Aus Nove Mesto berichtet Birger Hamann
Gerald Hönig war fertig mit den Nerven, der Bundestrainer der deutschen Biathlon-Frauen konnte nicht mehr hinschauen. Andrea Henkel war gerade zum letzten von vier Schießen des Einzelwettbewerbs gekommen und hatte die ersten vier Scheiben getroffen. Wenn ihr letzter Schuss auch im Ziel einschlagen würde, das war klar, hätte Deutschland endlich seine erste Medaille bei dieser WM in Nove Mesto.
Hönig ging in Knie und nahm die Hände vor sein Gesicht, in der Vysocina Arena war es mucksmäuschenstill. Dann ertönte der Schuss. Als hinter dem Bundestrainer auf der Tribüne plötzlich Jubel ausbrach, schaute er hoch zur großen Leinwand, sah, dass auch die letzte Scheibe gefallen war - und Hönig schossen die Tränen in die Augen.
"Das ist großartig für Andrea und eine Erlösung für das ganze Team. Die Kritik in der ersten Woche war schon hart", sagte Hönig mit stockender Stimme. Wenig später überquerte Henkel die Ziellinie, im Stadion dröhnte das Lied "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen. Und es war tatsächlich ein besonderer Tag, weil der Deutsche Skiverband (DSV) nach fünf Enttäuschungen in fünf Wettbewerben zum ersten Mal einen Podestplatz in Nove Mesto erreichte.
Henkel kündigt Karriereende für das kommende Jahr an
"Manchmal funktioniert es auch, wenn ich ganz viel Druck habe. Es gab viel Kritik an der deutschen Mannschaft. Ich hoffe, dass es in der zweiten Woche besser wird und ich den Anfang gemacht habe", sagte Henkel. Anschließend kündigte die 35-Jährige an, ihre Karriere kommendes Jahr nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi beenden zu wollen.
Bis zur Erlösung in diesem WM-Rennen, Henkels 20. Treffer beim 20. Schuss, war es eine Zitterpartie gewesen, weil die Deutsche läuferisch dieses Mal nicht ganz so schnell unterwegs war. Die Goldmedaille war weg, das war frühzeitig klar. Die derzeit alles überragende Tora Berger aus Norwegen schoss fehlerfrei und war auch noch schnell auf der Strecke. Am Ende hatte sie fast 53 Sekunden Vorsprung vor Henkel.
Gössner mit der zweitbesten Laufzeit aller Starterinnen
Die kämpfte mit Walj Semerenko aus der Ukraine und der Slowakin Anastasiya Kuzmina um Silber und Bronze. Semerenko war schon als dritte von 118. Starterinnen auf die Strecke gegangen, hatte sich nur einen Fehler am Schießstand geleistet und eine gute Laufzeit hingelegt. Kuzmina war noch schneller unterwegs als die Ukrainerin, hatte bis zum vierten Schießen ebenfalls nur einen Fehler und lag auf Silbermedaillenkurs. Der zweite Fehler kostete die Slowakin aber den Podestplatz.
Wie knapp es am Ende war, bewiesen die Zeiten. Henkel hatte knapp 50 Sekunden Vorsprung auf Semerenko und etwas mehr als eine Minute auf Kuzmina. Das Einzel ist der einzige Biathlon-Wettbewerb, bei dem es für jeden Schießfehler eine Minute Zeitstrafe gibt. Das bedeutet: Schon ein Fehler hätte die Deutsche auf Platz drei befördert, zwei hätten Platz neun bedeutet. Das wusste auch Henkel, die am Ende cool blieb und sagte: "Ich fand fast das letzte Schießen war das Sicherste."
Nicht ganz so sicher am Schießstand war Miriam Gössner, ganz im Gegenteil: Die 22-Jährige galt vor der WM als größte deutsche Medaillenhoffnung, zeigte aber wieder einmal eine katastrophale Leistung mit dem Gewehr. Wie schon im Sprint und in der Verfolgung brachte sie sich so um eine Medaille. Im Einzel war sie mit einer reinen Laufzeit von 44:35,5 Minuten die Zweitschnellste hinter der Weißrussin Darja Domratschewa (44:27,8). Weil sich beide aber sechs Fehler am Schießstand leisteten, kamen noch einmal sechs Minuten dazu.
"Meine Laufform war richtig gut. Jetzt freue ich mich auf den Massenstart, da gibt es keine Strafminuten, sondern nur Strafrunden", sagte Gössner. Allerdings wird sie sich auch im abschließenden Wettkampf am Sonntag (12 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kaum mehr als maximal zwei Fehler leisten dürfen, wenn sie eine Chance auf die Medaillen haben will.
Während sich Gössner am Ende über ihren 35. Platz ärgerte, freute sich Henkel nicht nur über Silber - sondern auch über eine gewonnene Wette. Hätte sie keine Medaille geholt, hätte sie in eines der übergroßen Kostüme der WM-Maskottchen schlüpfen müssen. Daher empfing sie DSV-Pressesprecher Stefan Schwarzbach im Ziel mit den Worten: "Glück gehabt, Alte!"

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