Bobpilot Friedrich Der Kufen-Versteher

Francesco Friedrich ist Deutschlands bester Bobpilot. Der Welt- und Europameister gehört bei der WM in Winterberg zu den Top-Favoriten. Dabei hätte ein schwerer Unfall seines Bruders beinahe auch seine eigene Karriere beendet.

DPA

Von Ronny Zimmermann


Der derzeit beste deutsche Bobpilot begann seine Karriere auf der Tartanbahn. Als Kind versuchte sich Francesco Friedrich als Leichtathlet, probierte etliche Disziplinen aus. Er startete im Mehrkampf. Die 100 Meter sprintete er in 12,4 Sekunden, er sprang über 5,50 Meter weit und stieß die Kugel auf fast 14 Meter. Solide Werte, aber keine Spitze. Friedrich begann zu grübeln.

"Mir hat in der Leichtathletik ein bisschen die Perspektive gefehlt. Die Aussicht auf große Erfolge war begrenzt", sagt der 24-Jährige. Also wechselte Friedrich in den Bob und raste fortan den Eiskanal hinunter. 2005 war das, seitdem kam er der Weltspitze Schritt für Schritt näher.

Sein Trainer Gerd Leopold erkannte früh das Potenzial seines Schützlings. Schon vor drei Jahren sagte er: "Francesco ist athletisch super. Dazu ein Wettkampftyp. Ihn bringt nichts aus der Ruhe. Und er kann sich eine neue Bahn extrem schnell erarbeiten."

Nur eine Saison später war Friedrich 2013 plötzlich Weltmeister - mit 22 Jahren der jüngste Titelträger in der Zweierbob-Geschichte. Inzwischen hat er den Bobpiloten Thomas Florschütz als deutsche Nummer eins abgelöst. Bei der 60. Bob-Weltmeisterschaft in Winterberg verteidigt Friedrich am Freitag (13 Uhr) und Sonntag (10.30 Uhr, jeweils Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) seinen Titel.

Schlüsselszene direkt beim Start

Er ist der Gejagte. Der Lette Oskars Melbardis und Beat Hefti aus der Schweiz sind seine größten Konkurrenten. Wie geht Friedrich mit dem Druck um?

Mit einer intensiven Vorbereitung. Bereits am Montag reiste er in Winterberg an. Noch am Abend präparierte er mit seinem Team den Bob. Friedrich mag das Tüfteln, die Arbeit am Material. Er machte Kraftübungen und ging joggen. Zudem absolvierte er mit seinem Anschieber Thorsten Margis mehrere Testfahrten auf der Bahn. "Wir müssen schnell sitzen, dürfen beim Einstieg keine Zeit verlieren", sagt Friedrich. Wenn er in Gedanken voll und ganz bei seinem Lauf ist, dann vergisst er den WM-Trubel. Was zählt, ist allein sein Kampf gegen die Zeit.

Bis zu 140 Stundenkilometer werden die Bobschlitten in Winterberg schnell. Die Athleten bezeichnen die Strecke daher gerne als Autobahn. Ein Lenkfehler wäre fatal. Friedrich hat sich alle 15 Kurven eingeprägt. Er ist gewarnt. Auch aufgrund der Vergangenheit.

Vor zehn Jahren verunglückte sein Bruder David auf der Bobbahn im sächsischen Altenberg schwer. Schädeltrauma dritten Grades, zwei Wochen Koma, drei Monate Rehabilitation. Ein Schock. "Damals habe ich gezweifelt, ob dies der richtige Sport für mich werden könnte", erinnert sich Friedrich. Seit dem Unfall sei er noch konzentrierter, mit seinem Bruder tausche er sich regelmäßig aus. Aber das Risiko bleibt.

"Einfach mal die Ruhe bewahren"

"Die perfekte Fahrt gibt es nur ganz selten", sagt Friedrich. Auch bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi lief es alles andere als optimal: Platz acht im Zweierbob, Rang zehn im Vierer. Eine kleine Tragödie für den deutschen Bobsport, natürlich hatte man auch vom Weltmeister mehr erwartet. Was folgte, waren lange Diskussionen - über das Material, die schwachen Startzeiten und die gesamte Vorbereitung. Doch Friedrich war skeptisch. Alles umbauen? Nur wegen eines Rennens? Nicht mit ihm.

"Ich wusste ja, was ich eigentlich kann. Da muss man auch einfach mal die Ruhe bewahren und weiter trainieren", sagt er. Große Töne meidet er. Er neigt nicht zu Aktionismus, ist ein ruhiger Typ, immer sachlich. In der Saisonpause trieb er seine Ausbildung bei der Bundespolizei voran und heiratete seine langjährige Freundin. Der Abstand zum Sport gab ihm neue Kraft.

In diesem Winter konnte er gleich das erste Weltcup-Rennen in Lake Placid (USA) gewinnen. In La Plagne (Frankreich) sicherte er sich vor vier Wochen den EM-Titel. Friedrich ist zurück. Pünktlich zur Titelverteidigung.

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