Biathletin Neuner: Der Sturm vor der Ruhe

Von Sebastian Winter, Ruhpolding

Magdalena Neuner hat bei ihrer Heim-WM die erste Enttäuschung erlebt. Die 25-Jährige wirkte angefressen, der Druck wächst, aus einer guten WM den krönenden Schlusspunkt ihrer Karriere zu machen. Dabei verspürt sie Sehnsucht nach ganz anderen Dingen.

Biathlon-WM: Gold, Silber, Bronze, Pech Fotos
DPA

Magdalena Neuner nahm eine Abkürzung, um in den Interviewbereich zu kommen. Dabei musste sie über einen Zaun steigen, womit die 25-jährige Biathletin ziemliche Mühe hatte und einen kurzen Moment stecken blieb. Sie trug ja noch ihr Gewehr auf dem Rücken sowie die Ski und Stöcke in ihrer linken Hand. Das Bild passte.

Es war nicht die einzige Situation, die der deutschen WM-Goldhoffnung Schwierigkeiten bereitete an diesem Tag. Denn Neuner musste später sechs Schießfehler und ihren 23. Platz im Einzelrennen über 15 Kilometer erklären: Sie sagte erst die üblichen Sätze, sprach von Enttäuschung, von der Frustration, mit zwei Fehlern beim ersten Schießen ins Rennen zu starten, von ihrer Motivation, die sie bereits vor dem letzten Schießen verlassen habe.

Und dann, nach einer weiteren Frage, war sie zum ersten Mal etwas genervt: "Ich schaue doch nicht so aus, als würde ich gleich von der Brücke springen." Neuner wirkte dabei, als würde sie ein Ventil öffnen wollen, um endlich etwas von dem Druck abzulassen, den sie während dieser Weltmeisterschaft in Ruhpolding - ihrem letzten Großereignis vor dem Ende ihrer Karriere - gespürt haben muss.

Wunsch, in jedem der sechs Rennen eine Medaille zu holen

Immer wieder hatte sie gebetsmühlenartig wiederholt, dass ihr dieser Druck nichts ausmache, dass er sie eher beflügele. Sie hat ihn ja auch selbst geschürt mit ihrem Wunsch, in jedem der sechs Rennen eine Medaille zu holen. "Ich fühle mich jetzt reif, auch im Einzel zu gewinnen", hatte Neuner vor dem Rennen gesagt, auch weil sie bislang noch nie Edelmetall im Einzel bei einer Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen gewonnen hat.

Neuner fehlt dieser eine Erfolg, dieser Makel wird bleiben. Auch wegen der Schwierigkeit, für jeden Schießfehler sofort eine Zeitstrafe von einer Minute zu erhalten und keine Strafrunde drehen zu können, die nur rund 25 Sekunden dauert. Das Reglement ist brutal und Neuner eine exzellente Läuferin, aber nicht die beste Schützin. Ihre Leistungen schwanken dort viel stärker als in der Loipe. Sie ärgert das, auch wenn sie nach dem Rennen sagte: "Es ist alles in Ordnung. Die Welt geht deswegen nicht unter."

Magdalena Neuner lächelte tapfer dazu, aber es war ein dünnes Lächeln, und die Augen strahlten nicht wie noch am Samstagabend, als sie nach ihrer Goldmedaille im Sprint - ohne Schießfehler - bei der Medaillenzeremonie die deutsche Hymne und die fahnenschwenkende Menge in sich aufsog und später mit ihrer Zimmerkollegin Miriam Gössner im Deutschen Haus Partylieder sang.

2006 Weltcup-Debüt in Ruhpolding

Da schien sie sehr viel Freude an dieser Heimweltmeisterschaft in Ruhpolding zu haben, jenem Ort, in dem sie 2006 ihr Weltcup-Debüt gegeben hatte und sich der Kreis nun schließen soll. Ihr erstes Rennen auf der großen Bühne wurde damals zur Farce, als Ersatz für Uschi Disl landete Neuner im Sprint auf Platz 41. "Damals ging alles schief, was schiefgehen konnte", sagte Neuner zu ihrem verunglückten Start.

Am Mittwoch waren wieder 26.000 Zuschauer in die Arena gekommen, sie schwenkten Fähnchen, statt "Oh Macarena" sangen sie "Oh Magdalena". Mit jedem Schießen wurde es stiller im Stadion, obwohl das Rennen noch lief und durchaus spannend war. Die Biathlon-WM war jedoch von Anfang an eine Neuner-WM und das verwöhnte deutsche Publikum erwartet genau das: Medaillen. Die Männer haben bislang enttäuscht, die Frauen weitestgehend auch, nur Neuner hat die Erwartungen - auch ihre eigenen - mit Gold, Silber und Bronze in den bisherigen drei Rennen erfüllt.

