Aus Whistler berichtet Christian Gödecke
Vielleicht war es ein ernstgemeinter investigativer Versuch des deutschen Journalisten, das Überraschende zu erklären. Vielleicht war es aber auch einfach nur Verzweiflung, als er Viktoria Rebensburg im deutschen Haus fragte, ob ihre Eltern schon bei der Namensgebung dieses Olympia-Gold im Sinn hatten. Viktoria, die Siegesgöttin, Gewinnerin im Riesenslalom, saß im weißen Shirt auf einem weißen Stuhl und sagte: "Ich glaube nicht."
Maria Riesch wurde nach ihrem zweiten Olympiagold in den Heiligenstand des Alpinsports erhoben und man war in dem Zusammenhang irgendwie froh, dass nicht ihre Schwester Susanne gewonnen hatte. Ihr Vorname hätte einfach nicht dazu gepasst. Wenn man so will, hätte sich also auch Felix Neureuther gut in dieser Reihe gemacht. Felix, der Glückliche, strahlend im Zielraum des Olympischen Slaloms, jubelnd über Gold oder Silber oder einfach nur eine gute Zeit.
"Im ersten Moment kann man gar nicht glauben, dass es schon vorbei ist", sagt Neureuther stattdessen. Er sieht überhaupt nicht glücklich aus. Der Slalom war für ihn nach 27 Sekunden des ersten Durchgangs beendet, an einer Stelle kam der Medaillenkandidat in Rücklage und schied aus. Es sind die zweiten Olympischen Spiele für Neureuther, und wieder haben sie ihm kein Glück gebracht.
Neureuther ("Ich bin ja erst 25", "Ich bin trotzdem einer der Besten der Welt") schafft es später mit Hilfe von Autosuggestion, dass wenigstens der Optimismus nicht an einer Stange einfädelt. Wolfgang Maier schafft es nicht. Der Alpin-Chef des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) verweist auf den achten Platz Neureuthers im Riesenslalom, er habe gehofft, dass sich sein Schützling wenigstens "im offenen Fight" geschlagen geben könnte. Oder sogar eine Medaille gewinnt. "Und dann scheidet er aus, das ist schon bitter."
102 Läufer gingen an den Start - 44 schieden aus
In Turin vor vier Jahren hatte Neureuther keines seiner beiden Rennen beendet, Vancouver lief also nicht ganz so schlecht wie 2006. Aber auch nicht viel besser. "Sehr schade, für den Felix tut's mir wahnsinnig leid. Jetzt müssen wir ihn trösten", sagt Neureuthers Mutter Rosi Mittermaier in Whistler. Ihr Sohn hatte noch vor vier Wochen beim Slalom von Kitzbühel seinen ersten Weltcupsieg gefeiert, der Vater Christian war dem Sohn weinend um den Hals gefallen. Vielleicht hatten Frau Mittermaier und Herr Neureuther bei der Namensgebung genau diesen Moment im Sinn gehabt.
Immerhin, Neureuther befand sich mit seinem Aus im ersten Durchgang in prominenter Gesellschaft. 44 von 102 gestarteten Läufern schieden aus, darunter der dreimalige Medaillengewinner Bode Miller (USA), sein Landsmann Ted Ligety (Kombinations-Olympiasieger von Turin) - und Manfred Pranger. Pranger, das muss man wissen, ist der Weltmeister von 2009 im Slalom. Und außerdem ist er Österreicher.
Die Enttäuschung, die der DSV nach dem Ausscheiden Neureuthers empfand, wurde überlagert durch die Siege von Riesch und Rebensburg. Am Ende wird die deutsche Alpin-Abteilung die Spiele von Vancouver immer noch als einen einzigen, riesigen Erfolg betrachten. Die Gefühlslage in Österreich dagegen schwankt zwischen Weltuntergang und irgendetwas noch Schlimmerem.
