Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Biathlon-Gewehrbauer Brislinger: Meister aller Waffen

Von

Waffenmeister Brislinger: Am Anfang steht der Holzblock Fotos
SPIEGEL ONLINE

Aus einem Holzblock türkischer Walnuss baut Sandro Brislinger die Gewehre der deutschen Biathleten. Rund hundert Stunden braucht er für eine Waffe, auch ein Zahnarztbohrer kommt dabei zum Einsatz. Ein Besuch beim Meister in Oberhof.

Das Schild ist etwas versteckt, es hängt an der Seite eines Schranks in der Werkstatt von Sandro Brislinger. "Hinknien, anklopfen und um Audienz betteln", steht darauf. Das ist lustig gemeint, natürlich, aber die Botschaft trifft es ganz gut. Brislinger ist ein überaus gefragter Mann, schließlich baut er die Waffen für das deutsche Biathlon-Team.

Der 39-Jährige ist seit 19 Jahren Waffenmeister der Deutschen, in seiner Werkstatt sind all die Großen dieses Sports ein- und ausgegangen: Magdalana Neuner und Frank Luck, Uschi Disl und Sven Fischer, Kati Wilhelm und Ricco Groß. Dutzende Autogrammkarten mit Danksagungen der Athleten hängen über Brislingers Werkbank, die sechs Meter lang und mit Hunderten Werkzeugen ausgestattet ist.

Hier, in der Kaserne "Am Rennsteig" in Oberhof, dem einzigen Bundeswehrstützpunkt nur für Wintersport, arbeitet und tüftelt er. Hier entstanden die Waffen, mit denen die Deutschen derzeit bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi um Medaillen kämpfen. Am Donnerstag steht der nächste Wettbewerb an, das Einzelrennen der Männer (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Kirchner auf Kurzbesuch bei Brislinger

Es ist Ende Januar, Brislinger will in seiner Werkstatt gerade etwas über die Gewehre der Athleten erzählen, da klingelt es an der Tür. Kein Gast muss hier wirklich hinknien, anklopfen und um Audienz betteln - aber rein kommt eben auch niemand, wenn Brislinger es nicht will, denn die Tür lässt sich ohne Schlüssel nur von innen öffnen. Hier soll schließlich nicht jeder rumstöbern können. Zudem lagern im Reich des Waffenmeisters Dutzende Gewehre und Tausende Patronen.

Herein kommt Mark Kirchner, selbst dreifacher Olympiasieger sowie siebenfacher Weltmeister im Biathlon und derzeit Trainer des deutschen Männerteams. Er plaudert ein wenig mit Brislinger, schaut kurz in die Werkstatt und verschwindet wieder. Es wird nicht ganz klar, warum er nun eigentlich da war. "Nur kurz reden und ablenken", sagt Brislinger: "Kurz vor Olympia sind alle immer sehr nervös."

Wenn nicht gerade Athleten oder Trainer vorbeischauen, ist Brislinger in seiner Werkstatt allein und baut Gewehre. Mit einem acht Kilogramm schweren Holzblock fängt alles an. Türkische Walnuss muss es sein, das beste Holz für Brislingers Arbeit. Weil es für sein Gewichtsverhältnis so stabil ist und Temperaturschwankungen von zehn bis minus 20 Grad Celsius standhält. Es gibt Rohlinge, die kosten mehrere tausend Euro. Brislinger hat einen Lieferanten in der Röhn, da bekommt er sie für 200 Euro das Stück.

Der gelernte Büchsenmacher bearbeitet die Holzblöcke mit Meißel, Fräse und Schleifer, am Ende wird das Holzstück nur noch rund 900 Gramm wiegen. Sogar ein Zahnarztbohrer kommt zum Einsatz, mit dem Brislinger viele kleine Löcher in die Auflagefläche bohrt, damit sich die Feuchtigkeit der Hände besser verteilt. Er passt das System ein, Lauf und Abzug, modelliert Griff und Schaft. Alles individuell für jeden Athleten, den er vorher vermessen hat.

