Russische Klagen gegen IOC-Entscheidung Was das Cas-Urteil für die Winterspiele 2018 bedeutet

Kein lebenslanges Olympia-Verbot für 28 russische Wintersportler: So lautet das Urteil des Sportgerichtshofs Cas. Damit blamiert er das IOC, das sich auf eine wackelige Beweisführung verlassen hatte.

Olympische Winterspiele in Sotschi 2014
AP

Olympische Winterspiele in Sotschi 2014


Wie hat der Cas entschieden?

Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die lebenslangen Dopingsperren gegen 28 russische Wintersportler aufgehoben. Darunter befinden sich die Olympiasieger Alexander Legkow (Langlauf), Skeleton-Profi Alexander Tretjakow sowie die Bobfahrer Dimitri Trunenkow und Alexei Negodailo. Die von den Sportlern bei den Winterspielen in Sotschi erzielten Erfolge sind wieder gültig. Der Gastgeber verliert durch den Cas-Spruch nur zwei der ursprünglich 13 gewonnenen Goldmedaillen. Damit bleibt Russland die stärkste Nation der Spiele 2014.

Elf weitere Sportler (darunter der Bob-Olympiasieger Alexander Subkow) bleiben weiter ausgeschlossen und ihre Ergebnisse von Sotschi gestrichen. Ihre lebenslangen Sperren für Olympia sind allerdings ungültig.

Was ist der Hintergrund für das Urteil?

Insgesamt hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) 43 russische Athleten von den Spielen in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) ausgeschlossen und sie mit einer lebenslangen Olympiasperre belegt. 42 der betroffenen Sportler legten vor dem Cas Einspruch ein.

Die Grundlage der Strafen bildeten der McLaren-Report der Wada, die Aussagen des Kronzeugen Grigori Rodschenkow und Untersuchungen des IOC. Bei den Spielen in Sotschi profitierten viele russische Athleten von einem jahrelangen ausgeklügelten Dopingsystem: Regierung, Doping-Spezialisten und Sportler arbeiteten zusammen und sicherten so russische Olympiasiege. Russland stritt die Darstellung vehement ab (hier finden Sie eine Chronologie zum Dopingfall).

Experten kritisierten zuletzt, dass mit dem McLaren-Report keine Individualschuld einzelner Sportler belegt werden könne (lesen Sie dazu ein Interview mit Chefermittler Richard McLaren). Deswegen kommt das Cas-Urteil zumindest nicht überraschend, das in komplizierten Verfahren jedem Sportler nachweisen muss, dass er von dem Doping-Betrugssystem wusste und beteiligt war. Das hat das IOC versäumt.

Wie begründet der Cas seine Entscheidung?

Der Cas teilte mit, dass er in 28 Fällen die vom IOC vorgelegten Beweise für "nicht ausreichend" halte, um den Vorwurf eines Dopingverstoßes aufrechtzuerhalten. Das Gericht betonte, dass es nicht über die Feststellung des IOC und den Wada-Ermittlungen geurteilt hat, dass es in Russland ein staatlich gelenktes Dopingsystem gegeben habe, sondern lediglich die individuelle Schuld der einzelnen Athleten untersucht habe.

Grigori Rodschenkow
DPA

Grigori Rodschenkow

Weitere detaillierte Urteilsbegründungen veröffentlichte der Cas bisher nicht. Ungewiss ist, wie der Cas die Glaubwürdigkeit Rodschenkows eingeschätzt hat, der vom Gerichtshof per Videoschalte angehört wurde.

Der Russe ist der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors und hatte 2014 den heimischen Athleten verbotene Mittel verabreicht. Später hatte der Dopingexperte das Betrugssystem auf seiner Flucht in die USA enthüllt. Seither befindet er sich im Zeugenschutzprogramm des FBI (mehr darüber erfahren Sie hier). Moskau hatte Rodschenkow zuletzt immer wieder diskreditiert und verlangt seine Auslieferung.

Was bedeutet das Urteil für die russischen Sportler?

Russland feiert das Urteil als großen Erfolg. "Wir sind froh, dass die Gerechtigkeit endlich triumphiert hat", sagte Sportminister Pawel Kolobkow. Solche Worte waren aus Russland zu erwarten. Die Nation sieht den Vorwurf staatlich gesteuerten Dopings als politische Kampagne gegen Russland. Zuletzt empörten sich russische Medien über das IOC, auf der Titelseite des Blattes "Sowjetischer Sport" brannten die Olympischen Ringe.

Das Cas-Urteil bedeutet jedoch nicht, dass die vom Cas entlasteten 28 russischen Sportler in Pyeongchang teilnehmen dürfen. Da ihnen keine Einladung des IOC vorliegt und die dazugehörige Frist bereits abgelaufen ist, müssten sie zunächst ihr Startrecht einklagen. Es ist unwahrscheinlich, dass dies noch vor dem Beginn der Spiele funktioniert. Zudem erwägt das IOC, gegen die Cas-Entscheidung vor dem Schweizer Bundesgericht anzugehen.