Österreichs "Blechsträhne"
"Blechsträhne" schrieb der "Kurier". "Wir sind nur noch Ski-Zwerge!", jammerte "Österreich". Und weil es immer noch ein bisschen gemeiner geht, ätzte der Kommentator des Staatsfernsehens ORF nach dem Super-G der Männer: "Wir müssen sagen: Österreich ist eine Rodelnation." Von wegen tu felix, Austria!
Österreich ist natürlich keine Rodelnation. Das Land war immer eine Skination, aber auch dessen kann man sich im Moment nicht mehr sicher sein. Im Rodeln hat das Land immerhin Silber bei den Frauen und Gold im Doppelsitzer der Männer geholt. Im Alpin-Bereich der Männer gähnt eine grausame Null. Wie schlimm die Situation wirklich ist, belegen die Zeitungen seit Tagen mit eindeutigen Statistiken. Seit 1948 haben die Männer immer eine Medaille von Olympischen Spielen mitgebracht, seit 1988 immer mindestens einen Olympiasieg.
Alle hofften deshalb auf Schadensbegrenzung durch Benjamin Raich im Slalom. Raich ist der Doppel-Olympiasieger von Turin, es waren zwei von insgesamt acht Medaillen der alpinen Österreicher. "Ich bin überzeugt, dass wir noch eine Medaille holen. Wir haben das stärkste Slalom-Team der Welt", sagte Toni Giger, der Chef des Herren-Teams. In acht Slalom-Weltcups vor Vancouver war die Mannschaft neunmal auf dem Podium vertreten. Nach dem ersten Lauf in Whistler lag Raich auf Platz drei.
Und nach dem zweiten auf Platz vier.
Gold geht an Italien, Silber an Kroation, Bronze an Schweden. Blech für Österreich, das Debakel ist perfekt. Es gibt jetzt kein Rennen mehr in Vancouver, in dem Österreich noch eine Medaille holen könnte.
Abrechnung in Österreich
Jetzt wird abgerechnet. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, um die Ursachen für die Schmach zu finden. Eine liegt auf der Hand: In Österreich wurde schon immer in großen Gruppen trainiert, und weil es so lange so gut ging, machte man einfach weiter. Die Schweizer hingegen üben in kleinen Gruppen, die Senioren aus der Westschweiz Didier Defago und Didier Cuche bilden eine, die Talente um Carlo Janka eine andere. Defago und Janka wurden Olympiasieger.
ÖSV-Herrenchef Giger deutete bereits an, Verantwortung übernehmen zu wollen. Er wird zurücktreten, alles andere wäre in etwa eine so große Überraschung wie der Auftritt der Männer in Vancouver.
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Großer Quatsch, das hat doch nichts mit Hormonen zu tun, sondern mit ihrem Talent und nicht zuletzt ihrer Hartnäckigkeit, diesen Stil gegen die Trainer durchzusetzen. Man hat ihr gesagt, dass eine Frau das nicht fahren kann, [...] mehr...
So ist es. Sie fährt einen Männer-Stil, viel mit dem Innenski und Rücklage. Dadurch kann sie die direktere Linie fahren und mehr beschleunigen. Außer ihr sind es m.E. nur Schild im SL und Vonn in der Abfahrt, die ähnliches [...] mehr...
Du hast Wolfi Meyer und Mathias Berthold vergessen, die das dzt. wohl beste Damen-Alpin-Team der Welt geformt haben. Von 5 Rennen bei Olympia 3 gewonnen, 3 mal Gold, dazu noch die amtierende Weltmeisterin im Riesenslalom. Das [...] mehr...
Ein sehr gutes Statement zu der ganzen Problematik! mehr...
Okay, das ist wenigstens mal ein Statement. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass es kein Doping gibt, es gibt ganz sicher viel viel mehr Doper als die, die überführt werden. Ich wehre mich nur gegen folgende Pauschalisierung: [...] mehr...
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