Größe, Armlänge, Schulterbreite: All diese Daten, ja sogar die Form der Wangenknochen muss Brislinger kennen, um die Waffe so genau wie möglich bauen zu können. Er testet die Gewehre persönlich am Schießstand, Tausende Schuss jedes Jahr. Am Ende steht die Feinabstimmung mit den Athleten, die die Waffe im Training testen. Passt alles, liegt die Waffe gut in der Hand? Wenn nicht, wird weiter geschliffen, bis der Athlet zufrieden ist.

Weltmeister Raphael Poirée wollte eine Waffe von Brislinger

Bis zu 100 Stunden dauert es, bis so ein Gewehr mit seinen 400 Einzelteilen fertig ist. Nimmt man den üblichen Stundensatz eines Büchsenmachers, zwischen 60 und 80 Euro, kostet so eine Waffe zwischen 6000 und 8000 Euro - wohlgemerkt ohne die Materialkosten.

"Das könnte sich kaum ein Sportler leisten, deshalb wäre ich in der freien Wirtschaft schon längst Konkurs gegangen", sagt Brislinger. Er ist aber nicht in der freien Wirtschaft, sondern Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr und wird vom Staat bezahlt. Und weil er konkurrenzlos auf seinem Gebiet ist, witzelte Brislinger in einem Video des Deutschen Skiverbandes (DSV): "Egal, wie gut ich bin, die Sportler kommen sowieso zu mir." Und zwar nicht nur die deutschen.

Einen wie Brislinger, ein Waffenmeister einzig und allein für das Biathlon-Team, hat keine andere Nation. Die Qualitäten des Thüringers haben sich in der Biathlon-Szene längst herumgesprochen. Und so stand Raphael Poirée einst in der Oberhofer Werkstatt und wollte ein Gewehr in Auftrag geben. An sich machbar, Brislinger baut in seiner Freizeit auch für kleinere Nationen Gewehre, nur war der Franzose Poirée damals einer der größten Konkurrenten der Deutschen, wurde zwischen 2000 und 2007 achtmal Weltmeister. Brislinger wollte nicht unhöflich sein und die Anfrage gleich ablehnen, also sagt er: Das Gewehr sei kein Problem, allerdings würde die Wartezeit zwei Jahre betragen. Poirée ging und kam nie wieder.

Trainer und Techniker lächelten über Michael Greis

Ein Dauergegner Poirées war früher Michael Greis. "Ach, der Michi", sagt Brislinger lächelnd über den Mann, der vergangenen Winter seine Karriere beendet hat. Was die Waffe angeht, war Greis besonders sensibel, tüftelte ständig an seinem Gewehr, das er "mein Baby" nannte. Wenn er der Überzeugung war, am Schaft müssten ein paar Millimeter abgeschliffen werden, damit es besser passt, fuhr er von Ruhpolding zu Brislinger nach Oberhof. Die Trainer und Techniker lächelten schon über Greis, dann kamen die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin. Greis gewann dreimal Gold, rief Brislinger in Oberhof an und fragte: "Na, glaubst du, die lachen noch über uns?"

Zu Greis und anderen Athleten hat Brislinger im Laufe der Jahre eine Freundschaft entwickelt. Arnd Peiffer hat Brislinger beim Kauf der Wohnzimmereinrichtung geholfen, bei Andrea Henkel hat er die Küche eingebaut. "Wir haben Brisi viel zu verdanken", sagt Henkel, die 1995 ihr Weltcup-Debüt feierte. Jenes Jahr, als Brislinger zum deutschen Biathlon-Team stieß.

Henkel wird ihre Karriere nach dieser Saison beenden, Brislinger wird weiter in der Kaserne tüfteln. Es gab mal eine Anfrage aus Dubai, finanziell sehr lukrativ. "Aber Geld ist nicht alles", sagt Brislinger: "Ich fühle mich sehr wohl hier in Oberhof." Nicht selten steht Brislinger sieben Tage die Woche in seiner Werkstatt, meist von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Er ist für die Profis ebenso da wie für den Nachwuchs, rund hundert Athleten gehen bei ihm ein und aus.

