Biathlon-Erfolgstrainer Bernhard Kröll "Ich würde nicht für jede die Hand ins Feuer legen"

Coach Bernhard Kröll hat Biathlon-Stars wie Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier geformt. Ein Gespräch über Doping, Entbehrungen auf dem Weg an die Spitze und verdächtige Leistungssprünge.

Biathletinnen im Weltcup
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Biathletinnen im Weltcup

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Kröll, Sie haben viele Biathleten zu Stars gemacht. Magdalena Neuner, Miriam Gössner und Laura Dahlmeier kennen sie seit deren Jugend. Versuchen Sie doch mal, ihre Schützlinge mit so wenigen Worten wie möglich zu charakterisieren: Laura Dahlmeier.

Kröll: Perfektionistin.

SPIEGEL ONLINE: Miriam Gössner.

Kröll: Manchmal etwas zu hibbelig.

SPIEGEL ONLINE: Magdalena Neuner.

Kröll: Willensstärke.

SPIEGEL ONLINE: Martina Beck.

Kröll: Gewissenhaftigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Perfektionismus, Willensstärke, Gewissenhaftigkeit - ist das das Erfolgsgeheimnis des deutschen Biathlons?

Kröll: Die Strukturen hierzulande sind gut. Es gibt im Süden viele professionelle Stützpunkte, es gibt Vorbilder, Siege, eine hohe TV-Präsenz. Wir haben zwar nur einen Nachwuchs-Pool von 150 Personen, doch die sind sehr talentiert veranlagt und seit Jahren auf Disziplin und Einsatz getrimmt - das müssen sie auch sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Allein schon wegen der Waffengesetze, die sie penibel einhalten müssen. Ich konnte früher das Gewehr - natürlich sicher verpackt - schultern und mit dem Rad zum Training fahren. Heute müssen sich die Jugendlichen von ihren Eltern fahren lassen, weil das Gewehr im verschlossenen Kofferraum transportiert werden muss.

Zur Person
  • picture alliance/ Andreas Arnol
    Bernhard Kröll ist ein deutscher Biathlon-Coach. Er ist der Heimtrainer zahlreicher Stars und als solcher für das Training im Sommer und zwischen den Wettkämpfen im Winter zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Kann man eher einer guten Läuferin das Schießen beibringen, oder einer guten Schützin das Laufen?

Kröll: Ich würde immer die gute Läuferin nehmen. Schießen kann man durch viele Tausend Übungsschüsse lernen. Ein Paradebeispiel ist Laura Dahlmeier. Sie war im Schülerbereich nicht immer die beste Schützin, hat aber viel an sich gearbeitet und ist heute eine der Treffsichersten im Weltcup. Auch Denise Hermann hat das Schießen nach ihrem Wechsel vom Langlauf in kurzer Zeit gelernt. Beim Laufen gibt es hingegen organische Grenzen, man braucht den richtigen "Motor". Die Lunge und das Herz-Kreislaufsystem müssen belastbar sein.

Laura Dahlmeier
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Laura Dahlmeier

SPIEGEL ONLINE: Diese organischen Grenzen kann man künstlich erweitern. Doping ist im Biathlon immer wieder ein Thema, auch im deutschen Team gab es bereits Verdachtsmomente und den positiven Fall von Evi Sachenbacher-Stehle. Wie gehen Sie mit dem Thema um?

Kröll: Für mich ist Doping Betrug. Ich persönlich hatte noch nie einen Fall, auch keine Athletinnen mit verdächtigen Leistungssprüngen. Magdalena Neuner, bei der es ja auch Spekulationen gegeben hat, war zum Beispiel immer schon die Schnellste - in jeder Altersklasse. Das kam nicht über Nacht. Ich würde aber auch nicht für jede Sportlerin die Hand ins Feuer legen, da ich ja nicht weiß, was sie in der Freizeit macht.

Evi Sachenbacher-Stehle
AP/dpa

Evi Sachenbacher-Stehle

SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich große Sorgen um den Nachwuchs. Warum?

Kröll: Es gibt immer weniger Jugendliche, die den Sport betreiben. Biathlon ist nicht günstig, ein Kleinkalibergewehr kann mehrere Tausend Euro kosten. Da müssen die Eltern viel investieren. Beim Fußball benötige ich nur Schuhe und eine kurze Hose, dann kann ich im Hinterhof oder auf der Straße kicken. Das geht bei uns nicht, es gibt einfach keinen Straßen-Biathlon, es ist kein Breitensport. Auch die Einstellung ist heute eine andere.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Kröll: Magdalena Neuner hat schon als Schülerin über ihre Ziele gesagt: Weltcup, Olympia, Weltmeisterschaft. Vor zwei Jahren wurden gleichaltrige Sportler dasselbe gefragt - es kamen ganz andere Antworten: gutes Abitur, Studienplatz, hochbezahlter Beruf. Das sind tolle Ziele, aber mit einer solchen Einstellung ist die Bereitschaft geringer, auch die Schattenseiten des Sports mitzumachen, wie etwa Training im Regen.

