Henkels WM-Medaille: Schuss, Tränen, Silber

Aus Nove Mesto berichtet

Biathletin Henkel: "Das ist großartig für Andrea" Zur Großansicht
DPA

Biathletin Henkel: "Das ist großartig für Andrea"

Andrea Henkel hat das deutsche Biathlon-Team erlöst. Bei der WM in Nove Mesto gewann sie hinter Tora Berger Silber im Einzelrennen und sicherte dem DSV die erste Medaille bei den Titelkämpfen in Tschechien. Miriam Gössner lieferte eine starke Lauf-Leistung ab, enttäuschte aber beim Schießen.

Gerald Hönig war fertig mit den Nerven, der Bundestrainer der deutschen Biathlon-Frauen konnte nicht mehr hinschauen. Andrea Henkel war gerade zum letzten von vier Schießen des Einzelwettbewerbs gekommen und hatte die ersten vier Scheiben getroffen. Wenn ihr letzter Schuss auch im Ziel einschlagen würde, das war klar, hätte Deutschland endlich seine erste Medaille bei dieser WM in Nove Mesto.

Hönig ging in Knie und nahm die Hände vor sein Gesicht, in der Vysocina Arena war es mucksmäuschenstill. Dann ertönte der Schuss. Als hinter dem Bundestrainer auf der Tribüne plötzlich Jubel ausbrach, schaute er hoch zur großen Leinwand, sah, dass auch die letzte Scheibe gefallen war - und Hönig schossen die Tränen in die Augen.

"Das ist großartig für Andrea und eine Erlösung für das ganze Team. Die Kritik in der ersten Woche war schon hart", sagte Hönig mit stockender Stimme. Wenig später überquerte Henkel die Ziellinie, im Stadion dröhnte das Lied "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen. Und es war tatsächlich ein besonderer Tag, weil der Deutsche Skiverband (DSV) nach fünf Enttäuschungen in fünf Wettbewerben zum ersten Mal einen Podestplatz in Nove Mesto erreichte.

Henkel kündigt Karriereende für das kommende Jahr an

"Manchmal funktioniert es auch, wenn ich ganz viel Druck habe. Es gab viel Kritik an der deutschen Mannschaft. Ich hoffe, dass es in der zweiten Woche besser wird und ich den Anfang gemacht habe", sagte Henkel. Anschließend kündigte die 35-Jährige an, ihre Karriere kommendes Jahr nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi beenden zu wollen.

Bis zur Erlösung in diesem WM-Rennen, Henkels 20. Treffer beim 20. Schuss, war es eine Zitterpartie gewesen, weil die Deutsche läuferisch dieses Mal nicht ganz so schnell unterwegs war. Die Goldmedaille war weg, das war frühzeitig klar. Die derzeit alles überragende Tora Berger aus Norwegen schoss fehlerfrei und war auch noch schnell auf der Strecke. Am Ende hatte sie fast 53 Sekunden Vorsprung vor Henkel.

Gössner mit der zweitbesten Laufzeit aller Starterinnen

Die kämpfte mit Walj Semerenko aus der Ukraine und der Slowakin Anastasiya Kuzmina um Silber und Bronze. Semerenko war schon als dritte von 118. Starterinnen auf die Strecke gegangen, hatte sich nur einen Fehler am Schießstand geleistet und eine gute Laufzeit hingelegt. Kuzmina war noch schneller unterwegs als die Ukrainerin, hatte bis zum vierten Schießen ebenfalls nur einen Fehler und lag auf Silbermedaillenkurs. Der zweite Fehler kostete die Slowakin aber den Podestplatz.

Wie knapp es am Ende war, bewiesen die Zeiten. Henkel hatte knapp 50 Sekunden Vorsprung auf Semerenko und etwas mehr als eine Minute auf Kuzmina. Das Einzel ist der einzige Biathlon-Wettbewerb, bei dem es für jeden Schießfehler eine Minute Zeitstrafe gibt. Das bedeutet: Schon ein Fehler hätte die Deutsche auf Platz drei befördert, zwei hätten Platz neun bedeutet. Das wusste auch Henkel, die am Ende cool blieb und sagte: "Ich fand fast das letzte Schießen war das Sicherste."