Während der Winterspiele hat Brislinger aber ein paar ruhigere Tage. Er schaut sich die Wettkämpfe vor dem Fernseher in Oberhof an. Sollte es mit Medaillen weiter nichts werden, weiß der Waffenmeister: An den Gewehren liegt es nicht. Die Schüsse der deutschen Athleten weisen im internationalen Vergleich die geringste Streuung auf, ein Indiz für gute Waffen und gute Munition.

"Wir haben die besten Schießbilder", sagt Brislinger. Und warum dann nicht auch die besten Ergebnisse am Schießstand? "Weil Schießen zu 90 Prozent Psychologie ist", sagt der Waffenmeister: "Wer seine Nerven nicht im Griff hat, dem nützt das beste Gewehr nichts."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Einfach nur großartig.
Spassbremse 13.02.2014
Mit einem Wort: großartig. Viel mehr gibt's dazu nicht zu sagen, ich bin beeindruckt von solcher Akribie, Hingabe und Präzision. Bravo!
2. Hammer und Meißel ...?
hd117 13.02.2014
"Meißel" -- Schlimm, wenn ein Redakteur einen Stechbeitel nicht von einem Meißel unterscheiden kann. Aber alle gelben Baumaschinen sind sicher auch Bagger ...
3. super artikel, super film !
spon-facebook-10000026491 13.02.2014
ich hätte noch stundenlang zugucken können ! man sollte die bundeswehr im wesentlichen auf die sportförderkompanie reduzieren ...
4.
räbbi 13.02.2014
"Gunsmithing" ist eine faszinierende Angelgenheit. Verbindet die Arbeit mit Holz, Metall, Kunststoff mit Fertigkeiten von Zerspanungsmechaniker bis Kunsthandwerk. Die deutsche Übersetzung wäre "Waffennarr", zumindest übersetzten sie das in der Presse immer so. Faszinierender Job, ich hätte mir hier nur etwas tiefere Einblicke gewünscht. Es gehört wesentlich mehr dazu, als an einem Holzblock zu feilen. ...gut, dass er sich nich ganz tief ins Hähkästchen blicken lässt, is auch klar. ;)
5. Gewehr von Brislinger?
ksail 13.02.2014
Ich will ja nicht rummosern, aber soweit ich es sehe, ist Sandro für den Bau und die Anpassung des Schaftes zuständig. Ohne seine Leistung schmälern zu wollen: Das Gewehr/System kommt wie praktisch alle Biathlongewehre der Welt von Anschütz.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Getty Images
Daten und Fakten zum Schießen Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Daten und Fakten zum Schießen


Fotostrecke
Biathlon in Sotschi: Skijäger auf Abschiedstour
Biathlon-Disziplinen
Einzel
Der älteste Biathlon-Wettkampf ist mit 15 Kilometern bei den Frauen sowie 20 Kilometern bei den Männern der längste. Viermal wird geschossen, zweimal liegend, zweimal stehend - im Wechsel. Pro Fehlschuss gibt es eine Strafminute, der Zeitschnellste gewinnt.
Sprint
Mit 7,5 Kilometern bei den Frauen und 10 Kilometern bei den Männern der kürzeste Wettkampf. Erst wird liegend geschossen, dann stehend. Pro Fehler muss eine Strafrunde von 150 Metern absolviert werden. Der Zeitschnellste gewinnt.
Verfolgung
Auch Jagdrennen genannt. Der Sieger des Sprints geht als Erster in die Loipe. 10 (Frauen) beziehungsweise 12,5 (Männer) Kilometer sind zu absolvieren. In den Zeitabständen aus dem Sprintrennen jagt das restliche Feld den Führenden. Viermal wird geschossen, erst zweimal liegend, dann zweimal stehend. Pro Fehler gibt es eine Strafrunde. Wer als Erster das Ziel erreicht, gewinnt.
Massenstart
Die 30 Starter ergeben sich anhand der Weltcupwertung. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen sind zudem alle Medaillengewinner der vorherigen Wettbewerbe automatisch qualifiziert. Vier Schießeinlagen (liegend, liegend, stehend, stehend) stehen auf dem Programm, die Laufstrecke beträgt 12,5 (Frauen) beziehungsweise 15 (Männer) Kilometer. Geht ein Schuss daneben, wartet die Strafrunde (150 Meter). Sieger ist, wer zuerst die Ziellinie überquert.
Staffel
Gestartet wird im Quartett - die Frauen müssen 4x6 Kilometer laufen, die Männer 4x7,5 Kilometer. Jeder Läufer hat bei seinen zwei Schießeinlagen (liegend und stehend) jeweils drei Nachlader (Zusatzschüsse). Reichen diese nicht aus, muss pro nicht getroffener Scheibe eine Strafrunde absolviert werden. Beim Wechsel muss es zwischen den Teamgefährten in der 30 Meter langen Wechselzone einen eindeutigen Körperkontakt geben, sonst droht die Disqualifikation. Die schnellste Staffel gewinnt.
Mixed-Staffel
Das Quartett besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Erst laufen die Frauen jeweils 6, dann die Herren jeweils 7,5 Kilometer. Jeder Starter muss zweimal schießen (liegend und stehend). Es gibt drei Nachlader pro Starter, sonst droht die Strafrunde. Sieger ist das Quartett, welches als erstes im Ziel ist. Das Mixed-Rennen ist 2014 erstmals olympisch.

