Wintersport im Fernsehen Jeden Schuss gehört

Gut 350 Stunden Wintersport haben ARD und ZDF in den vergangenen Monaten wieder gezeigt - und die Fernsehzuschauer wollen es immer noch sehen. Haben die denn alle kein Erbarmen?

Kein Biathlet bleibt ungesehen
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Kein Biathlet bleibt ungesehen

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Die zahlreichen Freunde der ZDF-Kochshow "Küchenschlacht" dürfen sich jetzt schon auf den 21. März freuen. Dann müssen sie nicht mehr auf ihre Sendung im Samstagsprogramm des Senders verzichten. Und auch "Forsthaus Falkenau" ist dann schon wieder mittags zu sehen, anschließend gibt es mit Rosamunde Pilchers "Lichterspielen" auch noch etwas fürs Herz.

Für die Fans der Küchenschlacht gehen damit harte Monate zu Ende. Denn das Wochenendprogramm bei ZDF oder ARD sah seit November tagsüber meist so aus wie hier exemplarisch am vergangenen Samstag:

  • 9.45 Uhr Super-G der Frauen, Reporter: Aris Donzelli
  • 11.15 Uhr Eisschnelllauf-Weltcup-Finale, Reporter: Wolf-Dieter Poschmann
  • 11.25 Uhr Langlauf-Weltcup aus Canmore. Reporter: Peter Leissl
  • 11.35 Uhr Shorttrack-WM aus Seoul. Reporter: Alexander von der Gröben
  • 11.50 Uhr Abfahrt der Herren aus Kvitfjell. Reporter: Michael Pfeffer
  • 13.05 Uhr Weltcup-Skispringen, 1. Durchgang aus Titisee-Neustadt. Reporter: Stefan Bier
  • 14.05 Uhr Weltcup-Skispringen, 2. Durchgang.
  • 14.55 Uhr Eisschnelllauf-Weltcup-Finale aus Heerenveen. Reporter: Wolf-Dieter Poschmann again
  • 15.15 Uhr Biathlon-WM aus Oslo. Reporter: Christoph Hamm
  • 17.05 Uhr Eisschnelllauf, noch einmal mit Wolf-Dieter Poschmann.

Ende der Übertragung: 17.45 Uhr.

Acht Stunden Wintersport am Stück. Und das annähernd jedes Wochenende. Kein Schussversuch von Biathletin Laura Dahlmeier, der nicht live zu sehen ist. Kein Einfädeln von Felix Neureuther bleibt ungesendet.

Von November bis März, vier Monate lang gehen sie über den Bakken, haben sie den Diopter noch einmal nachgestellt, wechseln sie vom Innenski auf den Außenski, sind sie von einem grippalen Infekt rechtzeitig ins Training zurückgekehrt. Kleine Kristallkugel, große Kristallkugel. Erschöpfung pur. Das Tremolo von ARD-Skisprungreporter Tom Bartels verfolgt einen bis in die Träume. Es sind keine guten Träume.

ARD und ZDF täten all dies nicht, wenn es nicht die entsprechende Zuschauerquote gäbe. Mehr Fernsehpräsenz heißt für die Sportarten mehr Aufmerksamkeit, mehr Sponsorengeld, mehr Unterstützung und dadurch auch mehr Möglichkeiten, erfolgreich zu arbeiten. Und mehr Erfolge heißt dann wieder mehr Fernsehpräsenz. So hält sich das System am Laufen.

Nach 350 Stunden Wintersport mag man nicht mehr hinschauen
AP/dpa

Nach 350 Stunden Wintersport mag man nicht mehr hinschauen

Gut 350 Stunden Wintersport, das sind zusammengerechnet ganze zwei Wochen 24/7 nichts als Biathlon und Severin Freund unter seinem pinken Helm des Sponsors, der Schoko-Schnitte. Und was macht das Fernsehpublikum? Es muss doch mal müde werden.

Stattdessen: Der Vierschanzentournee haben 2016 wieder zwei Millionen mehr Menschen vor dem Bildschirm zugeschaut als im Vorjahr. Und im nacholympischen Jahr 2015 waren die Zuschauerzahlen für die Wintersport-Übertragungen allgemein noch einmal um sagenhafte 15 Prozent nach oben gegangen. Es gibt kein Entrinnen.