Nun ist eine kleine Delle in ihre Bilanz geraten, im für sie von vornherein schwierigsten aller Rennen. Doch auch wenn sie sich ärgerte und etwas genervt war, blieb sich Neuner selbst in dieser heftigen Niederlage treu: Sie wirkte nicht verbissen, sondern nahm ihre Schlappe hin, sie winkte nach dem Zieleinlauf ins Publikum, als die Masse nach ihr kreischte. Und als ein Fernsehteam das Mikrofon nicht nah genug an sie heranbrachte, weil der Andrang so groß war, packte sie es einfach: "Soll ich es selber halten?"

Magdalena Neuner weiß allerdings auch, dass der Druck nun weiter gestiegen ist. Sie sagte auch, dass sie etwas gutzumachen habe in der Staffel am Samstag (15.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ihre bisherige Bilanz ist gut, aber noch nicht der krönende Abschluss, den sie sich erhofft hatte. Dann verabschiedete sie sich freundlich mit einem "Tschüß". Als am Ausgang Kinder auf sie zu rannten und um Autogramme baten, erfüllte Neuner auch diese Wünsche. Dann rief sie: "Ich geh' jetzt heim."

Neuner, die sich so nach Ruhe sehnt, meinte das Athletenhotel. Seit diesem Mittwoch kann sie immerhin die Tage an einer Hand abzählen, bis sie wirklich nach Hause, nach Wallgau, fahren kann.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Der Zufall, der Zufall....
günter1934 07.03.2012
Das ist doch das spannende beim Biathlon, der Zufall! Jeder knallt auf die Scheiben und einer gewinnt. Der die meisten Scheiben trifft. Natürlich spielt das Laufvermögen auch eine Rolle. Wer schneller rennt, ist öfter weiter vorne. Beim Biathlon haben halt viele eine Chance, Weltmeister zu werden! Zumal man das jedes Jahr werden kann.
2. Neuner
h_fuesser 07.03.2012
Zitat von günter1934Das ist doch das spannende beim Biathlon, der Zufall! Jeder knallt auf die Scheiben und einer gewinnt. Der die meisten Scheiben trifft. Natürlich spielt das Laufvermögen auch eine Rolle. Wer schneller rennt, ist öfter weiter vorne. Beim Biathlon haben halt viele eine Chance, Weltmeister zu werden! Zumal man das jedes Jahr werden kann.
Das Versagen der Frau Neuner hat mit Zufall nichts zu tun. Sie hat sich selbst unter Erfolgsdruck gesetzt (6 Medaillen in 6 Wettbewerben). Heute haben die angeblich perfekten deutschen Vorbereitungen wohl nicht funktioniert. Zufall gibt es im modernen Sport nicht mehr.
3. Der Hype um Biathlon nervt!
TS_Alien 07.03.2012
Es ist eine Randsportart. Die Leistungsdichte ist mangels Masse nicht besonders gross bei den Frauen. Wer halbwegs schnell Langlaufen kann, gehört schon zur Spitze. Wenn man jedes Jahr WM werden kann, noch dazu in zig Disziplinen, teilweise mehr als skurril (z.B. Mixed oder Jagdrennen), ist ein solcher Titel nicht mehr viel wert. Wieso die Medien ausgerechnet eine solche Randsportart hypen, das wäre einmal zu hinterfragen. Den gesamten Winter hat man praktisch täglich auf ARD oder ZDF die Möglichkeit auf live übertragene Wintersportveranstaltungen. Gibt es wirklich so viele Menschen, die dieses Angebot wahrnehmen? Im Sommer würde ich dann gerne auch einmal den Sackhüpfen-Weltcup live sehen. Meinetwegen auch kombiniert mit KK-Schiessen auf lächerlich grosse Scheiben (als eine Art Sommer-Biathlon).
4. Biathletin Neuner: Der Sturm vor der Ruhe
Löber 08.03.2012
Zitat von sysopDPAMagdalena Neuner hat bei ihrer Heim-WM die erste Enttäuschung erlebt. Die 25-Jährige wirkte angefressen, der Druck wächst, aus einer guten WM den krönenden Schlusspunkt ihrer Karriere zu machen. Dabei verspürt sie Sehnsucht nach ganz anderen Dingen. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,819982,00.html
Magdalena Neuner ich wünsche Dir nach der grandiosen Karriere alles Gute. Wir haben Dir soviel zu verdanken das Ruhpolding ein wirklich krönender Abschluß deiner Karriere sein wird. Danke Magdalena Neuner!
5.
azapf1972 08.03.2012
Zitat von h_fuesserDas Versagen der Frau Neuner hat mit Zufall nichts zu tun. Sie hat sich selbst unter Erfolgsdruck gesetzt (6 Medaillen in 6 Wettbewerben). Heute haben die angeblich perfekten deutschen Vorbereitungen wohl nicht funktioniert. Zufall gibt es im modernen Sport nicht mehr.
Ich frage mich schon, wer angesichts der bisherigen Leistungen von Magdalena Neuner ernsthaft das Wort "Versagen" in den Mund nehmen kann... ja, sie hat sich mit ihren Ankündigungen und Wünschen selbst unter Druck und ins Rampenlicht gesetzt, und ja, sie hat in diesem Rennen nun mal nicht ihre Leistung abrufen können... aber "Versagen" ist (aus meiner Sicht) schon ein eher start übertriebenes Wort...
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Neuner, Disl und Co.: Die besten deutschen Biathletinnen der Geschichte

