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22.03.2010
 

Paralympics-Bilanz

Geldnot trotz Goldflut

Aus Whistler berichtet Daniel Drepper

Paralympics-Abschlussfeier: Feuer und Flamme
Fotos
dpa

Die deutsche Paralympics-Mannschaft steht im Zenit. Doch schon bei den Winterspielen in Sotschi tritt womöglich keiner der Goldmedaillengewinner von Vancouver mehr an. Schlechte Aussichten - denn es gibt große Probleme bei der Suche nach Talenten und Fördergeldern.

Mama Beate strahlte über das ganze Gesicht. Ihre Tochter Anna trug in der Nacht der Abschlussfeier die Fahne der deutschen Mannschaft in das BC Stadium zu Vancouver. 17 Jahre ist die kleine Schaffelhuber alt, und die große Schaffelhuber zu Recht stolz auf sie. Denn Anna Katharina ist bei den Winter-Paralympics in Vancouver nicht nur Sonnenschein und Glücksbringer, sondern auch eine der großen Zukunftshoffnungen für den Verband.

Am Freitagabend, wenige Stunden nach Schaffelhubers überraschender Bronzemedaille im Super-G, zeigte der Deutsche Behindertensportverband Sinn für Symbolik und wählt die junge Gymnasiastin aus, den Einmarsch am Schlusstag anzuführen. Verena Bentele, Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler - all die Stars dieser Spiele werden hinter Anna Schaffelhuber ins Stadion ziehen. Sollte die querschnittsgelähmte Schülerin das Team auch in Sotschi anführen, es könnte ein vollkommen neues sein.

Denn mit etwas Pech steht der deutsche Behindertensportverband in vier Jahren ohne die meisten seiner Medaillengewinner von Vancouver da. Die Skirennläufer Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler - zusammen holten sie siebenmal Gold - haben beide angekündigt, 2014 nicht mehr zu starten. Und die blinde Biathletin Verena Bentele will nach diesen Spielen erst einmal ihr Studium abschließen. "Wenn jemand von Ihnen einen Job für mich hat - ab dem Sommer suche ich", scherzte sie auf einer ihrer goldenen Pressekonferenzen. Es könnte gut sein, dass auch die fünfmalige Goldmedaillengewinnerin in vier Jahren nicht mehr dabei ist.

"Noch hat keiner seine Kündigung eingereicht"

Das alles weiß natürlich auch Deutschlands Chef de Mission, Karl Quade, und deshalb war auf der vorgezogenen Bilanzpressekonferenz am Samstagabend nicht nur der überraschend große Erfolg des deutschen Teams Programm, sondern auch dessen Nachhaltigkeit. Weitere Athleten wie Josef Giesen, Gerd Gradwohl und Thomas Oelsner haben definitiv ihr Karriereende angekündigt. Der vierte deutsche Goldgewinner, Willi Brem, lässt seine Zukunft derzeit noch offen.

Bei so viel Rückzug wäre es durchaus verständlich, würde man mit Blick auf die kommenden Spiele zumindest nervös im deutschen Verband. Doch Quade bleibt wie immer ruhig und überlegt. Natürlich werde die Mannschaft 2014 ein anderes Gesicht haben, aber "noch habe keiner seine Kündigung eingereicht". Außerdem sei man auf dem besten Weg, eine breite Basis für 2014 zu schaffen. Der "Strukturplan Paralympischer Spitzensport" wird angepasst, die Landesverbände sollen für eine breitere Basis an Athleten sorgen.

Die zu Ende gehenden Winterspiele machen den deutschen Funktionären Hoffnung. Die Medienpräsenz war ein wenig größer als bei vorangegangen Spielen. Und obwohl der Behindertensport weiterhin auf den guten Willen der Unternehmen angewiesen ist und klassisches Sponsoring im Behindertensport einer Kosten-Nutzen-Analyse kaum standhält: Kleine Erfolge kann der Verband auch in der Vermarktung melden. Doch das alles ist nichts wert, wenn die Athleten fehlen. Immer wieder kam deshalb in Whistler das Nachwuchsproblem zur Sprache. Und für fast alle Beteiligten ist es die zentrale Baustelle des Verbandes in den kommenden Jahren.

