Von Sebastian Winter, Ruhpolding
Am Ende schaute Magdalena Neuner auf die Skisprungschanze, wo ein Foto von ihr auf den Schanzentisch projiziert worden war, über dem nur zwei Worte standen: "Danke Magdalena". Die 25-Jährige bekam eine lebenslang gültige Akkreditierung für die Biathlon-Strecke in Ruhpolding, eine Strickmütze für das Weltcup-Finale in Russland am kommenden Wochenende und ein überdimensionales Glas mit Weißbier überreicht. Sie nahm einen Schluck, vielleicht auch, um ihre Enttäuschung über Platz zehn im Massenstart-Rennen nach sechs Schießfehlern herunter zu spülen, ihrem letzten Weltmeisterschafts-Wettkampf vor dem nahen Karriereende.
Die 28.000 Zuschauer im Stadion und an der Strecke verneigten sich dennoch vor der viermaligen Medaillengewinnerin, die ihr Ziel von sechs Mal Edelmetall zwar verpasst, aber doch zum Abschluss die richtigen Worte gefunden hatte: "Ich möchte denen danken, die den Tag hier im Regen ausgeharrt und mich unterstützt haben."
Zuvor war Neuner wieder von Kamera zu Kamera gereicht worden. Sie machte kein Geheimnis darum, wie sehr sie die große Aufmerksamkeit um ihre Person genervt hatte: "Es waren zwei brutale Wochen. Die Luft ist raus und ich bin froh, dass es vorbei ist und dass ich ein bisschen Abstand bekomme von dem Trubel und dem Rummel. Das Drumherum war anstrengender und zehrender als die Wettkämpfe. Es ist gut, dass wir jetzt hier abreisen."
"Wir haben eine sehr gute Heim-WM abgeliefert"
Neuner zog jedoch zufrieden und stolz eine Bilanz ihrer letzten Titelkämpfe. In der WM-Bestenliste liegt sie nun mit 17 Medaillen hinter Ole Einar Björndalen auf Rang zwei. Am kommenden Wochenende will sie zum Abschluss ihrer Karriere in Chanty-Mansijsk zum dritten Mal den Gesamtweltcup gewinnen.
Dank Neuner fällt auch das Fazit der Trainer des deutschen Biathlonteams ordentlich aus: "Wir haben eine sehr gute Heim-WM abgeliefert. Wir sind in der Weltspitze dabei. Bei manchen Athleten fehlen nur kleine Schritte, um ganz nach vorne zu kommen", sagte Bundestrainer Uwe Müßiggang.
Doch genau dies ist das Problem der deutschen Biathleten. Denn in Neuner verlieren sie nun ihre mit Abstand populärste und erfolgreichste Sportlerin, die einzige, die in Ruhpolding auch in Einzelrennen in die Medaillenränge lief: Im Sprint gewann Neuner Gold, in der Verfolgung Silber, dazu Gold und Bronze in der Frauen- und Mixed-Staffel. Sie war an vier der fünf deutschen WM-Medaillen beteiligt, nur mit dem Bronzerang der Männer-Staffel hatte sie nichts zu tun. Und auch wenn Neuner am Samstag in der Frauen-Staffel schlecht schoss, was von Tina Bachmann, Miriam Gössner und Andrea Henkel ausgebügelt wurde: Sie wird dem deutschen Biathlon sehr fehlen, auch als Werbegesicht.
Wer nun ihre Lücke schließt, ist noch nicht klar: Henkel ist 34 Jahre alt, sie dürfte spätestens nach den Olympischen Spielen in Sotchi aufhören. Bachmann, 25, ist in der Loipe stark, sie hat aber Schwächen am Schießstand. Miriam Gössner, die von Neuner selbst als Nachfolgerin gehandelt wird, ist erst 21 Jahre alt und noch zu wenig konstant für die Weltspitze.
Im Frauen-Biathlon herrschen strukturelle Probleme
Während bei den Männern Nachwuchsläufer in die Spitze drängen, haben die Frauen zudem strukturelle Probleme, mit möglicherweise fatalen Folgen. Denn fehlender Erfolg wirkt sich negativ auf die Einschaltquoten und Werbeeinnahmen aus. "Mit Biathlon erwirtschaften wir unser Geld und nicht mit Langlauf", hat der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, Thomas Pfüller, bereits Anfang des Jahres gesagt. Es gibt Überlegungen im Verband, Langläuferinnen zu Biathletinnen umzuschulen. Evi Sachenbacher-Stehle versucht diesen Schritt vor der kommenden Saison. Die Ansprüche dürften nun dennoch sinken, vor allem bei den zuletzt erfolgsverwöhnteren Frauen: "Der vierte Platz ist super, ich war stabiler als letztes Jahr", sagte beispielsweise Tina Bachmann nach ihrem guten Massenstart-Rennen. Dieser Satz könnte zum Menetekel für Deutschlands Biathletinnen werden.
Magdalena Neuner braucht sich um diese Probleme nicht mehr zu kümmern. Sie wollte ihre letzte Weltmeisterschaft am Sonntagabend noch gemütlich ausklingen lassen, ein wenig plaudern mit ihren Kolleginnen und den Trainern. Dann hat sie ein paar Tage bis zum letzten Weltcup-Rennen, um einfach mal durchzuatmen vor dem allerletzten Schuss.
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