Pleite in der Biathlon-Staffel Alle Chancen verschossen

Die deutsche Frauen-Staffel ging favorisiert ins vorletzte Biathlon-Rennen der Winterspiele. Doch es wurde ein Festival der Fehlschüsse. Laura Dahlmeier äußerte leise Kritik an ihren Kolleginnen.

Denise Herrmann
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Denise Herrmann

Aus Pyeongchang berichtet


Ein ganz früher Moment in der Biathlon-Staffel der Frauen stand exemplarisch für den verpatzten Tag des deutschen Teams. Dabei hatte er gar keine Auswirkungen auf den Ausgang des Rennens.

Startläuferin Franziska Preuß hatte beim ersten Schießen liegend eigentlich alle fünf Scheiben getroffen. Sie selbst hatte den letzten Versuch aber als Fehler wahrgenommen. "Das war ein knapper Randtreffer, der langsam gefallen ist", sagte die 23-Jährige nach dem Rennen. Preuß lud also nach. Mit eingesetztem Magazin zu laufen, ist beim Biathlon allerdings nicht erlaubt. Die Deutsche bemerkte noch rechtzeitig, dass die Scheibe doch gefallen war und habe "die Patrone rausrepetiert". So entging das deutsche Team einer Disqualifikation.

Medaillenspiegel 2018
Platz
Land
Gesamt
1
Norwegen
14
14
11
39
2
Deutschland
14
10
7
31
3
Kanada
11
8
10
29

Letztlich kam es also nur zu einer kleinen Verzögerung, aber das Durcheinander war der Auftakt für die massiven Probleme des deutschen Quartetts. Zwischenzeitlich wurden sogar Erinnerungen an die historische Pleite vor vier Jahren in Sotschi wach, als Deutschland den letzten Platz belegt hatte. Diesmal war es in der Besetzung Preuß, Denise Herrmann, Franziska Hildebrand und Laura Dahlmeier beim Sieg der weißrussischen Staffel am Ende Rang acht - was beim erfolgsverwöhnten Top-Favoriten kaum weniger Enttäuschung auslöste.

Weißrusslands letzte Läuferin Darya Domracheva
AFP

Weißrusslands letzte Läuferin Darya Domracheva

Schon bei Preuß' zweitem Schießen fiel Deutschland weit zurück. Sie ließ sich von dem Chaos zum Start beirren: "Mich hat das aus dem Konzept gebracht", sagte Preuß. Im Stehendschießen musste sie dreimal nachladen und sogar eine Strafrunde absolvieren. Der Rückstand auf die Spitze wuchs von elf Sekunden auf eine Minute an, was in der Staffel nach der ersten Läuferin aber noch wenig zu bedeuten hat.

Das sah auch Bundestrainer Gerald Hönig so: "Wir hätten das Rennen an der zweiten und dritten Position drehen können, das haben die vielen Positionsveränderungen der anderen Teams gezeigt." Herrmann holte zunächst auch auf, blieb liegend genau wie Preuß fehlerfrei. Doch beim Stehendschießen ließ sie sich extrem viel Zeit.

"Ich wusste direkt, dass ich so nicht anfangen kann", sagte Herrmann. "Ich habe nochmal kurz die Augen zugemacht, um cool zu bleiben. Aber es ist mir extrem schwergefallen." Herrmann schoss viermal daneben: Drei Nachlader, eine Strafrunde - die Chance auf eine gute Ausgangsposition beim zweiten Wechsel war dahin.

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Aber selbst zu diesem Zeitpunkt wäre für die deutsche Staffel noch eine Medaille möglich gewesen. Herrmann übergab mit einem Rückstand von 1:34 Minuten auf das zu diesem Zeitpunkt führende Finnland, Hildebrand lief nur fünf Sekunden hinter Schweden. Und für die Skandinavier reichte es noch für die Silbermedaille - weil Anna Magnusson und Hanna Öberg, die Olympiasiegerin im Einzel, im weiteren Verlauf am Schießstand fast alles richtig machten. Ganz anders als Deutschland.

Dahlmeier kritisiert leise ihre Kolleginnen

Spätestens als auch Hildebrand drei Nachlader brauchte und trotzdem noch in die Strafrunde musste, war Schlussläuferin Dahlmeier klar, dass es nichts mit der erhofften Medaille werden würde. "Vor meinem Start habe ich mich wie immer zurückgezogen und versucht, meinen eigenen Fokus zu finden", sagte die Olympiasiegerin im Sprint und in der Verfolgung. Erst beim Einlaufen habe sie bemerkt, dass der Rang ihres Teams "im zweitstelligen Bereich" war.

