Biathlon-Staffel der Frauen: Volles Risiko für die Medaille

Aus Nove Mesto berichtet

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Biathlon-Staffel: Traum von einem WM-Podestplatz

Jahrelang galt die deutsche Biathlon-Staffel der Frauen als Medaillengarant, doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Bei der WM hat das DSV-Quartett starke Konkurrenz und Probleme mit der eigenen Schieß- und Laufleistung. Die deutschen Trainer setzen deshalb auf ein Nachwuchs-Talent.

Andrea Henkel grinst in einer Tour. Die Fragen der Journalisten können noch so bohrend sein, die 35-Jährige antwortet gut gelaunt und schlagfertig, einen Tag, nachdem sie mit Silber im Einzel das deutsche Team bei der Biathlon-WM in Nove Mesto erlöst hat. Henkel wirkt so locker und gelöst, als hätte es die ganze Diskussion um die schwache erste Woche in Tschechien nie gegeben.

Diese erste Medaille für den Deutschen Skiverband (DSV) hat deutlich Druck herausgenommen, so scheint es. Oder wie es Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig formuliert: "Andrea hat mit ihrer Leistung vielleicht einen Knoten geöffnet und in den Köpfen einiges freigesetzt, damit wir noch erfolgreiche Tage vor uns haben." Bitte mehr Medaillen!, lautet der Wunsch des DSV, am besten am Abend in der Frauen-Staffel (17.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), die an goldene Zeiten erinnert.

Jahrelang galt das deutsche Quartett bei den Frauen als Garant für Podestplätze. Seit 1995 hat die deutsche Frauen-Staffel bei einer Biathlon-WM immer eine Medaille gewonnen. Bei 14 Titelkämpfen in Folge holte sie achtmal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze. Die letzte WM, bei der es keine Medaille gab, fand 1993 im bulgarischen Borowez statt. Damals wurden Uschi Disl, Antje Harvey, Sylke Hummanik und Petra Behle Vierte. 20 Jahre ist das her.

"Wir dürfen jetzt keine Angst vor den Scheiben haben"

Doch Chef-Bundestrainer Uwe Müßiggang hatte schon vor der WM gewarnt: "So eine Bank, wie die Staffel in den vergangenen Jahren war, wird sie sicher nicht sein." Zwar gewann das DSV-Quartett das letzte Weltcup-Staffelrennen vor der WM in Antholz. Aber Hönig sagt: "Der Staffelsieg dort macht uns nicht zum Favoriten."

Vor allem die Leistungen am Schießstand geben Anlass zur Sorge. Henkel will das allerdings nicht gelten lassen. "Wir dürfen jetzt keine Angst vor den Scheiben haben", sagt sie: "Die Franzi hat im Sprint zweimal null geschossen, die Miri ist dort Sechste geworden. Und die Nadine hat im Einzel nur einen Fehler geschossen. So schlecht war es ja nicht." Henkel zählt das alles in einer Geschwindigkeit auf, als hätte sie die Ergebnisse vorher auswendig gelernt.

Man kann die bisherigen Wettkämpfe aber auch anders betrachten. Zum Beispiel, dass die Franzi, Franziska Hildebrand, im Einzel fünf Scheiben nicht traf und nur 51. wurde. Oder dass die Miri, Miriam Gössner, sowohl in der Verfolgung als auch im Einzel sechsmal daneben zielte und sich damit den Traum von einer Medaille zerschoss. Und dass die Nadine, Horchler mit Nachnamen, im Sprint vier von zehn Scheiben stehen ließ. Diese Zahlen sprechen dafür, dass es schwierig wird mit einer Staffel-Medaille. Zumal die Ukraine, Norwegen, Russland und Frankreich über starke Quartetts verfügen.

Talent Dahlmeier ersetzt Horchler in der Staffel

Das Problem des deutschen Teams ist, dass die Frauen-Staffel im Vergleich zu früher nur zur Hälfte mit Spitzenathletinnen besetzt ist. Hildebrand und Horchler sind läuferisch zu schwach. Das haben auch die Trainer erkannt und kurzfristig reagiert: Für Horchler geht die 19 Jahre alte Laura Dahlmeier in der Staffel an den Start.

