Von Peter Ahrens
Ein guter Trainingstag für die Frauen des Deutschen Skiverbandes ist im Moment einer, an dem am Abend noch alle gesund sind. Vor dem Auftakt des Weltcup-Winters, der am Samstag mit dem Riesenslalom im österreichischen Sölden eröffnet wird, sind aus dem erfolgsverwöhnten Frauen-Team des DSV nicht mehr viele übrig geblieben.
Susanne Riesch hat es im September am linken Knie erwischt: Kreuzbandriss. Damit fällt sie ebenso für die gesamte Saison aus wie Gina Stechert, die die gleiche Verletzung ereilte. Kathrin Hölzl, die unter einer rätselhaften Stoffwechselerkrankung leidet, hat diesen Winter ohnehin abgehakt.
Das Verletzungspech der vergangenen Jahre scheint sich also fortzusetzen. In Zukunft könnte das Risiko für die Sportler indes sinken: Ab der Saison 2012/2013 sollen die Athleten auf schmalere und längere Skier umsteigen, die dadurch auch das enorme Tempo aus den Rennen herausnehmen. Der Internationale Skiverband Fis zieht damit Konsequenzen aus den vielen schweren Stürzen der vergangenen Jahre, vor allem in den Abfahrtsläufen. Das Bild des fürchterlichen Rennunfalls des Österreichers Hans Grugger auf der Streif in Kitzbühel ist nicht vergessen. Grugger geht es mittlerweile wieder besser, er steht sogar schon wieder auf Skiern.
Die Skifahrer selbst, denen die Änderungen eigentlich zugute kommen sollen, sind mit dem neuen Material allerdings überhaupt nicht einverstanden. Zwar sprechen sie sich auch für mehr Sicherheit aus, auf das Tempo bei den Abfahrten wollen sie aber nicht verzichten. Der Sport werde in seiner Dynamik "um 20 Jahre zurückgeworfen", heißt es in einem offenen Brief, den die Topfahrer im August veröffentlichten. Auch die deutschen Stars Maria Höfl-Riesch und Viktoria Rebensburg haben ihn unterschrieben. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Schweizer Daniel Albrecht. Albrecht war 2009 in Kitzbühel im Training schwer gestürzt. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und lag fast vier Wochen im Koma.
"Wir wissen, dass unser Sport gefährlich ist"
In dem Brief heißt es unter anderem: "Wir alle wissen, dass unser Sport gefährlich ist. Jeder, der daran teilnimmt, weiß, dass man ihn nicht hundertprozentig sicher machen kann. Wir sind uns aber auch dessen bewusst, dass genau dies zur Attraktivität bei den Fans beiträgt." Der Schweizer Weltcupsieger Didier Cuche bringt es auf den Punkt: "Die neuen Skier machen keinen Spaß."
Die Fis will dessen ungeachtet an der Umstellung festhalten. "Damit können wir das Verletzungsrisiko der Athleten deutlich reduzieren", sagt Fis-Renndirektor Günter Hujara, einer der Mächtigen im alpinen Skisport. Die Sportler selbst hätten lieber Rennanzüge, die besser vor Sturzverletzungen schützen und plädieren für sicherere Streckenprofile.
Stechert und Susanne Riesch haben von diesen Neuerungen noch nichts. Für sie ist die Saison gelaufen. Glimpflicher kam in der Vorbereitung der Beste im Männerteam davon. Felix Neureuther stürzte beim Training in Kärnten ebenfalls. Er kam mit einer schweren Schulterprellung davon.
"Zwei Welten und Mentalitäten prallen aufeinander"
Trotz Neureuther - die Hoffnungen des DSV ruhen auch in diesem Jahr auf dem Frauen-Team mit den zwei Vorzeigeathletinnen des Verbandes: Maria Höfl-Riesch und Viktoria Rebensburg. Riesch, die nach ihrer Hochzeit im April jetzt unter ihrem Doppelnamen an den Start geht, hat in diesem Winter ohne Weltmeisterschaft und Olympische Spiele ein logisches Ziel: Es gilt den ersten Platz im Gesamtweltcup, die Krone des alpinen Skisports zu verteidigen. Riesch hatte in der Vorsaison erstmals die große Kristallkugel für sich erringen können.
So wird die Geschichte dieses Weltcup-Winters bei den Frauen wohl auch wieder die Geschichte des Zweikampfes zwischen Höfl-Riesch und der US-Amerikanerin Lindsey Vonn werden - auch wenn Vonns Start in Sölden nach einem Trainingssturz noch offen ist. Die harte sportliche Konkurrenz hat die beiden im Vorjahr auch zu persönlichen Rivalinnen werden lassen. Riesch und Vonn, die zwei, die früher zusammen Weihnachten gefeiert hatten und zuletzt selbst höflichen Kontakt vermieden - eine Story, die man auch für den Boulevardjournalismus nicht besser hätte erfinden können.
Höfl-Riesch hat dieser Tage beim traditionellen Medientag des DSV vor Saisonauftakt gesagt, sie "hege keinen Groll mehr" gegen Vonn. Es sei einfach so, dass "zwei Welten und Mentalitäten aufeinander prallen". Viel mehr ist ihr zurzeit zu dem Thema nicht mehr zu entlocken. Was auch damit zusammenhängen mag, dass ihr Ehemann Marcus Höfl sein Geld mit der Vermarktung von Spitzensportlern verdient und genau weiß, wann man als Athlet öffentlich etwas sagen sollte - und wann lieber nicht. Höfl-Riesch verriet immerhin noch, dass sie sich mit Vonn im Sommer getroffen habe. Dabei habe man auch über die gegenseitige Rivalität gesprochen. Mittlerweile sei Vonn für sie "eine Konkurrentin wie die anderen auch".
Höfl-Riesch wird im November 27 Jahre alt, sie hat mehr als 250 Weltcuprennen absolviert. Ewig wird sie nicht mehr die Pisten herunterfahren, möglicherweise noch bis zur WM 2015. Mit Rebensburg steht eine Art Nachfolgerin allerdings längst bereit. Die Riesenslalom-Olympiasiegerin von Vancouver 2010 gehört mit ihren 22 Jahren schon zu den Etablierten im Skizirkus, hat den Weltcup in ihrer Paradediziplin im Vorwinter gewonnen und zählt jetzt schon wieder zu den großen Favoritinnen auf den obersten Podestplatz in Sölden.
Wenn sie nicht stürzt.
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