen, wusste als kundiger Eisschnelllauf-Experte sofort, was da in Runde 17 von 25 schiefgelaufen war - während Kramer noch acht Runden zu laufen hatte und lediglich an der Stimmung im Stadion merkte: Irgendetwas stimmt hier nicht. "Du hoffst noch, dass du dich geirrt hast, aber du weißt eigentlich schon: Es ist vorbei", sagte Kronprinz Willem-Alexander dem holländischen Boulevardblatt "De Telegraaf".
Für die Medien in den Niederlanden ist Kramers Disqualifikation das große Thema, Regierungskrise hin oder her. Alle großen Zeitungen haben ihre Web-Seiten freigeräumt für das "Drama Kramer", wie "De Telegraaf" titelt. Das Blatt hat Sonderberichterstatter in Marsch gesetzt, die sich nur um Kramer und seinen Trainer kümmern. Die Niederlande, das klassische Eisschnelllauf-Land, hat sein historisches Olympia-Ereignis. Fast sieben der 16 Millionen Holländer saßen in der Nacht vorm Fernseher, um Kramer siegen zu sehen.
Der bedauernswerte Kemkers, der sich von seinem tief frustrierten Athleten anschließend auch noch als "klootzak", als Arschloch beschimpfen lassen musste, hat alle Schuld auf sich genommen. Kemkers ist nie einer gewesen, der seine Person in den Vordergrund gestellt hat. Jetzt gehören ihm die Schlagzeilen des Tages. Der Chef de Mission, Henk Gemser, hat den Trainer erst einmal vor den Medien komplett abgeschirmt: "Wir haben einen ruhigen Platz für ihn gefunden. Er musste erst einmal landen." Am Nachmittag will Kemkers eine Pressekonferenz geben.
Rückendeckung von den Athleten
"Ich fände es schrecklich, wenn er jetzt von den Medien verbrannt wird", springt die holländische Star-Läuferin Renate Groenewold dem Trainer zur Seite: "Er ist ein Top-Coach, einer, der viele Champions hervorgebracht hat." Groenewold hat acht Jahre lang mit Kemkers zusammengearbeitet, ist mit ihm Weltmeisterin geworden, hat zweimal olympisches Silber geholt.
Groenewold hat selbst einmal von einem ähnlichen Schnitzer profitiert. Im Weltcup 2001 hatte ihre Gegnerin versucht, so lange wie möglich im Windschatten der Niederländerin zu bleiben und dabei den Bahnenwechsel komplett verschlafen. Die damalige Pannen-Athletin: Deutschlands ehemalige Vorzeigeläuferin Gunda Niemann-Stirnemann.
Während es völlig offen ist, ob Kramer jetzt noch bereit ist, Kemkers weiter als Trainer zu akzeptieren, wird der Pech-Coach im Internet bereits verspottet. In einem fingierten Foto sitzt Kemkers als Kandidat beim holländischen Ableger von "Wer wird Millionär" und brütet über der Frage: "Welche Bahn hätte der holländische Top-Läufer Sven Kramer in Vancouver 2010 nehmen müssen?" Kemkers hat alle seine Joker bereits verballert und entscheidet sich natürlich auch hier falsch.
Auf anderen Social Networks posten:
[QUOTE=deeai;5092659]. Kramer hat seinen Trainer nicht als Arschloch bezeichnet, sonder als "Klootzak" und das ist in diesem Zusammenhang mit Idiot oder Blödmann zu übersetzen. QUOTE] Stimmt, "Klootzak" [...] mehr...
Die besten, soll heissen die effektivsten Verhältnisse zwischen einem Trainer seinem Athleten sind immer ambivalent und von Hassliebe gekennzeichnet. Anders geht es wohl kaum, wenn man einen Sportler zu Höchstleistungen zwingen [...] mehr...
Nicht so viel hineininterpretieren. "Es sah so aus als wollte Sven Kramer seinen Trainer verprügeln" wird hier überall gern geschrieben. Ich hab die Szene nach dem Lauf auch gesehen und für mich sah es nicht danach [...] mehr...
Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, wieviel Millionen mit einer Disqualifikation Kramer´s im Wettbüro verdient wurden. Ich würde mal sagen, auch Trainer könnten nur Menschen sein und wenn die angebotene Summe [...] mehr...
Das ist er definitiv nicht, wenn er ihn als "Arschloch" bezeichnet und verprügeln will. Ich möchte wetten, dass in 999 von 1000 Fällen der Trainer recht hat, wenn sich Läufer und Trainer uneins über den Wechsel [...] mehr...
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