Von Peter Ahrens
Friedhelm Julius Beucher ist unglücklich. Der Chef des deutschen Behindertensportverbands beklagt sich über die "Mediennische", in der seine Sportler feststecken. Verena Bentele, Anna Schaffelhuber und Martin Braxenthaler - wenn sie Neuner, Riesch oder Friesinger hießen, wären sie große Nummern. Doch das tun sie nicht, das sind sie nicht, und sie starten bei den Paralympics, die am Freitag in Kanada beginnen - fast niemand kennt sie.
Beucher, früher Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, sieht überall Anzeichen dafür, dass die Behindertensportler nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. Als die deutschen Medaillengewinner der Olympischen Winterspiele nach den Wettkämpfen in München begeistert empfangen wurden, stand auch die offizielle Verabschiedung des Paralympics-Teams für diesen Tag auf dem Programm. Aber alle Journalisten schauten in München nur auf die Olympioniken. "Wir waren zwar dabei, aber wir kamen nicht vor", sagt Beucher.
Im Vorjahr wurde der International Paralympics Day in Berlin abgehalten. Das Großereignis fand lediglich in der Lokalpresse Beachtung. Bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin sollte ein Behindertenwettbewerb PR für die Paralympics machen. Er fiel aus organisatorischen Gründen aus.
"Wir verlangen lediglich Respekt für unsere Leistungen", sagt Beucher.
15.000 Euro bei Olympia - 4500 Euro für Paralympics-Gold
Dabei geht es auch ums Geld. Für olympisches Gold gibt es 15.000 Euro Prämie. Für einen Paralympics-Sieg lediglich 4500 Euro.
Nach den Paralympics will sich Beucher mit den Verantwortlichen der Sporthilfe zusammensetzen, um das zu ändern. "Ungleichbehandlung" konstatiert der Verbandschef: "Das Verhältnis passt einfach nicht."
Beucher hantiert argumentativ mit einer Studie der Agentur Sport und Markt, der zufolge sich eine Mehrheit der Bundesbürger mehr Behindertensport im Fernsehen wünscht. 58 Prozent der Befragten sind demnach für eine Ausweitung der Paralympics-Berichterstattung in den Medien. "Diese Studie ist für mich ein wunderbares Entrée, um durch die Gegend zu ziehen und unsere Sache vorzutragen", sagt der Verbandschef über die Untersuchung - die allerdings der Behindertensportverband selbst in Auftrag gegeben hat.
Es gibt genug Modelle, um den Paralympics aus der Nische zu helfen. Beucher würde sich wünschen, einen Behindertensport-Wettkampf in die regulären Olympischen Spiele einzubetten - und umgekehrt: "Ein Demonstrationswettbewerb würde mir schon reichen." Dass die Paralympics zeitlich immer den Olympischen Spielen hinterherhinken, statt Wochen vor den Spielen als Vorgeschmack auf Olympia terminiert zu werden, hilft in Sachen medialer Aufmerksamkeit auch nicht besonders weiter.
Fast alle Deutschen sind Medaillenanwärter
Nur 20 deutsche Athleten haben sich am Montag von Frankfurt aus auf den Weg nach Kanada gemacht. Ein kleines Grüppchen, wenn man bedenkt, dass insgesamt 540 Sportler aus 44 Ländern antreten. Dennoch gehören fast alle in der deutschen Equipe zu den Medaillenanwärtern in ihren Disziplinen. "Wir alle sind in Top-Form, und ich denke, dass wir gute Leistungen bringen können", sagt Aktivensprecher Frank Höfle. Der 42-Jährige zählt zu jenen, für die alles andere als Edelmetall in Vancouver enttäuschend wäre. 13 Goldmedaillen hat er im Biathlon und im Langlauf errungen, dazu holte er paralympisches Gold bei den Sommerspielen 1992 in Barcelona. Als Radfahrer.
Kein Wunder, dass Beucher von "echten Top-Leistungen" spricht, die seine Sportler in den kommenden zehn Tagen bringen müssen. "Man muss kein Skifahrer sein, um zu verstehen, was es heißt, als blinder Athlet eine Piste herunterzufahren, an der bei Olympia viele Sportler gescheitert sind - nur angewiesen auf das akustische Signal, das ein sehender Vorläufer ihm gibt."
Das Fernsehen wird in Vancouver durchaus dabei sein. Doch nach den Spielen wird der Behindertensport dann wieder weitgehend vergessen, klagt Beucher. Das langfristig zu korrigieren, ist seine Mission. Dafür wirbt er in den Fernsehanstalten und Verlagshäusern. Das sei "ein hartes zähes Arbeiten", sagt der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete. "Das Kämpfen habe ich gelernt."
Beucher war in seiner Jugend Boxer.
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Ist doch so einfach: den normalen olympischen Spielen die der Behinderten eingliedern, als weitere Wettkaempfdisziplinen integrieren, und bei den Nationenwertungen auch diese Ergebnisse mitzaehlen. mehr...
Könnte nicht der SPIEGEL den Anfang machen und im gleichen Umfang Vorberichte bringen, wie bei den vergangenen Winterspielen der nicht Behinderten? Diese Larmoyanz des Autors des Berichts ist schon ein bisschen .... na ja, [...] mehr...
In der Regel ist es doch - außer für Anverwandte und Fans der jeweiligen Sportart völlig uninteressant. Damit mich keiner mißversteht - ich habe großen Respekt vor Menschen, die ihre Schicksalsschläge überwunden haben und [...] mehr...
Sie haben absolut Recht, doch sind es zumeist nicht die behinderten Sportler die jammern, sondern andere die oftmals nichts aber auch gar nichts mit Behindertensport zu tun haben. Ein Punkt, der hier noch nicht angesprochen [...] mehr...
Wie? Was? Ich dachte, es ginge um "Ehre", "Ruhm", "Renomee", "Prestige, ""Völkerverständigung", "Dabeisein ist alles", "Förderung des Breitensports", [...] mehr...
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