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18. Februar 2013, 09:32 Uhr

Bilanz der Biathlon-WM

Krachendes Debakel, kleine Hoffnung

Aus Nove Mesto berichtet

Nur zwei Medaillen, das schlechteste WM-Abschneiden seit 36 Jahren: Die Titelkämpfe in Nove Mesto waren für die deutschen Biathleten eine Enttäuschung. Doch so mies sieht es für die Zukunft gar nicht aus, zumindest bei den Frauen.

"Einer kommt durch." Das war zwanzig Jahre lang der Standardsatz der deutsche Biathlontrainer. Übersetzt heißt das: Irgendjemand aus dem Team wird schon einen Podestplatz erreichen, bei den Männern galt das ebenso wie bei den Frauen. Und es war tatsächlich so, dass Deutschland wegen seiner Fülle an Spitzen-Biathleten gemeinsam mit Norwegen viele Jahre den Sport dominierte. Die Skandinavier sind noch immer spitze, die Deutschen nicht mehr, im Gegenteil: Die Weltmeisterschaft im tschechischen Nove Mesto wird als die WM der vielen Enttäuschungen in Erinnerung bleiben.

"Fünf bis sechs Medaillen" hatte Thomas Pfüller, der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), vor der WM als Ziel ausgegeben. "Das haben wir nicht erreicht, daher sind wir äußerst unzufrieden", so Pfüllers Fazit. Nur eine Silbermedaille durch Andrea Henkel im Einzelrennen und Bronze durch die Staffel der Männer: Das ist die deutsche Ausbeute bei elf Wettkämpfen. So ein schlechtes WM-Ergebnis hat es seit der Wiedervereinigung nicht gegeben. Man muss bis ins Jahr 1977 zurückgehen, um auf ein derartiges Debakel zu stoßen: Damals holte die DDR im norwegischen Vingrom lediglich eine Bronzemedaille mit der Staffel.

"Das kann jetzt auch ein Hallo-Wach-Effekt in Richtung Sotschi sein", kommentierte DSV-Präsident Alfons Hörmann das Ergebnis mit Blick auf die Olympischen Winterspiele kommendes Jahr in Russland. Aber woran lag es, dass das deutsche Team in Tschechien so schlecht abgeschnitten hat? Und wie sind die Aussichten für Sotschi?

Henkel und Berger beenden ihre Karrieren nach Olympia

Bei den Frauen kommt man nicht an Tora Berger vorbei. Die Norwegerin war mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen die überragende Athletin dieser WM. Früher war es Deutschland, das mit Magdalena Neuner solch eine Ausnahme-Biathletin hatte, als sie etwa bei der WM in Chanty-Mansijsk vor zwei Jahren dreimal Gold und zweimal Silber gewann. Nun dominiert eine Konkurrentin. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob Berger ihre überragende Form in Sotschi bestätigen können wird. Anschließend, das hat die 31-Jährige bereits angekündigt, beendet sie ihre Karriere.

Die Spiele in Russland werden auch den Abschied von Andrea Henkel bedeuten, die in Nove Mesto wieder bewies, wie wichtig sie für dieses Team ist. Zwar hat sie die deutsche Staffel um eine Medaille gebracht. Andererseits bescherte die 35-Jährige dem DSV die beste Platzierung in Tschechien: Silber im Einzel.

Es ist davon auszugehen, dass Henkel auch in Sotschi wieder gute Leistungen bringt, wie sie es seit mehr als zehn Jahren beständig tut. Im Fall Miriam Gössner ist derlei Optimismus gerade weniger angebracht. Die neben der Weißrussin Darja Domratschewa beste Langläuferin im Biathlon hat ein großes Problem mit dem Gewehr. Mit einer Trefferquote von unter 70 Prozent sind Medaillen unmöglich. Zum Vergleich: Die auf der Strecke langsamere Berger kommt auf eine Quote von fast 93 Prozent.

Zwei große Talente und eine Rückkehrerin

"Das Laufen war gut, das Schießen durchwachsen. Ich war oft knapp an einer Medaille dran, habe es aber nicht geschafft, bis zum Ende durchzuziehen", lautet Gössners Fazit. Ganz so lapidar wollte es Pfüller nicht abtun, er sagte: "Das darf nicht passieren. Das zog sich durch diese Weltmeisterschaft wie ein roter Faden."

Diskutiert wird beim DSV nun die Einstellung eines weiteren Trainers ausschließlich für das Schießen. Die in Nove Mesto verantwortlichen Trainer bekamen von Pfüller trotz des schlechten Abschneidens eine Jobgarantie. Einer von ihnen, Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig, sagte: "Wir haben drei sechste Plätze, die wir uns immer beim Schießen eingehandelt haben."

In Sotschi - und auch danach - dürfte das deutsche Frauen-Team vor allem in der Breite wieder besser aufgestellt sein, als das in Nove Mesto der Fall gewesen ist. Mit Laura Dahlmeier hat Deutschland ein großes Talent in seinen Reihen, das bei dieser WM bewies, wie gut es ist. Auch Franziska Preuß, 18 Jahre jung, wird eine große Zukunft prophezeit. Zudem kehrt Kathrin Lang, die früher Hitzer hieß, zurück. Die 26-Jährige hatte vor ihrer Babypause insgesamt 15 Podestplatzierungen im Weltcup erreicht.

In der Breite gut aufgestellt ist auch das deutsche Männer-Team, wie das Staffelrennen zeigte. Das Problem ist: Während Henkel und Gössner grundsätzlich in der Lage sind, um Platz eins mitzulaufen, können die DSV-Athleten aus eigener Kraft das Podest nur selten erreichen. Deutschland fehlt ein Spitzen-Biathlet, das hat Nove Mesto gezeigt. Oder wie es Männer-Bundestrainer Mark Kirchner sagte: "Es fehlen die Ausreißer nach oben." Am Schießstand zeigen die deutschen Männer gute bis sehr gute Leistungen, auf der Strecke können sie mit den Top-Läufern nicht mithalten.

Pfüller verwies zwar auf die Ausnahmestellung von Emil Hegle Svendsen bei dieser WM, der viermal Gold und einmal Bronze gewann. Aber die Annahme des DSV-Sportdirektors, "wir sind nicht so weit weg, dass wir uns eingraben müssen", erweist sich im Männerbereich bei genauerem Hinsehen als kaum haltbar. Gegen Svendsen und dessen Landsmann Tarjei Boe, den Franzosen Martin Fourcade oder die Russen Anton Schipulin und Dimitri Malyschko haben Andreas Birnbacher, Arnd Peiffer, Simon Schempp, Erik Lesser und Florian Graf derzeit nur eine Chance, wenn die Konkurrenten am Schießstand patzen.

"Hoffentlich kommt einer durch", lautet derzeit das Motto im deutschen Biathlon.

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