Zeitplan Biathlon-WM
Donnerstag, 1. März
15.30 Uhr: Mixed-Staffel
  • Freitag, 2. März
    Ruhetag
  • Samstag, 3. März
    12.30 Uhr: Sprint Männer
    15.30 Uhr: Sprint Frauen
  • Sonntag, 4. März
    13.15 Uhr: Verfolgung Männer
    16.00 Uhr: Verfolgung Frauen
  • Montag, 5. März
    Ruhetag
  • Dienstag, 6. März
    15.15 Uhr: Einzel Männer
  • Mittwoch, 7. März
    15.15 Uhr: Einzel Frauen
  • Donnerstag, 8. März
    Ruhetag
  • Freitag, 9. März
    15.15 Uhr: Staffel Männer
  • Samstag, 10. März
    15.15 Uhr, Staffel Frauen
Sonntag, 11. März
13.30 Uhr: Massenstart Männer
16.00 Uhr: Massenstart Frauen
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Luck, Groß und Co.: Die besten deutschen Biathleten der Geschichte

Biathlon-Disziplinen
EINZEL: Der älteste Biathlon-Wettkampf ist mit 15 Kilometern bei den Frauen sowie 20 Kilometern bei den Männern der längste. Viermal wird geschossen, zweimal liegend, zweimal stehend - im Wechsel. Pro Fehlschuss gibt es eine Strafminute, der Zeitschnellste gewinnt.

  • SPRINT: Mit 7,5 Kilometern bei den Frauen und 10 Kilometern bei den Männern der kürzeste Wettkampf. Erst wird liegend geschossen, dann stehend. Pro Fehler muss eine Strafrunde von 150 Metern absolviert werden. Der Zeitschnellste gewinnt.

  • VERFOLGUNG: Auch Jagdrennen genannt. Der Sieger des Sprints geht als Erster in die Loipe. 10 beziehungsweise 12,5 Kilometer sind zu absolvieren. In den Zeitabständen aus dem Sprintrennen jagt das restliche Feld den Führenden. Viermal wird geschossen, erst zweimal liegend, dann zweimal stehend. Pro Fehler gibt es eine Strafrunde. Wer als Erster das Ziel erreicht, gewinnt.

  • MASSENSTART: Die 30 Bestplatzierten der Weltcup-Wertung treten an. Vier Schießeinlagen stehen auf dem Programm, die Laufstrecke beträgt 12,5 beziehungsweise 15 Kilometer. Geht ein Schuss daneben, wartet die Strafrunde. Sieger ist, wer zuerst die Ziellinie überquert.

  • STAFFEL: Gestartet wird im Quartett - die Frauen müssen 4 x 6 Kilometer laufen, die Männer 4 x 7,5 Kilometer. Jeder Läufer hat bei seinen zwei Schießeinlagen jeweils drei Nachlader (Zusatzschuss). Reichen diese nicht aus, muss pro nicht getroffener Scheibe eine Strafrunde absolviert werden. Beim Wechsel muss es zwischen den Teamgefährten in der 30 Meter langen Wechselzone einen eindeutigen Körperkontakt geben, sonst droht die Disqualifikation. Der Schnellste gewinnt.

MIXED-STAFFEL: Das Quartett besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Erst laufen die Frauen jeweils 6, dann die Herren jeweils 7,5 Kilometer. Jeder Starter muss zweimal schießen. Es gibt drei Nachlader pro Starter, sonst droht die Strafrunde. Sieger ist das Quartett, welches als erstes im Ziel ist.

Quelle: dpa