Karriereende von Biathlet Bjørndalen Der Kannibale ist satt

Mit Ole Einar Bjørndalen verliert der Wintersport seinen größten Helden. Das lag nicht nur an den Erfolgen des Biathleten, sondern auch an seiner Fairness - die ihn vom heutigen Superstar Martin Fourcade unterscheidet.

Biathlet Ole Einar Bjørndalen
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Biathlet Ole Einar Bjørndalen

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Für deutsche Biathleten war Ole Einar Bjørndalen Fluch und Segen zugleich. Einerseits verschaffte der Norweger seiner Sportart über seine Heimat hinaus große Popularität, von der auch die Konkurrenz profitierte. Andererseits sorgte er in seiner 25-jährigen Karriere dafür, dass dem Deutschen Skiverband (DSV) zahlreiche Goldmedaillen bei Großereignissen entgingen.

So landete allein Sven Fischer bei Weltmeisterschaften in verschiedenen Einzeldisziplinen dreimal hinter Bjørndalen, ähnlich erging es Frank Luck und Rico Groß in den Jahren 2002 und 2003. Besonders hart traf es aber Christoph Stephan: Der stand 2009 bei der WM in Pyeongchang vor dem größten Erfolg seiner Laufbahn. Im 20 Kilometer langen Einzel unterlief dem Deutschen nur ein einziger Schießfehler, Bjørndalen hingegen leistete sich gleich drei. Dennoch war der Norweger am Ende 14 Sekunden schneller als sein Konkurrent.

Nun muss sich niemand mehr vor Bjørndalen fürchten. Auf einer Pressekonferenz hat der erfolgreichste Biathlet der Geschichte sein Karriereende verkündet. Nach 25 Jahren ist Schluss. Kein Weltcuprennen mehr in seiner Heimat am Holmenkollen, dem Mekka des Biathlonsports in Oslo. Keine Teilnahme an Weltmeisterschaften, die er seit den frühen Neunzigerjahren geprägt hatte. Auch der Traum von seinen siebten Olympischen Spielen wird sich nicht mehr erfüllen - von diesem Gedanken hatte sich Bjørndalen ohnehin schon nach der verpassten Qualifikation im Januar verabschiedet.

Bjørndalens Rekorde sind in Gefahr

Mit Bjørndalen tritt einer der populärsten Wintersportler überhaupt ab. Gemeinsam mit seinen Landsleuten Bjørn Dæhlie und Marit Björgen führt er die ewige Bestenliste bei Olympischen Winterspielen an. Das norwegische Trio holte jeweils acht Goldmedaillen. Als erster männlicher Biathlet gewann er WM-Titel in allen Disziplinen, seine 20 Goldmedaillen sind unerreicht. Seine sechs Erfolge im Gesamtweltcup geraten da schon fast in Vergessenheit.

In Vergessenheit geriet in den vergangenen Jahren auch, was Bjørndalen einst so auszeichnete. Warum er 94 Weltcup-Siege feierte. Warum ihm der Spitzname "Kannibale" verliehen wurde. Bjørndalen war unersättlich, nimmermüde. In der Loipe war er lange unantastbar. Fehler am Schießstand glich er durch starke Laufleistungen aus. Die Konkurrenz war nie sicher vor Bjørndalen, der in seiner Glanzzeit über den Schnee zu fliegen schien.

Ole Einar Bjoerndalen bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010
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Ole Einar Bjoerndalen bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010

Obwohl er deutsche Athleten reihenweise hinter sich ließ, erfreute sich Bjørndalen auch hier großer Beliebtheit. Das lag zum einen an seinen sympathischen Interviews, die er in beinahe fehlerfreiem Deutsch abhielt. Zum anderen an der Fairness, die er verkörperte. Er bildete das Gegenstück zu Martin Fourcade, dem Dominator der Gegenwart. Zu dem Mann, der all seine Rekorde noch brechen könnte, sofern er denn ähnlich lange erfolgreich bleibt.