Ein halbes Jahr lang immerhin herrscht jetzt Ruhe, und die Freunde der Leichtathletik, des Schwimmens, vom Feldhockey, vom Kanusport, vom Mountainbikefahren und Springreiten dürfen wieder sechs Monate lang davon träumen, dass ihre Sportarten abseits der Olympischen Spiele auch mal so fürstlich vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen bedient werden wie der Winter.

ARD und ZDF argumentieren stets dagegen, die Sommerdisziplinen bekämen es einfach nicht geregelt, sich terminlich untereinander so zu koordinieren, dass man ähnliche Übertragungsmarathons auch von März bis Oktober stemmen könnte. Fast darf man den Sommersportarten dafür danken.

"Und jetzt die perfekte Traversale"
DPA

"Und jetzt die perfekte Traversale"

Man stelle sich vor, das Fernsehen würde wie einst zu Arnim Basches Zeiten auch wieder jede Piaffe im Dressur-Viereck live versenden. "Schön galoppiert der Hengst versammelt durch die Diagonale, temperamentvoll den Sand nur sanft streichelnd. Und jetzt die perfekte Traversale." Wo bliebe denn dann noch Platz für Forsthaus Falkenau? Und wann sollten die ZDF-Reporter Christoph Hamm und Stefan Bier ihren tariflich zugesicherten Urlaub nehmen?

Also jetzt noch einmal, ein allerletztes Wochenende: Der meteorologische Frühling ist längst da, da fahren sie in Sankt Moritz noch immer die Berge herunter, in Chanty-Mansijsk, laut Wikipedia eigentlich eine der Hochburgen des russischen Frauen-Wasserballs, irgendwo hinter dem Ural am Ufer des Irtysch, schießen sie nach wie vor auf kleine Scheiben, und in Planica versuchen sie immer noch die perfekte Telemark-Landung. Und Stefan Bier und Christoph Hamm sind natürlich wieder dabei - am kommenden Samstag von 9.15 bis 15.25 Uhr. Nur noch sechs Stunden. Der Winter schwächelt. Es wird Zeit für einen Osterspaziergang.



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insgesamt 91 Beiträge
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heinzi55555 17.03.2016
1. wo
ist das problem? mir und anderen Millionen Zuschauern gefällt wintersport. abwechslungsreich und für jeden was dabei. dazu kommt noch ,dass es wesentlich billiger ist zu Champion
Kryszmopompas 17.03.2016
2. Nicht genug Sender?
Die Kritik passt zu einer Zeit, als es die ARD und das ZDF gab, vielleicht noch 1 drittes Programm. Da war man natürlich einem langweiligen Nachmittag ausgeliefert. Aber heute gibt es Alternativen auf gefühlt 1000 Sendern, auf Streaming Kanälen, in Mediatheken und was weiß ich wo. Was soll das Genöle?
gympanse 17.03.2016
3. Quoten
"ARD und ZDF täten all dies nicht, wenn es nicht die entsprechende Zuschauer-Quote gäbe. " Das sagt doch alles. Die Öfffentlich Rechtlichen erfüllen nicht die Grundversorgung sondern geiern mit den Privaten um Quoten, damit man besser und teurer Werbung schalten kann. Wenn das mal kein Argument ist, endlich die Zwangsgebühren abzuschaffen. Von mir aus alles verschlüsseln und wer brav GEZ zahlt darf das alles inkl. Mediathek und hunderten lokalen Spartensendern hoch und runter schauen. Ich möchte das nicht.
CMES 17.03.2016
4. Wer nicht mag ...
... hat ja die Möglichkeit auf x andere Sender auszuweichen. Über die ständigen Fußball-Übertragungen regt sich ja auch schließlich niemand auf ... Und Wintersport ist eben dem Namen nach schon auf eine gewisse Zeit begrenzt. Die Abwechslung, die Wintersport gegenüber Fußball bietet ist jedenfalls enorm. Auf die Wiederholung von Sendungen am Samstag, die sonst unter der Woche laufen kann ich getrost verzichten. Schließlich kann jeder, der bei ARD und ZDF bleiben will und nichts anderes sehen will sich die Sendungen unter der Woche aufnehmen und dann in Ruhe am Wochenende anschauen.
countrushmore 17.03.2016
5.
Gut, dass es mal jemandem auffällt. Sonst wird immer nur gemeckert, die ÖR zeigen fast nur Fußball, dabei ist es der Wintersport, der einen Großteil der Sportübertragungen ausmacht. - ein Fußballhasser
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