Die DSV-Verantwortlichen gehen damit ein Risiko ein, schließlich hat Dahlmeier noch keinen einzigen Weltcup in ihrem Leben absolviert. Nun plötzlich ein Staffeleinsatz bei der WM: "Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Das ist was Besonderes, die ganzen Stars kennt man ja sonst nur aus dem Fernsehen", sagt Dahlmeier, die bei der Junioren-WM im Januar dreimal Gold gewann. Sie gilt als größtes Biathlon-Talent im deutschen Frauen-Bereich. "Wir sind von ihr überzeugt. Sie hat sich im Training sehr gut präsentiert", sagt Müßiggang. Läuft und schießt Dahlmeier ordentlich, haben die Trainer alles richtig gemacht. Wenn nicht, kann das die sportliche Entwicklung der jungen Frau negativ beeinflussen.

Dahlmeier wird an dritter Position starten. Und es wird, wie auch bei Startläuferin Hildebrand, entscheidend sein, dass beide am Schießstand weitgehend fehlerfrei bleiben, weil sie Schwächen mit dem Gewehr auf der Strecke kaum ausgleichen können. Zudem muss Gössner, an Position zwei startend, ihre Fehlerquote am Schießstand in Grenzen halten und Henkel als Schlussläuferin ihre derzeit gute Form bestätigen.

Was ist drin für das deutsche Quartett?, wollen die Journalisten von ihr wissen. "Alles", antwortet Henkel - und grinst.

Jeannette Corbeau

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insgesamt 7 Beiträge
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1. echt super
tart 15.02.2013
ein "unbekannter nachwuchs star" ist kein star...stars sind BEKANNT....und deswegen auch STARS....
2. Bedachte Nachwuchsarbeit sieht anders aus
tomkey 15.02.2013
Zitat von sysopJahrelang galt die deutsche Biathlon-Staffel der Frauen als Medaillengarant, doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Bei der WM hat das DSV-Quartett starke Konkurrenz und Probleme mit der eigenen Schieß- und Laufleistung. Die deutschen Trainer setzen deshalb auf einen unbekannten Nachwuchs-Star. Biathlon-WM: Vorschau zur Staffel der Frauen mit Henkel und Gössner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/biathlon-wm-vorschau-zur-staffel-der-frauen-mit-henkel-und-goessner-a-883553.html)
Wie soll man das bezeichnen? Als mutig? Als Chance? Ich sehe es eher als verzweifelten Schritt, dem Biathlon zurück in die jahrelang gewohnte Erfolgsspur zu verhelfen. Anstatt endlich zu akzeptieren, dass das blonde Laufwunder keine konstanten Schießleistungen bringen kann und die anderen bereits jetzt an ihre Grenzen gekommen sind (vor allem mental), wird immer noch so getan, als ob die 6 Medaillien realistisch wären. Schade, dass der Nachwuchs ohne Erfahrung aus einem Rennen nun starten muss. Biathlon im TV als Quotenbringer verheizt seine Sportler.
3. Nachwuchs ohne Erfahrung?
ptb29 15.02.2013
Was für ein Blödsinn. Laura Dahlmeier ist 3-fache Juniorenweltmeisterin. Da wird auch gelaufen und geschossen. Wichtiger ist, dass sie nicht überdreht, sondern einfach ihr Können abruft.
4. Drei Mal Gold
brokerbundfuture1 15.02.2013
im Juniorenbereich reicht normalerweise auch für top 20 im Weltcup und das ist die Belohnung für diese Läuferin und ihre gezeigten Leistungen. Was soll schon sein, sie läuft nicht im Einzel und daher hat sie auch nicht den gleichen Druck in der Mannschaft. Warum soll eine solche Ausnahmeathletin nicht genau dort laufen, wo sie am Ende auch in Zukunft laufen wird, in der absoluten Weltspitze. Wir sollten froh sein, wenn man eine 19jährige und somit erfahrene Läuferin mit diesen Qualitäten hat und diese Chance bei einer WM auch mal nutzt. Andere Nationen schicken die mit 17 schon ins Rennen, siehe Norwegen.
5. zu jung ?
magnum69 15.02.2013
Warum sollte es die Entwicklung negativ beeinflussen ? Man sie ist schon 19 ! Turnerinnen fallen schon mal mit 14 vom Reck. Dafür trainieren sie ja, nicht um sich zu verstecken, sondern um im Welt-Biathlon-Zirkus mitzumischen. Hört endlich auf unsere Leute so zu verhätscheln. Sportler sind starke und selbstbewußte Menschen, meist solange, bis die Medien sie dann auf dem Kiecker haben. Das zeigt schon wieder dieser Kommentar von birgerhaman. . . . . .
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Zeitplan Biathlon-WM
  • DPA
    Donnerstag, 7. Februar
    17.30 Uhr: Mixed-Staffel