Große Nachwuchssorgen im Behindertensport

Denn trotz der positiven Ansätze ist die Nachwuchssuche nach wie vor schwierig. Das musste zuletzt auch Steffi Nerius erkennen. Die Sportlerin des Jahres 2009 und Weltmeisterin im Speerwurf trainiert seit Jahren bei ihrem Verein Bayer Leverkusen Spitzen- und Nachwuchssportler mit Behinderungen. Um Nachwuchs zu finden, schrieb sie Versicherungen, Sozialverbände, Schulen und Unternehmen an. 600 Briefe mit der Bitte um Mithilfe, Nachwuchs für den Behindertensport anzusprechen. Positive Antworten: keine. Jetzt ist Nerius so weit, dass sie junge Menschen mit Behinderungen auf der Straße offen anspricht, ob sie nicht Lust hätten, mal zum Training zu kommen.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident der deutschen Behindertensportler, bewundert Nerius' pragmatische Art. Aber er weiß auch, dass solche Aktionen keine dauerhafte Lösung sind. In Russland hätten die Behörden 19.000 Sehbehinderte angeschrieben, von denen immerhin 2000 den Weg zum ambitionierten Sport gefunden hätten, erzählt Beucher. In Deutschland ist so etwas aus Datenschutzgründen kaum möglich. Immerhin will der Verband jetzt noch enger mit den Schulen für Sehbehinderte zusammenarbeiten. Noch aber sei die Struktur nicht so zukunftsfähig, wie sie sein sollte. "Wir brauchen noch mehr Nachwuchs und das ist die Herausforderung für die Zeit nach Vancouver", sagt Beucher.

Dabei stellen sich dem Behindertensport ganz grundsätzliche Hürden: Nur etwa 160.000 der sieben Millionen Schwerbehinderten in Deutschland sind unter 18 Jahre alt, das sind kaum mehr als zwei Prozent. Mehr als die Hälfte ist dagegen 65 oder älter. Dementsprechend wenig Sportangebote gibt es - besonders in ländlichen Gegenden - für Jugendliche mit Behinderungen.

Keine finanzielle Unterstützung für die Nachwuchssportler

In drei Monaten wird es nun erstmals einen bundesweiten Schulwettkampf "Jugend trainiert für Paralympics" geben. Noch beschränkt auf neun Bundesländer und die Sportarten Leichtathletik, Rollstuhlbasketball, Tischtennis und Schwimmen - aber immerhin ein Anfang. Im Wintersport geraten Nachwuchssportler dagegen meist noch über persönliche Kontakte auf die Piste. Viele junge Behindertensportler haben zum Beispiel bei Gerda Pamler das Skifahren gelernt. Die Nachwuchsbeauftragte der deutschen Skirennläufer war selbst mehrfache Paralympics-Siegerin und ist in ganz Deutschland unterwegs auf der Suche nach Talenten.

Auch Fahnenträgerin Anna Schaffelhuber ist über Gerda Pamler zum Sport gekommen. Als sie fünf war, entdeckte Mutter Beate eine Anzeige für einen Skikurs in der Zeitung. Seitdem fährt Tochter Anna Monoski. 2008 war Schaffelhuber im Jugendlager des Behindertensportverbandes in Peking dabei. Diese Atmosphäre, so dachte sie sich damals, die musst du als Athletin erleben. Auch bei den Winterspielen 2010 gab es wieder ein Jugendlager. Neun deutsche Nachwuchssportler mit Behinderungen waren in Kanada dabei. Eine finanzielle Unterstützung vom Verband erhielten sie nicht.

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22.03.2010 von Celegorm: ...

Das ist aus dem simplen Grund wohl eher unrealistisch als dass die Olympischen Spiele schon heute mit Disziplinen überladen sind, von denen so einige seitens Athleten und Zuschauer eigentlich zu wenig Zuspruch erhalten. [...] mehr...

22.03.2010 von hanspeter.b: Warum?

Warum nochmal genau sollte das so sein? Und wenn es aber kaum einer sehen will? Sie möchten die Bevölkerung also mehr oder weniger dazu zwingen, nach dem Motto: Wer Leistungssport sehen will, muss auch Behindertensport [...] mehr...

22.03.2010 von sundro: Bescheuerte Veranstaltung

Warum finden die Paralympics eigentlich nicht parallel zu den Olympischen Spielen statt? Warum können Wettbewerbe für Behinderte nicht im selben Zeitraum wie die für Nicht-Behinderte stattfinden. Die Veranstaltungen der [...] mehr...

22.03.2010 von sam clemens: Konkret

Ganz konkret: Wer hat die Jugendlager bezahlt - die Aktiven selbst? Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Abgesehen davon wird der Spitzenbereich im Behindertensport an den OSP gefördert wie der Spitzenbereich des [...] mehr...

22.03.2010 von Celegorm: ...

Das dürfte schwierig werden, da ja eigentlich alle Menschen einen kleinen oder grösseren Makel haben. Wenn aber die überwältigende Mehrheit am Rand ist, dann dürfte der Rand wohl logischerweise zum Zentrum werden.. [...] mehr...

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