Von Sebastian Winter
Es fällt kaum auf, das Gedicht von Wilhelm Busch am Eingang des Hotel-Speisesaals: "Will das Glück nach seinem Sinn / dir was Gutes schenken / sage Dank und nimm es hin / ohne viel Bedenken", heißt seine erste Strophe. Verena Bentele läuft an diesem Gedicht vorbei, ohne es zu sehen. Selbst wenn sie es sehen könnte, hätte die 29-jährige Wintersportlerin an diesem kalten Januarmorgen wohl keine Augen dafür.
Die Frau mit den blonden Haaren hat gut gefrühstückt, Brötchen, Orangensaft, viel Kaffee wie immer. Nun beginnt für sie ein neuer Trainingstag im schneesicheren Hochtal von Balderschwang im Allgäu, der nur einem Ziel dient: der Vorbereitung auf die Paralympics in Vancouver und Whistler. Schnee rieselt aus dem grauen Himmel, das Thermometer zeigt minus vier Grad. Bentele hakt sich bei ihrem Begleitläufer ein, der für die blinde Sportlerin so etwas ist wie ein Kompass. Auf der anderen Straßenseite liegt der Start ihrer Übungsstrecke: die Dorfloipe geht später in die Wäldleloipe über, danach in die Riedbergpassloipe, schließlich endet sie in einem abgelegenen Tal mit dem Rundkurs der Scheuenloipe. Die beiden Athleten starten mit kraftvollem Skatingstil.
Seit Samstag kämpfen sie bei den Paralympics in Vancouver und Whistler mit mehr als 500 Behindertensportlern um Gold, Silber und Bronze. Bentele, Literaturstudentin aus München, Langläuferin und Biathletin, ist bereits vor diesen Spielen eine der erfolgreichsten Athletinnen im Handicap-Bereich. "Ich will in jedem meiner fünf Rennen um eine Medaille laufen. Fünfmal Bronze wäre aber eine Enttäuschung", hatte sie vor den Paralympics gesagt. Am Samstag gewann sie in der Biathlonverfolgung das erste Gold für Deutschland, am Montag folgte der nächste Sieg, diesmal im Langlauf über 15 Kilometer, Mittwoch schließlich die dritte Goldmedaille, dieses Mal wieder im Biathlon, über 12,5 Kilometer.
So selbstbewusst kann nur sein, wer viermal Weltmeisterin wurde. Wer bei den Spielen der Behinderten seit 1998 nun zehnmal ganz oben auf dem Treppchen stand. Und wer im vergangenen Jahr durch das tiefste Tal seiner Sportkarriere gehen musste.
"Wir waren kein optimales Team"
Im Januar 2009 hatte Bentele bei den Deutschen Meisterschaften in Nesselwang einen Unfall. In einer Kurve fuhr sie aus der Langlaufspur und stürzte einen Abhang hinunter. Diagnose: Kreuzbandriss im rechten Knie, Prellungen, Fingerverletzungen. Doch das Schlimmste war, dass eine ihrer Nieren seither nicht mehr funktioniert. Bentele möchte nicht mehr darüber nachdenken, auch nicht über ihren damaligen Begleitläufer, dessen Anweisungen sie vertraute: "Wir waren kein optimales Team. Es ist gegessen und vorbei."
Eine große Narbe auf dem Bauch erinnert sie an das Unglück, ihr Blutdruck muss regelmäßig kontrolliert werden. Im Krankenhaus bekam Bentele damals Besuch von Bundestrainer Werner Nauber. "Das erste, was er mich fragte, war: Wann machst du wieder Sport?" Sie kehrte zurück nach Wellmutsweiler, einer Ansammlung von sechs Bauernhöfen in der Nähe des Bodensees. Ihre Eltern päppelten sie auf, hinter ihrem älteren Bruder Johannes saß sie auf dem Tandem, wie früher.
Als Bentele sechs Jahre alt war, kam an einem Montagmorgen ein Bus, der sie tief in den Schwarzwald fuhr, zu einer privaten Blinden- und Sehbehindertenschule in Heiligenbronn. Erst Freitagnachmittags kehrte sie zurück, Woche für Woche. Sie hatte Heimweh. Immerhin war ihr zweiter, wie sie blinder Bruder Michael auch auf der Schule. "Er half mir sehr." 1993, sie war elf, fragte die Sportlehrerin, ob sie zu einem Langlauflehrgang mitwolle. So begann ihre Karriere. Mit 13, sie besuchte mittlerweile die Landesblindenschule in München, fuhr sie erstmals zu einer bayerischen Meisterschaft im Skilanglauf. 1998 wurde sie für die Paralympics in Nagano nominiert, als 16-Jährige. Bentele gewann Gold im Biathlon. 2002 kamen in Salt Lake City vier weitere Goldmedaillen hinzu, in Turin 2006 nochmals zwei. In jenem Jahr wurde sie vom Deutschen Behindertensportverband zur Sportlerin des Jahres gewählt.
Sieg trotz dreier Fehlschüsse
Nach dem schlimmen Unfall von Nesselwang hatte Bentele ein Motivationsloch. Sie kämpfte sich durch die Physiotherapie, sprach mit Psychologen, trainierte im Sommer auf der Münchner Theresienwiese mit Rollerskates. Doch das Schwierigste war, einen neuen Begleitläufer zu finden. Es ging vor allem um eines: Vertrauen zu finden. "Ich brauche eine gute Beziehung zu meinem Begleitläufer. Im Sommer musste ich das neu lernen." Thomas Friedrich war ihr Glücksgriff. Der 39-jährige Diplomsportlehrer hatte bei den Paralympics in Turin Benteles Bruder Michael begleitet und danach eigentlich seine Karriere beendet. "Ich hätte nicht mehr angefangen, wenn mich das Projekt Verena nicht interessiert hätte", sagt Friedrich. Es passte zwischen ihnen, von Anfang an.
Bentele und Friedrich sind ungeschlagen in dieser Saison. Anfang Februar gewannen sie den Gesamtweltcup im Langlauf und drei deutsche Meistertitel. Als sie sich am Samstag in Whistler Mountain auf den Weg zu Gold machten bei der Verfolgung im Biathlon, hakte es nur beim Schießen ein wenig, das bei den Sehbehinderten nicht mit Kugeln, sondern mit einem Lasersystem und Akustiksignalen funktioniert. Benteles Zitterdisziplin. Tausendfach hat sie geübt, zuletzt in Toblach, Südtirol, wo das deutsche Nationalteam sein Abschluss-Trainingslager hatte. Trotzdem machte sie drei Fehler. Es reichte, Bentele kam 43 Sekunden vor der Russin Liubov Vasilyeva ins Ziel.
Die Konkurrentinnen werden sie nun umso mehr fürchten auf den zwei restlichen Biathlon- und Langlaufstaffeln, denn Bentele ist zurück in der Goldspur. Nach einem Jahr der Leiden.
Das Gedicht von Busch in Balderschwang könnte für sie auch dahingehend ein kleines Zeichen sein, denn es hat noch eine zweite Strophe: "Jede Gabe sei gegrüßt / Doch vor allen Dingen / Das worum du dich bemühst / Möge dir gelingen!"
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