Magdalena Neuner
DPA

Magdalena Neuner

SPIEGEL ONLINE: In welchem Alter springen die meisten Nachwuchs-Biathleten ab?

Kröll: Mit 17, 18 Jahren. Irgendwann wird das Hobby zeitaufwendiger. Der Sportler muss sich zudem fragen, ob er es in Kauf nehmen will, die wenige Freizeit neben der Schule seinem Hobby zu widmen: fünf bis sechsmal Training die Woche, je zwei bis drei Stunden, dazu die Anfahrt - da müssen die Eltern auch mitspielen.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder ist hochbegabt. Wie sagen Sie einem ehrgeizigen Nachwuchsathleten, dass er nicht das Zeug für die Weltspitze hat?

Kröll: Ich schicke keinen heim, selbst wenn er immer Letzter wird. Wir bieten eh nur ganz wenig finanzielle Unterstützung, deshalb ist das keine Geldfrage. Am Besten ist es, wenn dem Sportler die Erkenntnis selbst kommt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie wissen doch schon sehr schnell, ob es jemand schafft.

Kröll: Ja, natürlich. Aber die Sportler, die es nicht packen, nehmen trotzdem eine ganze Menge für ihr Leben mit. Und noch etwas ist wichtig: Es ist schöner, mit zehn Leuten zu trainieren als zu dritt. Gerade wenn die Schule nervig war, es draußen dunkel ist oder bei schlechtem Wetter, freut man sich auf die Truppe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst versucht, Profi-Biathlet zu werden, es hat aber nicht gereicht. Wann haben Sie eingesehen, dass es nichts wird?

Kröll: Mit 20 Jahren - ich habe einfach nicht die nötige Leistung erbracht, obwohl ich es unglaublich gern gemacht habe. Aber wenn man die Zeiten der anderen nicht erreicht, muss man sich fragen: Was bringt das? In meinem Altersbereich gab es 50 Talente, geschafft hat es nur der Greis-Michi.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie sich damals selbst als Trainer gehabt hätten?

Kröll: Auch dann hätte es nicht gereicht.



insgesamt 11 Beiträge
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interessant......... 06.02.2018
1. @rioreisser
So so, was würden Sie denn lieber sehen? Fußball etwa, der ohnehin schon gefühlte 99% der Sportsendungen einnimmt? Warum heißt die Sportschau eigentlich nicht gleich Fußballschau? Diesem Proletenspiel, Fußball ist ja ein Spiel und kein Sport, wird viel zu viel Aufmerksamkeit zu teil und wenn dem nicht so wäre, gäb es genug Zeit im TV für all die Sportarten, die völlig zu Unrecht kaum oder keine Beachtung durch die Medien finden.
guudebernd 06.02.2018
2.
Das mag richtig sein. Es wird halt immer übertrieben. Aber am schlimmsten ist ja wohl der Moloch Fußball! Der drückt jede Sportart an die Wand und das mit Hilfe der Medien, die sich gerne im Glanze dieser Semi-Intelektuellen sonnen, bei denen das Preis-/Leistungsverhältnis vollkommen auf dem Kopf steht.
interstitial 06.02.2018
3. für mich
ist Biathlon eine der spannendsten Wintersportarten, die übertragen werden. Enorme athletische Leistungen, wechselnde Bedingungen, Kraft, Ausdauer, Technik, Taktik, Nerven, Präzision, totale Selbstkontrolle, ich finde da können wenige andere Sportarten mithalten
jujo 06.02.2018
4. ...
Ja, ganz genau. Z.B. Hallenhandball, selbst wenn die DHB 7 schon ausgeschieden ist!
marduk-nabu 06.02.2018
5. tja 5 Leute 6 Meinungen
@rioreisser: Dann schalten Sie doch einfach um zur Lindenstraße oder Rosamunde Pilcher :Z. Bei den Krawallprivaten gibt's stundenlang Kneipensport (Darts), Hallenjojo usw. Da ist vieles für mich unerträgliche Dabei und könnte weg. Also jedem Tierchen sein Plaisierchen. Künstluch gepushten Sport gibt es in rauen Mengen. Biathlon ist sehr spannend und zuschaerfreundlich. Es gibt immer spannende Kämpfe, ständige Platzwechsel und nach jedem Schießen wird alles durcheinander gewirbelt. Spannung garantiert. Was die Anzahl der Aktiven angeht (also Breitensport) ist die Formel 1 wohl deutlich im Nachteil (bei 22-25 aktiven Sportlern weltweit) wird aber auch 200 Stunden voller Langweile lang gesendet, obwohl der Sieger in der Regel schon feststeht (zu Ihrer Info: ist meist der im Mercedes). Da die Sporübertragungen immer mehr werden, verdrängt Biathlon garantiert nichts. Ehermacht das schon Fußball, wo sogar noch das letzte Krückenspiel wie ein WM-Endspiel gehypt wird. Ich hoffe Biathlon bleibt und wird noch besser und mehr. Da kann Darts eher weg. Pfeilwerfer mit Bier sind todlangweilig (aber es gibt bestimmt Tausende die anderer Menung sind. Gut so). Also etwas mehr Toleranz und nicht von sich auf andere Schließen.
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