Quellen: dpa und sid

Erfolgreichste Deutsche bei Olympischen Winterspielen
  • DPA
    1. Claudia Pechstein, Eisschnelllauf
    5 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze (1992-2006)
  • 2. Ricco Groß, Biathlon
    4 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze (1992-2006)
  • 3. Sven Fischer, Biathlon
    4 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze (1994-2006)
  • 4. André Lange, Bob
    4 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (2002-2010)
    4. Kevin Kuske, Bob
    4 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (2002-2010)
  • 6. Karin Kania-Enke, Eisschnelllauf
    3 x Gold, 4 x Silber, 1 x Bronze (1980-1988)
    6. Gunda Niemann-Stirnemann, Eisschnelllauf
    3 x Gold, 4 x Silber, 1 x Bronze (1992-1998)
  • 8. Kati Wilhelm, Biathlon
    3 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze (2002-2010)
  • 9. Georg Hackl, Rodeln
    3 x Gold, 2 x Silber, 0 x Bronze (1988-2002)
10. Bernhard Germeshausen, Bob
3 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (1976-1980)
10. Jens Weißflog, Skispringen
3 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (1984-1994)
10. Mark Kirchner, Biathlon
3 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (1992-1994)
Erfolgreichste Athleten bei Olympischen Winterspielen
  • Getty Images
    1. Ole Einar Björndalen (Norwegen), Biathlon
    8 x Gold, 4 x Silber, 1 x Bronze (1998-2014)
  • 2. Björn Daehlie (Norwegen), Langlauf
    8 x Gold, 4 x Silber, 0 x Bronze (1992-1998)
  • 3. Marit Björgen (Norwegen), Langlauf
    6 x Gold, 3 x Silber, 1 x Bronze (1992-1998)
  • 4. Ljubow Jegorowa (Russland), Langlauf
    6 x Gold, 3 x Silber, 0 x Bronze (1992-1994)
  • 5. Lidija Skoblikowa (Russland), Eisschnelllauf
    6 x Gold, 0 x Silber, 0 x Bronze (1960-1964)
  • 6. Claudia Pechstein (GER), Eisschnelllauf
    5 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze (1992-2006)
  • 7. Larissa Lazutina (Russland), Langlauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze (1992-2002)
    7. Clas Thunberg (Finnland), Eisschnelllauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze (1924-1928)
  • 9. Thomas Alsgaard (Norwegen), Langlauf
    5 x Gold, 1 x Silber, 0 x Bronze (1994-2002)
10. Bonnie Blair (USA), Eisschnelllauf
5 x Gold, 0 x Silber, 1 x Bronze (1988-1994)


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: