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15. Februar 2013, 21:00 Uhr

Biathletin Dahlmeier

Strahlefrau des Drama-Teams

Aus Nove Mesto berichtet

Was für ein Krimi! Die deutsche Frauen-Staffel war bei der Biathlon-WM schon weit abgeschlagen, dann kam Laura Dahlmeier. Die 19-Jährige brachte das DSV-Quartett in Führung, bis zum letzten Schießen lag Deutschland auf Goldkurs - doch dann patzte ausgerechnet die Erfahrenste.

"Das hat total Spaß gemacht, alles super." Laura Dahlmeier stand im Pressecenter der Biathlon-WM in Nove Mesto, umringt von Journalisten, und strahlte. Sie dürfte wohl die einzige im deutschen Team gewesen sein, die gute Laune hatte nach diesem dramatischen Staffelrennen, in dem Dahlmeier den Wettkampf ihres Lebens abgeliefert und Deutschland auf Goldkurs gebracht hatte. Am Ende wurde es nur Platz fünf, aber das mochte Dahlmeier die blendende Laune nicht verhageln.

Ein wenig schade sei es natürlich, dass es mit der Medaille nicht geklappt hatte, räumte Dahlmeier ein. Aber sonst? "Super, toll, ein WM-Einsatz, viel mehr als ich vor der Saison erwarten durfte", so die 19-Jährige, die im Januar zwar dreimal Gold bei der Junioren-WM geholt, aber zuvor noch nie einen Weltcup geschweige denn ein WM-Rennen absolviert hatte. Dahlmeier wurde von den deutschen Trainern kurzfristig für die laufschwache Nadine Horchler in die Staffel genommen.

"Ich habe versucht, meine Nervosität auszublenden. Und ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen", sagte Dahlmeier nach dem Wettkampf. Was für eine Untertreibung. Dank des DSV-Talents wurde dieses Rennen zum Krimi, aus deutscher Sicht zum Drama, bei dem Norwegen vor der Ukraine und Italien triumphierte. Doch der Reihe nach.

Gössner mit insgesamt fünf Fehlern am Schießstand

Als Erste war Franziska Hildebrand auf die Strecke gegangen, leistete sich beim Liegendschießen keinen Fehler und setzte sich in der Spitzengruppe fest. Dann aber stürzte sie, rappelte sich zwar schnell wieder auf, doch der Rhythmus litt ein wenig. Im Stehendschießen benötigte Hildebrand alle drei Nachlader und übergab daher nur als 13. an Miriam Gössner, mit knapp 37 Sekunden Rückstand auf Spitzenreiter Tschechien.

Gössner bestätigte anschließend ihren Ruf als Sorgenkind des deutschen Teams. Läuferisch zeigt die 22-Jährige in Nove Mesto Top-Leistungen, doch sie zerschießt sich diese jedes Mal am Schießstand. Erst verkürzte sie den Rückstand auf die Spitze auf 30 Sekunden, benötigte dann aber alle drei Nachlader im Liegendschießen. Im Stehendschießen leistete sie sich zwei weitere Fehler.

Knapp 40 Sekunden betrug der Rückstand von Deutschland auf die führenden Tschechinnen, als Dahlmeier von Gössner ins Rennen geschickt wurde. Das ist in der Staffel grundsätzlich aufzuholen. Aber von einer 19-Jährigen in ihrem ersten Wettkampf bei den Senioren überhaupt? Vor 27.000 Zuschauern, die die Vysocina Arena in einen Hexenkessel verwandelten? Klar doch, "die Laura macht das Ding", sagte Gössner kurz nach dem Wechsel.

Dahlmeier übergibt als Führende an Henkel

Dahlmeier lief einfach mal los, sie lief sogar ziemlich schnell los, doch bei der ersten Zwischenzeit, da waren sich die Beobachter an der Strecke einig, musste die Technik gestreikt haben. Doch mit der Zeitmessung war alles in Ordnung, Dahlmeier hatte auf wenigen hundert Metern zwölf Sekunden auf die Spitze gutgemacht.

Dann das Liegendschießen: Fünf Schuss, fünf Treffer, 20 Sekunden hinter der Spitze. Zweites Schießen, stehend, fünf Schuss, fünf Treffer, 1,6 Sekunden hinter der Spitze. Auf der Strecke in Nove Mesto geht es nach dem Schießen in den Wald, im Staffelrennen fast zwei Kilometer. Die Athletinnen müssen am Ende über eine Brücke, ehe sie zurück in die Arena kommen. Und wer fuhr da als Erste von der Rampe in den Hexenkessel? Tatsächlich, Dahlmeier.

"Das hat sie fantastisch gemacht. Sie hat uns zurückgebracht", lobte Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig, der bei Andrea Henkels Silbermedaille im Einzel noch Tränen in den Augen hatte. Auch dieses Mal dürfte ihm bei Henkels Auftritt nach Heulen zumute gewesen sein, allerdings nicht aus Freude.

Mit 3,3 Sekunden Vorsprung wurde Henkel von Dahlmeier auf die Strecke geschickt. Beim Liegendschießen benötigte sie einen Nachlader, zum Stehendschießen trafen Deutschland, Norwegen, Italien, Russland und die Ukraine nahezu zeitgleich ein. Das Knallen der Schüsse wechselte sich mit den Jubelschreien der Zuschauer ab, es war ein Spektakel. Doch als die Norwegerin Tora Berger, Italiens Karin Oberhofer und Olena Pidgruschna aus der Ukraine ihre Gewehre wieder auf den Rücken hievten, stand Henkel noch immer am Schießstand.

Die 35-Jährige, die zuvor im Einzel und in der Verfolgung alle 40 Schüsse getroffen hatte, verfehlte zwei Scheiben und brauchte zwei Nachlader. Die Konkurrentinnen leisteten sich maximal einen Fehler. Als Henkel den Schießstand verließ, hatte sie fast 16 Sekunden Rückstand. Zu viel, für die letzte Schleife. Berger sicherte Norwegen den Sieg und sich selbst die vierte Goldmedaille, mit der sie den WM-Rekord ihrer Landsleute Liv Grete Poirée und Ole Einar Bjørndalen einstellte.

"Es war eine sehr spannende Staffel, leider mit einem bitteren Ausgang für uns", sagte Frauen-Bundestrainer Ricco Groß. Erstmals seit 18 Jahren holte eine deutsche Frauen-Staffel bei einer WM keine Medaille. "Das wurmt mich schon ganz schön", sagte Henkel. Dahlmeier war von solch schlechter Laune weit entfernt, sie sagte: "Das war wie im Traum."

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