Bjørndalen vs. Fourcade - wer ist der Größte?

Fourcade ist 15 Jahre jünger als Bjørndalen und auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Leistung. Wie sein großes Idol ist auch der Franzose schon mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger. Den Gesamtweltcup hat er erst kürzlich zum siebten Mal infolge gewonnen - eine einmalige Leistung. Dennoch fremdelt die Szene mit Fourcade. Im Gegensatz zu Bjørndalen werfen Biathlon-Fans ihm nicht selten Arroganz vor - auf und abseits der Loipe. Unter anderem dann, wenn er schon vor der Schlussrunde jubelt - wohlwissend, dass ihm niemand mehr gefährlich werden kann. Respektlosigkeit der Konkurrenz gegenüber? Für Bjørndalen war das unvorstellbar.

Dennoch blieb auch der Norweger nicht von Kritik verschont. Experten warfen ihm vor, den perfekten Zeitpunkt für sein Karriereende verpasst zu haben. Schon 2014 wurden Stimmen laut, die Bjørndalen einen Rücktritt nahelegten. Bei den Winterspielen im russischen Sotschi vor vier Jahren holte er im Sprint und in der Mixed-Staffel seine siebte und achte Goldmedaille. Im Alter von 40 Jahren. Doch "Der König des Biathlons" machte weiter, weil er immer noch Spaß an seinem Sport hatte.

Nun hat er aufgehört. In einem Moment, in dem er der Konkurrenz nicht mehr folgen konnte. Im Fall von Bjørndalen überwiegen bei Biathlon-Fans dennoch die Erinnerungen an seine unzähligen Erfolge. An eine Zeit, in der er den Sport vielen geläufig machte. Sein leiser Abschied von der großen Bühne wird an seinem Legendenstatus nichts ändern.



insgesamt 19 Beiträge
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chico 76 03.04.2018
1. Ein grosser Sportler, nicht
unbedingt der Grösste, tritt ab, normal bei dem Alter. Weshalb Fourcade deshalb Unsportlichkeit unterstellt wird, ein Rätsel.
spadoni 03.04.2018
2. Der typisch deutsche Neid
Martin Fourcade ist keineswegs unsportlicher oder unfairer als die deutschen Biathleten. Mit dem Unterschied dass er weitaus besser ist als alle Deutschen, was die Deutschen nicht ertragen.
mapcollect 03.04.2018
3. Warum wird immer wieder kritisiert,
wenn ältere Athleten nicht zu ihrer Primetime abgetreten sind ? Ich habe größten Respekt vor alternden Sportlern, die trotz altersbedingten körperlichen Nachteilen sich immer noch dem Wettkampf stellen. Was ist so schlimm daran, wenn sie plötzlich keine Medaillen mehr holen - aber sich trotzdem noch mit Ü40 auf weltspitzenniveau bewegen ?
lala10 03.04.2018
4.
Den Beitrag kann ich mich nachvollziehen nur weil Furcade derzeit so gut ist .Björndalen ist ein klasse Sportler gewesen.Und Furcadeist es heute.Was daran ist negativ?
Sibylle1969 03.04.2018
5.
Ja, Fourcade wirkt manchmal ein bisschen arrogant, aber mangelnde Fairness kann man ihm nicht vorwerfen. Auch wenn der Artikel das suggeriert. Beispielsweise hat Fourcade mal bei einem Massenstart einem Konkurrenten auf den Stock getreten, der daraufhin den Stock verlor. Fourcade hat seinem Kontrahenten dann seinen eigenen Stock überlassen. Für selbiges wurde die österreichische Biathletin Lisa-Theresa Hauser jüngst mit einem Fairplay-Preis ausgezeichnet. Davon mal abgesehen, ist das Karriereende von Björndahlen überfällig gewesen. In den letzten vier Jahren gab es zwar noch Erfolge, aber die letzte Saison 17/18 war dann nur noch traurig.
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