Nicht ganz so sicher am Schießstand war Miriam Gössner, ganz im Gegenteil: Die 22-Jährige galt vor der WM als größte deutsche Medaillenhoffnung, zeigte aber wieder einmal eine katastrophale Leistung mit dem Gewehr. Wie schon im Sprint und in der Verfolgung brachte sie sich so um eine Medaille. Im Einzel war sie mit einer reinen Laufzeit von 44:35,5 Minuten die Zweitschnellste hinter der Weißrussin Darja Domratschewa (44:27,8). Weil sich beide aber sechs Fehler am Schießstand leisteten, kamen noch einmal sechs Minuten dazu.

"Meine Laufform war richtig gut. Jetzt freue ich mich auf den Massenstart, da gibt es keine Strafminuten, sondern nur Strafrunden", sagte Gössner. Allerdings wird sie sich auch im abschließenden Wettkampf am Sonntag (12 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kaum mehr als maximal zwei Fehler leisten dürfen, wenn sie eine Chance auf die Medaillen haben will.

Während sich Gössner am Ende über ihren 35. Platz ärgerte, freute sich Henkel nicht nur über Silber - sondern auch über eine gewonnene Wette. Hätte sie keine Medaille geholt, hätte sie in eines der übergroßen Kostüme der WM-Maskottchen schlüpfen müssen. Daher empfing sie DSV-Pressesprecher Stefan Schwarzbach im Ziel mit den Worten: "Glück gehabt, Alte!"

Jeannette Corbeau

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn Andrea Henkel aufhört, ...
un-Diplomat 13.02.2013
Zitat von sysopAndrea Henkel hat das deutsche Biathlon-Team erlöst. Bei der WM in Nove Mesto gewann sie Silber im Einzelrennen und sicherte dem DSV die erste Medaille bei den Titelkämpfen in Tschechien. Miriam Gössner lieferte eine starke Lauf-Leistung ab, enttäuschte aber beim Schießen. Biathlon-WM: Henkels Silbermedaille erlöst deutsches Team - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/wintersport/biathlon-wm-henkels-silbermedaille-erloest-deutsches-team-a-883253.html)
... ist es vorbei mit den Medaillen, außer den gelegentlichen wie für viele Länderteams. Keine Strategie mit den Läuferinnen/Schützinnen beim Aufbau und beim laufbahn beenden.
2. Alte Indianerweisheit:
marthafner 13.02.2013
"Ein Bärenfell kann man erst verteilen, wenn der Bär erlegt ist" und die deutschen Biathleten haben das Fell schon vor der WM verteilt. Besonders Miriam Gössner. Der Druck war dann doch extrem stark.
3. Chapeua Andrea Henkel
quimbes 14.02.2013
Meine Hochachtung für den tollen Auftritt der Grand-Dame im Team der Biathletinnen Deutschlands. Erfahrung, Können und Konzentration der sympathischen Thüringerin verdienen tiefe Anerkennung. Verständlich aber sehr Schade dass sie nach Sotschi aufhören wird. Nicht nur mich beschäftigt die Frage,warum es mit dem Schießen nicht klappt? Wir hatten doch Klasse-frauen und Männer im Team. Gibt's (k)einen Schießtrainer?
4. Is' eben doch die Beste :-)
quark@mailinator.com 14.02.2013
Freut mich für sie - nicht so'n Automat wie gewisse andere Leute ;-).
5. Oldy but Goldy
matjeshering 14.02.2013
Super Vorstellung von Andrea Henkel. Die Silberne ist mit einer Goldenen gleich zu setzen. Man sollte niemals die älteren Atlethen abhaken. Was die Jungen anbelang, sollte man an den unsteten, noch nicht immer für´s Stockerl reifen Leistungen rummäkeln. Jede Generation muss sich erst entwickeln. Wir Deutsche sind durch Magdalena Neuer und die Generation Uschi Diesel zu sehr verwöhnt. Der Nachwuchs ist schon gut. Es fehlt nur die Konstanz. Gleiches gilt auch für die Männer. Weiter so.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wintersport
RSS
alles zum Thema Biathlon-WM 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare

Zeitplan Biathlon-WM
  • DPA
    Donnerstag, 7. Februar
    17.30 Uhr: Mixed-Staffel