Russland kämpft dennoch um weitere 15 Sondereinladungen für prominente Athleten: Stanislaw Posdnjakow, der Vizepräsident des russischen NOK, kündigte an, eine neue Antragsliste einzureichen, auf der auch wieder Langlauf-Olympiasieger Alexander Legkow und Skeleton-Olympiasieger Alexander Tretjakow stehen.

Langläufer Alexander Legow beim Olympiasieg 2014
REUTERS

Langläufer Alexander Legow beim Olympiasieg 2014

Aktuell stehen 169 russische Athleten auf der Einladungsliste des IOC. Sie dürfen unter neutraler Flagge starten. Gleiches gilt für viele russische Sportler, die an den Paralympics teilnehmen.

Was bedeutet das Urteil für das IOC?

Das IOC reagierte mit "Enttäuschung" auf die Entscheidung. Für den Weltverband ist das Urteil ein Schlag im Anti-Doping-Kampf. Der Plan, nur einzelne Sportler für den Betrug von Sotschi, aber nicht Russland als Nation von den Spielen in Pyeongchang auszuschließen, ist nicht aufgegangen. Der deutsche Sportrechtler Michael Lehner sprach von einer "weiteren Peinlichkeit für das IOC, das den starken Mann markieren wollte".

jan/dpa/sid/Reuters



insgesamt 32 Beiträge
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Hiro22453 01.02.2018
1. Die Feigheit des IOC schlägt zurück.
Hätten sie den Verursacher des staatlichen Dopingsprogramms - nämlich den Staat und damit alle seine Athleten - von Olympia ausgeschlossen, müssten sie jetzt nicht heulen. So ist es ein weiteres Kapitel in dieser unerwuicklichen Farce, zu der die einst hehre Olympische Idee verkommen ist.
neutralfanw 01.02.2018
2.
Der olympische Gedanke ist/wurde verkauft. Funktionärs- und Politikerauftritte stehen im Vordergrund. Mal sehen, wann die ersten Sponsoren abspringen. Das Urteil zeigt die Stellung des IOC. Jeder Sieger wird in Zukunft keine Wertschätzung erhalten. Konditionswunder zum richtigen Zeitpunkt (z. B. Norweger) und Kraftprotze für eine olympische Veranstaltung aller Nationen stehen ab jetzt für immer im Zwielicht.
Johannes S 01.02.2018
3. es macht keinen Unterschied
Ob nun gedopte Russen teilnehmen oder nicht - es macht fast keinen Unterschied. Nach so vielen Skandalen muss man davon ausgehen, dass der gesamte Leistungssport dopingverseucht ist. Dabei gibt es offensichtlich eine lineare Korrelation zwischen Geldmenge und Dopingbereitschaft. Beim Fußball erahne ich daher Böses...... Das "Geschäftsmodell" funktioniert - leider. Mir tun dabei die ehrlichen Sportler/Innen leid! Die Konsequenz für mich: keinen Leistungssport anschauen und lieber selber (ohne Doping) aktiv werden - ist ja auch gesünder.
kumi-ori 01.02.2018
4.
Dass das Regime in Russland und anderswo den größten Teil seiner Sportler systematisch hat dopen lassen, steht ja wohl außer Frage. Dass die Olympiafunktionäre dennoch weiterhin alles tun werden, um keine ihrer reichlich sprudelnden Quellen für Geschenke und Korruptionsgelder versiegen zu lassen, musste leider von vornherein erwartet werden. Insofern ist das Volk eigentlich nur auf bittere Weise mal wieder bestätigt worden. Die Olympischen Spiele in Sotschi haben 50 Milliarden Dollar gekosten (und dabei sind wahrscheinlich illegale Zahlungen wie die Trinkgelder an das Personal des CAS gar nicht mit eingerechnet), auf die im Durchschnitt wahrscheinlich nicht unbedingt superreichen Einwohner Russlands umgelegt, ein ganz schöner Batzen. Und das Ergebnis ist praktisch wertlos. "Olympiasieger" ist heute ein Schimpfwort. Wir können das System nicht ändern. Funktionäre werden weiter die Hand aufhalten, weil sie es so gewohnt sind und weil es immer funktionieren wird, und Politiker werden weiter gerne zahlen, weil es ja nicht ihr Geld ist. Das Einzige, was wir tun können, ist, die Olympischen Spiele zu ignorieren, während der Wettkämpfe etwas anderes zu gucken oder am besten, den Fernseher aus zu lassen. Abstimmung mit der Fernbedienung.
Robert_Rostock 01.02.2018
5.
Zitat SPON: "Der Plan, nur einzelne Sportler für den Betrug von Sotschi, aber nicht Russland als Nation von den Spielen in Pyeongchang auszuschließen, ist nicht aufgegangen." Sind Sie sicher? Ist es nicht genau umgekehrt? Meines Wissen ist Russland, ist das russische olympische Komitee von den Spielen ausgeschlossen, und einzelne, saubere Spüortler dürfen an den Spielen unter neutraler Flagge, also nicht für Russland, teilnehmen.
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