    Samstag, 9. Februar
    13.00 Uhr: Sprint Männer
    16.15 Uhr: Sprint Frauen

    Sonntag, 10. Februar
    13.00 Uhr: Verfolgung Männer
    16.15 Uhr: Verfolgung Frauen

    Mittwoch, 13. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Frauen

    Donnerstag, 14. Februar
    17.15 Uhr: Einzel Männer

    Freitag, 15. Februar
    17.15 Uhr: Staffel Frauen

    Samstag, 16. Februar
    15.15 Uhr: Staffel Männer

    Sonntag, 17. Februar
    12.00 Uhr: Massenstart Frauen
    15.15 Uhr: Massenstart Männer
Biathlon-Disziplinen
Einzel
Der älteste Biathlon-Wettkampf ist mit 15 Kilometern bei den Frauen sowie 20 Kilometern bei den Männern der längste. Viermal wird geschossen, zweimal liegend, zweimal stehend - im Wechsel. Pro Fehlschuss gibt es eine Strafminute, der Zeitschnellste gewinnt.
Sprint
Mit 7,5 Kilometern bei den Frauen und 10 Kilometern bei den Männern der kürzeste Wettkampf. Erst wird liegend geschossen, dann stehend. Pro Fehler muss eine Strafrunde von 150 Metern absolviert werden. Der Zeitschnellste gewinnt.
Verfolgung
Auch Jagdrennen genannt. Der Sieger des Sprints geht als Erster in die Loipe. 10 (Frauen) beziehungsweise 12,5 (Männer) Kilometer sind zu absolvieren. In den Zeitabständen aus dem Sprintrennen jagt das restliche Feld den Führenden. Viermal wird geschossen, erst zweimal liegend, dann zweimal stehend. Pro Fehler gibt es eine Strafrunde. Wer als Erster das Ziel erreicht, gewinnt.
Massenstart
Die 30 Starter ergeben sich anhand der Weltcupwertung. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen sind zudem alle Medaillengewinner der vorherigen Wettbewerbe automatisch qualifiziert. Vier Schießeinlagen (liegend, liegend, stehend, stehend) stehen auf dem Programm, die Laufstrecke beträgt 12,5 (Frauen) beziehungsweise 15 (Männer) Kilometer. Geht ein Schuss daneben, wartet die Strafrunde (150 Meter). Sieger ist, wer zuerst die Ziellinie überquert.
Staffel
Gestartet wird im Quartett - die Frauen müssen 4x6 Kilometer laufen, die Männer 4x7,5 Kilometer. Jeder Läufer hat bei seinen zwei Schießeinlagen (liegend und stehend) jeweils drei Nachlader (Zusatzschüsse). Reichen diese nicht aus, muss pro nicht getroffener Scheibe eine Strafrunde absolviert werden. Beim Wechsel muss es zwischen den Teamgefährten in der 30 Meter langen Wechselzone einen eindeutigen Körperkontakt geben, sonst droht die Disqualifikation. Die schnellste Staffel gewinnt.
Mixed-Staffel
Das Quartett besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Erst laufen die Frauen jeweils 6, dann die Herren jeweils 7,5 Kilometer. Jeder Starter muss zweimal schießen (liegend und stehend). Es gibt drei Nachlader pro Starter, sonst droht die Strafrunde. Sieger ist das Quartett, welches als erstes im Ziel ist. Das Mixed-Rennen ist 2014 erstmals olympisch.

Quellen: dpa und sid

Erfolgreichste Biathleten bei Weltmeisterschaften
Name (Land) Gold Silber Bronze
O. Bjørndalen (Norwegen) 18 11 9
F. Luck (Deutschland) 11 5 4
A. Tichonow (UdSSR) 11 4 2
E. Svendsen (Norwegen) 11 4 1
R. Groß (Deutschland) 9 5 6
F. Ullrich (Deutschland) 9 4 1
R. Poirée (Frankreich) 8 3 7
S. Fischer (Deutschland) 7 6 7
M. Kirchner (Deutschland) 7 1 2
W. Melanin (UdSSR) 6 1 -