"Ich mache den Mädels keinen Vorwurf", sagte Bundestrainer Hönig. Er sagte aber auch: "Die Bedingungen waren schwer, andere konnten damit besser umgehen." Dahlmeiers Fazit fiel ähnlich aus, zwischen den Zeilen kritisierte der deutsche Biathlon-Star das Team allerdings: "Es waren sicher keine einfachen Bedingungen, aber andere Athleten haben gezeigt, dass mehr möglich war." Dahlmeier selbst brauchte für ihre zehn Scheiben insgesamt nur einen Nachlader.

Vor allem Hildebrand hätte aus den schlechten Schießergebnissen von Preuß und Herrmann ihre Lehren ziehen können, so wie es Dahlmeier kurz vor ihrem Start mit Hönig noch am Funk besprochen hatte.

"Man muss diese Niederlage als Chance sehen, sich weiterzuentwickeln", blickte Dahlmeier im Ziel voraus. So wie sie es zusammen mit Preuß und Hildebrand auch schon nach dem Sotschi-Desaster geschafft hatte. Im Jahr darauf wurde Deutschland im finnischen Kontiolahti Staffel-Weltmeister, wie auch 2017 in Hochfilzen. Beste Aussichten also für die WM 2019 im schwedischen Östersund.



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hooge789 22.02.2018
1. Die Ergebnisse
unserer Damen waren über die Saison gesehen unbeständig. Von Laura Dahlmeier Mal abgesehen. Von daher ist der Ausgang keine Überraschung.
michlauslöneberga 22.02.2018
2. Nun ja,
die Aussage würde ich nicht wirklich unter Kritik einordnen, max. spricht da eine leichte Enttäuschung. Erst das Ergebnis im Mixed, jetzt hier, da darf man sich auch mal bisschen zurückhaltend äußern.
Nordbayer 22.02.2018
3. Für mich war der desaströse ...
... Ausgang auch keine so große Überraschung, nach dem bisherigen Saisonverlauf lief es mit drei Goldmedaillen sehr gut, dieser Einbruch in den Staffeln musste kommen, die Glückssträhne geht nicht ewig weiter, dass alle Konkurrenten (-innen) wie bei Pfeiffer und Dahlmeier (in der Verfolgung) beim letzten Schießen alles verballern und man selber alles trifft. Sorge macht mir für die Zukunft vor allen Dingen eines: Andere Nationen haben seit der letzten Saison gewaltig aufgeholt, vor allen Dingen die Laufzeiten beträchtlich verbessert, während unsere Athleten - auch Laura Dahlmeier - praktisch "stehen" blieben. Noch hat es für ein gutes Abschneiden gereicht, aber im physischen und auch im mentalen Bereich (Schießfehler, die nicht nur Unvermögen sondern auch Dummheit waren) verlieren wir den Anschluss. Hier sollte man vielleicht einmal in Schweden nachfragen, einfach Klasse was dort aufgebaut wurde.
M. Vikings 22.02.2018
4. Ich habe eher leise Kritik an den Trainern.
Bundestrainer Gerald Hönig so: "Wir hätten das Rennen an der zweiten und dritten Position drehen können," Na klar, ist auch richtig, er versucht seine Startläuferin zu schützen. Aber klar ist auch, einfacher und beruhigender ist es für die Anderen nicht, wenn sie gleich so einem Rückstand hinterher laufen müssen. Für mich war Vanessa Hinz nach ihrer einwandfreien Leistung als Startläuferin in der Mixed Staffel auch für diese Staffel gesetzt, und zwar an der selben Position. Sie hat in der Staffel Stabilität und Nerven bewiesen, und wenn sie nicht komplett platt war, hätte sie auch eingesetzt werden müssen. Mit den Informationen die mir zugänglich sind, ist die Aufstellung der Staffel unverständlich.
aliof 22.02.2018
5. (m)eine kleine Psycho-Analyse:
Die eher jugendlich wirkende Fr. Preuss hat sich den unsäglichen Druck ihres Trainers zu Eigen gemacht, und MUSSTE dadurch versagen. Zur Erinnerung: dieser Trainer bezeichnete ungefragt in jedem Olympia-Interview eine in Sotchi erfahrene Niederlage als für ihn traumatisch. - Dass so etwas wieder "passierte", musste UNBEDINGT vermieden werden. (Mir persönlich ist Sotchi nicht mehr wirklich in Eriinerung ...) Dadurch hat er das Versagen der flotten Gruppe unserer Athletinnen unaufhaltsam herbeigeredet. Auf Deutsch auch self-fulfilling-prophecy genannt.
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