Olympia in Sotschi: Empörung über Festhalten an Anti-Homosexuellen-Gesetz
Das Anti-Homosexuellen-Gesetz gilt auch während der Olympischen Winterspiele in Sotschi: Mit seiner Klarstellung hat Russlands Sportminister für Empörung und Irritationen in der Sportwelt gesorgt. Athleten sind besorgt - einen Boykott lehnen sie jedoch ab.
Hamburg - Homosexuell sein darf man, dies öffentlich zu zeigen oder zu sagen, ist aber tabu. Die Ankündigung des russischen Sportministers Witalij Mutko, das Anti-Homosexuellen-Gesetz gelte auch während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, sorgt für große Empörung und Irritationen.
"Das IOC steht jetzt blamiert da und muss dafür sorgen, dass das Anti-Homosexuellen-Gesetz während der Olympischen Spiele außer Kraft gesetzt wird - am besten komplett", fordert Norbert Blech, Chefredakteur beim schwul-lesbischen News-Portal "Queer.de".
Am Dienstag hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) mitgeteilt, es habe "von höchster Regierungsstelle in Russland Zusicherungen erhalten, dass das Gesetz diejenigen, die an den Spielen teilnehmen, nicht betreffen wird". Zwei Tage später widersprach Sportminister Mutko und sagte: "Niemand verbietet Athleten mit nicht traditioneller sexueller Orientierung, nach Sotschi zu kommen, aber wenn sie diese auf der Straße propagieren, werden sie dafür zur Verantwortung gezogen."
Irritiert von diesen widersprüchlichen Aussagen reagierte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Das IOC hatte andere Informationen erhalten. Solange der Sachstand nicht geklärt ist, können wir das nicht kommentieren", sagt Pressesprecher Christian Klaue, stellt aber die Haltung des DOSB heraus: "Grundsätzlich sind bei Olympischen Spielen Zuschauer und Athleten aller Orientierung willkommen. Wir sind sicher, dass dies auch in Sotschi der Fall sein wird."
Ausländern droht Arrest oder Verweis des Landes
Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am 30. Juni ein Gesetz zum Verbot von Homosexuellen-Propaganda unterzeichnet. Äußerungen über gleichgeschlechtliche Lebensweisen werden dadurch unter Umständen geahndet. So steht zum Beispiel die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafe. Ausländer, die gegen den Passus verstoßen, können mit umgerechnet rund 120 Euro bestraft werden und unter Umständen für 15 Tage unter Arrest gestellt oder des Landes verwiesen werden.
Optimisten glauben, dass Russland es sich aber gar nicht leisten könne, auf der großen Bühne der Olympischen Spiele vor einem Millionenpublikum Homosexuelle zu verhaften. Dem widerspricht jedoch Queer.de-Chef Blech: "Das haben sie 2009 bei einem CSD zum Eurovision Song Contest in Moskau auch gemacht. Und damals fand das Thema öffentlich kaum Beachtung."
Sportminister Mutko stellte auch klar, dass das Anti-Homosexuellen-Gesetz nicht nur für Besucher der Spiele gilt, sondern auch für die Athleten. Einer von ihnen ist der neuseeländische Speedskater Blake Skjellerup, bekennend schwul, der sagt: "Das Gesetz macht mich traurig, vor allem für die Russen."
Er wird, sofern er sich qualifiziert, zum Teilnehmerfeld in Sotschi zählen. Ob seine Anwesenheit als schwuler Athlet in Sotschi gefährlich werden könnte? "Ich habe volles Vertrauen, was die Sicherheit innerhalb des Olympischen Dorfes angeht. Außerhalb des Dorfes ist es natürlich anders", sagte der 28-Jährige in einem Interview mit der "Huffington Post", stellte jedoch auch klar, dass er sich dort nicht anders verhalten werde: "Dafür habe ich mich einfach schon zu lange versteckt."
Einen möglichen Boykott der Spiele, sollte Russland an dem umstrittenen Gesetz festhalten, lehnt Skjellerup jedoch ab. "Wir Olympioniken haben sehr, sehr hart dafür gearbeitet, dort vor Ort zu sein. Und ein Boykott würde die russische Politik nicht beeinflussen, nur für uns Athleten hätte er Konsequenzen. Der beste Weg, eine Veränderung herbeizuführen, ist, Präsenz zu zeigen."
Auch Johnny Weir hält nichts von einem Boykott. "Dann wären es vor allem die Athleten, die am meisten verletzt werden. Die, die ihr Leben darauf ausgerichtet haben, einen einzigartigen Moment in Moskau zu erleben", schreibt der offen schwule Eiskunstläufer und Olympionike in seiner Kolumne für die "Falls Church News-Press". Der US-Amerikaner ist mit einem Landsmann russischer Herkunft verheiratet. "Die Olympischen Spiele sind kein politisches Statement, sondern ein Ort für Frieden." Er bitte die homosexuellen Sportler darum, ihre Mission nicht zu vergessen und für eine gleichberechtigte Welt zu kämpfen.
ham/psk/bka/luk
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