Überraschungs-Bronze der Frauen-Staffel "Die Mädels haben sich zusammengerauft"

Es war ein Zehntelsekunden-Finale. Gold für Schweden, Silber für Finnland, Bronze für Deutschland gab es bei der Frauenstaffel im Langlauf. "Das war Wahnsinn", sagte die deutsche Schlussläuferin Denise Herrmann. Bundestrainer Frank Ullrich hofft auf weitere Langlauf-Medaillen.

AP/dpa

Aus Krasnaja Poljana berichtet


Im olympischen Langlaufstadion ging es zu wie auf einem Boygroup-Konzert. Wenigstens für einige Augenblicke. Immer wieder drangen Mädchenschreie durch die Luft - bei jedem Stockschub, mit dem die Schlussläuferinnen aus Finnland, Deutschland und Schweden dem Ziel entgegenliefen. Immer aufgeregter wurden die Schreie - bis sie abrupt abbrachen. Just in dem Moment, in dem Krista Lahteenmaki, Denise Herrmann und Charlotte Kalla entkräftet in den Schnee sanken.

Es war das große Finale eines Staffelrennens, in dem die Schwedin Kalla zur Krönung einer unglaublichen Aufholjagd am Ende triumphierte. Nach insgesamt 20 Kilometern, mit der Winzigkeit einer halben Sekunde Vorsprung auf Lahteenmaki, mit der etwas größeren Winzigkeit von 0,9 Sekunden vor DSV-Frau Herrmann. "Es war eine Millimeterentscheidung", sagte Frank Ullrich. Allerdings sprach der Bundestrainer da nicht vom Staffel-Finish. Sondern von der Entscheidung, Claudia Nystad anstelle von Katrin Zeller das dritte Teilstück laufen zu lassen.

"Es war eine Entscheidung für Claudia und nicht gegen Katrin", betonte Ullrich sportpolitisch korrekt. Schelte bekam der 56-Jährige für diese personelle Maßnahme jedenfalls keine - und lobte seinerseits Nystad. "Sie ist ein ganz, ganz großes Rennen gelaufen", sagte er und bemühte - nachdem die deutschen Spezialistinnen unter anderem die starken Norwegerinnen mit ihrer Über-Läuferin Marit Björgen hinter sich gelassen hatten - spezielle Gesetze: "Bei Olympischen Spielen ist alles möglich. Und bei Staffeln ist noch mal mehr alles möglich."

Später saßen die vier Möglichmacherinnen nebeneinander, alle mit der schwarz-rot-goldenen Flagge auf den Wangen. Auf dem rechten Flügel des Quartetts saß dabei Stefanie Böhler, die zwei Tage zuvor die Initialzündung für das wundersame Staffelerlebnis gegeben hatte - mit ihrem sechsten Platz über zehn Kilometer. "Das war der beste Wettkampf meiner Karriere", hatte sie danach gesagt. Und nach der Bronzemedaille mit der Staffel war sie endgültig überwältigt vor Glück.

"Wahnsinn, was die Mädels vor mir angestellt haben"

"Ich fass' es gar nicht. Ich hätte noch schneller laufen können, hab' mich aber nicht getraut. Ich weiß auch nicht, was im Moment los ist", zeigte sich die 32-jährige Böhlau von sich selbst beeindruckt. "Steffi ist im Moment in einem Flow, sie ist so was von gelöst", sagte Bundestrainer Ullrich - während Denise Herrmann angesichts der Leistungen von Startläuferin Nicole Fessel, Böhler und Nystad, die von Beginn an durchgehend in der Spitzengruppe mitmischten, ganz hibbelig wurde.

"Das war schon Wahnsinn, was die drei Mädels vor mir da angestellt haben. Als ich das gesehen hab', bin ich nervöser und nervöser geworden", sagte die 25-jährige Schlussläuferin.

Mit einem minimalen Rückstand von sechs Sekunden auf Finnland hatte Nystad an die Teamkollegin übergeben - und das mit einem recht stattlichen Vorsprung von 25,7 Sekunden auf Schweden. Doch Kalla rückte dem Spitzen-Duo immer mehr auf die Pelle - und hatte im Finish noch die Kraft, beide Konkurrentinnen zu besiegen. "Ein bisschen geärgert habe ich mich darüber schon", gestand Herrmann. Mehr Platz für Unzufriedenheit war nach dem unerwarteten Medaillengewinn aber nicht.

Schließlich hatten die deutschen Langläuferinnen nach dem enttäuschenden Start in diese Spiele eindrucksvoll die Kurve bekommen. "Die Mädels haben sich zusammengerauft, sie sind ein Team geworden", lobte Frank Ullrich, der sogleich auf einen Schub für die Männerstaffel am Sonntag (11 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hofft. "Nach dieser guten Leistung heute - mal schauen, was man da noch machen kann", sagte der Chefcoach erkennbar euphorisiert. Seine bronzenen Damen dagegen waren heilfroh, dass sie mit ihrer Staffel durch waren.

Allen voran Claudia Nystad. 63 Sekunden lang lag die mit 36 Jahren Team-Älteste nach ihrem Zieleinlauf im Schnee. "Habt ihr das mitgestoppt?", fragte sie, konfrontiert mit dieser Zahl - und erinnerte sich: "Ja, ich musste mich erst mal erholen. Es war für mich ja fast so, als wenn ich gleich in Ohnmacht fiele." Fiel sie aber nicht, stattdessen lagen sich Deutschlands Langläuferinnen kurz darauf in den Armen.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
derandersdenkende 15.02.2014
1. Den Staffelmädchen Glückwunsch
Zitat von sysopAP/dpaEs war ein Zehntelsekunden-Finale. Gold für Schweden, Silber für Finnland, Bronze für Deutschland gab es bei der Frauenstaffel im Langlauf. "Das war Wahnsinn", sagte die deutsche Schlussläuferin Denise Herrmann. Bundestrainer Frank Ullrich hofft auf weitere Langlauf-Medaillen. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/bronze-fuer-die-deutsche-frauen-staffel-im-langlauf-a-953716.html
zur tollen Leistung. Leider wird die deformierende Berichterstattung von den Spielen solchen Leistungen in keiner Weise gerecht!
spmc-122226439819235 15.02.2014
2. Gute Leistung
Die hervorgehobene und vorweg gelobte Frau Herrmann,deutscher Journalismus, war der Schwachpunkt ,denn sonst : GOLD,nehmt euch endlich zurück Jungs,die älteren Damen machen dies schon,auch wenn es respektlos klingt,so geht Sport.
hbblum 15.02.2014
3. Das sind die besonderen....
...Siege! Die, die keiner auf den Zettel hat. Es war nur Bronze? Egal! Hauptsache Podest! Lieber so, alls über Bronze heulen!
catfan01 15.02.2014
4. Mäßig
Silber, wenn nicht sogar Gold vergeigt! Wieviel Sekunden Vorsprung braucht's denn noch?
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