    Samstag, 9. Februar
    13.00 Uhr: Sprint Männer
    16.15 Uhr: Sprint Frauen

    Sonntag, 10. Februar
    13.00 Uhr: Verfolgung Männer
    16.15 Uhr: Verfolgung Frauen

    Mittwoch, 13. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Frauen

    Donnerstag, 14. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Männer

    Freitag, 15. Februar
    17.15 Uhr: Staffel Frauen

    Samstag, 16. Februar
    15.15 Uhr: Staffel Männer

    Sonntag, 17. Februar
    12.00 Uhr: Massenstart Frauen
    15.15 Uhr: Massenstart Männer
Biathlon-Disziplinen
Einzel
Der älteste Biathlon-Wettkampf ist mit 15 Kilometern bei den Frauen sowie 20 Kilometern bei den Männern der längste. Viermal wird geschossen, zweimal liegend, zweimal stehend - im Wechsel. Pro Fehlschuss gibt es eine Strafminute, der Zeitschnellste gewinnt.
Sprint
Mit 7,5 Kilometern bei den Frauen und 10 Kilometern bei den Männern der kürzeste Wettkampf. Erst wird liegend geschossen, dann stehend. Pro Fehler muss eine Strafrunde von 150 Metern absolviert werden. Der Zeitschnellste gewinnt.
Verfolgung
Auch Jagdrennen genannt. Der Sieger des Sprints geht als Erster in die Loipe. 10 (Frauen) beziehungsweise 12,5 (Männer) Kilometer sind zu absolvieren. In den Zeitabständen aus dem Sprintrennen jagt das restliche Feld den Führenden. Viermal wird geschossen, erst zweimal liegend, dann zweimal stehend. Pro Fehler gibt es eine Strafrunde. Wer als Erster das Ziel erreicht, gewinnt.
Massenstart
Die 30 Starter ergeben sich anhand der Weltcupwertung. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen sind zudem alle Medaillengewinner der vorherigen Wettbewerbe automatisch qualifiziert. Vier Schießeinlagen (liegend, liegend, stehend, stehend) stehen auf dem Programm, die Laufstrecke beträgt 12,5 (Frauen) beziehungsweise 15 (Männer) Kilometer. Geht ein Schuss daneben, wartet die Strafrunde (150 Meter). Sieger ist, wer zuerst die Ziellinie überquert.
Staffel
Gestartet wird im Quartett - die Frauen müssen 4x6 Kilometer laufen, die Männer 4x7,5 Kilometer. Jeder Läufer hat bei seinen zwei Schießeinlagen (liegend und stehend) jeweils drei Nachlader (Zusatzschüsse). Reichen diese nicht aus, muss pro nicht getroffener Scheibe eine Strafrunde absolviert werden. Beim Wechsel muss es zwischen den Teamgefährten in der 30 Meter langen Wechselzone einen eindeutigen Körperkontakt geben, sonst droht die Disqualifikation. Die schnellste Staffel gewinnt.
Mixed-Staffel
Das Quartett besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Erst laufen die Frauen jeweils 6, dann die Herren jeweils 7,5 Kilometer. Jeder Starter muss zweimal schießen (liegend und stehend). Es gibt drei Nachlader pro Starter, sonst droht die Strafrunde. Sieger ist das Quartett, welches als erstes im Ziel ist. Das Mixed-Rennen ist 2014 erstmals olympisch.

Quellen: dpa und sid

Fotostrecke
Neuner, Disl und Co.: Die besten deutschen Biathletinnen der Geschichte
Erfolgreichste Biathletinnen bei Weltmeisterschaften
Name (Land) Gold Silber Bronze
M. Neuner (Deutschland) 12 4 1
J. Golowina (UdSSR) 10 1 1
P. Behle (Deutschland) 9 2 2
U. Disl (Deutschland) 8 8 3
A. Henkel (Deutschland) 8 6 3
L.G. Poirée (Norwegen) 8 3 2
S. Dawidowa (UdSSR) 7 3 1
K. Parwe (UdSSR) 7 2 -
W. Tschernyschowa (UdSSR) 7 1 2
T. Berger (Norwegen) 6 4 5