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25. Dezember 2012, 10:00 Uhr

Freeski-Nationalteam

Der Flug der Wilden

Von Sara Peschke

Freeskier sind die Exoten unter den Skifahrern, die Freigeister abseits der Pisten. Seit die Szene weiß, dass ihre Sportart olympisch wird, organisiert sie sich: Erstmals gibt es ein Nationalteam und einen Bundestrainer.

Es sieht so einfach aus, wenn Bene Mayr fliegt. Er zieht die weite Skihose hoch, gleitet los, hebt ab. Ein zweistöckiges Haus könnte er mit seinen Skiern überspringen, und würde dabei locker noch einen Salto machen. Bene Mayr ist ein bisschen verrückt, er ist einer von denen, bei deren Anblick Skiurlauber auf der Piste den Kopf schütteln. Aber Bene Mayer ist auch ehrgeizig und diszipliniert, er wird, wenn er gesund bleibt, Deutschland bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi vertreten.

Der 23-Jährige ist einer der besten deutschen Freeskier, einer der besten Europas sogar. Er trainiert wie ein Spitzenathlet, verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Sport. Und doch passt Mayr nicht ins herkömmliche Bild eines Leistungssportlers.

Freeskier sind anders, sie sind die Exoten unter den Wintersportlern, sehen sich selbst als Freigeister. Sie sind die Extremsportler unter den Extremsportlern, springen mit akrobatischen Figuren über hohe Schanzen und Klippen, rutschen über Treppengeländer oder verschneite Hausdächer oder jagen durch die Halfpipe. Fast alles ist erlaubt. Trotzdem - oder gerade deshalb - hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Freeski-Disziplinen Slopestyle und Halfpipe erstmals ins olympische Programm aufgenommen.

Für den jungen Sport ist es eine Chance. Und es ist seine erste große Zerreißprobe.

Freeskier sind stolz auf ihre Unabhängigkeit

"Ich war am Anfang sehr skeptisch, besonders gegenüber Olympia", sagt Tobi Reindl. Er ist einer der beiden Manager des 2011 gegründeten Freeski-Nationalteams, in seiner Jugend war er alpiner Skirennfahrer. Wegen der strengen Regeln und straffen Organisationsformen beim Deutschen Skiverband (DSV) wanderte er zu den Freeskiern ab, dort galten lange Zeit nur die eigenen Gesetze. Jetzt ist Reindl mit seinem Sport wieder dort gelandet, von wo er eigentlich geflohen war. Seit kurzem gibt es im Leistungssport des DSV eine eigene Freeski-Abteilung, die "jungen Wilden" sollen professionell auf dem Weg nach Sotschi unterstützt werden.

"Olympia ist mein nächstes großes Ziel", sagt Bene Mayr, "es ist Wahnsinn, da dabei sein zu dürfen." Er spricht als leidenschaftlicher Sportler, der mit drei Jahren das erste Mal auf Skiern stand, erst alpine und dann Buckelpisten-Rennen fuhr. Dabei riss ein Kreuzband. Nach der langwierigen Reha stieg Mayr auf Freeski um, "weil es besser für die Knie ist", sagt er. "Seitdem kann ich nicht mehr genug davon bekommen."

Weniger gefährlich ist es nicht, Knochenbrüche sind die harmloseren Verletzungen. Im Januar starb die Kanadische Freeskierin Sarah Burke nach einem Sturz auf den Kopf. Die Freeskier suchen den Nervenkitzel, oft auch abseits der Pisten. Viele traditionelle Wintersportler beobachteten sie deshalb mit Unverständnis.

Doch es ist dieses Anderssein, die Unabhängigkeit, auf die Freeskier stolz sind. Doch als das IOC verkündete, dass Freeski olympisch würde, war ihnen klar, dass sie auf den großen DSV zukommen müssten. "Wir wussten, dass wir gemeinsam auftreten müssen, um unsere Interessen deutlich zu machen", sagt Reindl. Dabei sei es nicht darum gegangen, die DSV-Regeln abzulehnen, sondern die Freiheit des Freeskiings zu bewahren, die den Sport über die vergangenen Jahre so groß habe werden lassen.

Der erste Freeski-Bundestrainer wird vom DSV bezahlt

"Unsere Sportart ist wegen ihrer Lockerheit mit vielen Klischees behaftet. Ich glaube, es hat dann doch einige überrascht, dass sich hinter den Freigeistern durchaus professionelle Sportler verbergen, die mit großer Leidenschaft und Einsatz ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Und die bereit sind, für ihre Ideale zu kämpfen", sagt Reindl.

Im September 2012 entschied sich der Verband dazu, auf intensive Zusammenarbeit zu setzen und das Projekt "Freeski Olympia" zu starten. "Da war uns klar, dass die Athleten jetzt wirklich gefördert werden und es für sie Sinn macht, im Nationalkader zu sein", sagt Reindl. Seit einigen Wochen ist der erste Freeski-Bundestrainer im Amt, er wird vom DSV bezahlt. Thomas Hlawitschka ist 26 Jahre alt und selbst noch aktiver Fahrer, als Jugendlicher trainierte er zusammen mit dem Skirennfahrer Felix Neureuther.

Der Verband übernimmt nicht nur die Kosten für die Anreise zu Wettkämpfen und Trainingslagern, sondern erlaubte auch, dass für die Freeskier keine Kleidungsvorschriften gelten und sie weiter mit ihren eigenen Sponsoren zusammenarbeiten dürfen. Ein Privileg, dass viele andere DSV-Sportler nicht haben. "Anders hätte es aber nicht funktioniert für uns", sagt Reindl.

Der oft als verkrustet kritisierte Verband habe erkannt, dass die Andersartigkeit der Freeskier einen Imagegewinn bedeute. Der DSV habe deshalb immer die Absicht gehabt, die Philosophie und Eigenständigkeit der Freeski-Leute nicht zu verändern, sagte DSV-Sportdirektor Wolfgang Meier dem SPIEGEL. Man investiere in diese Sportart, "weil das zielstrebige junge Leute sind". Vor einigen Jahren noch wollte man sich auf dieses Wagnis nicht einlassen: "Es ist schwer, eine Gruppe von Individualisten zu kanalisieren", hatte Enno Thomas 2004 gesagt, damals wie heute Freestyle-Chef des DSV.

Bene Mayr kennt die behördenähnlichen Strukturen des Skiverbands von früher, aber er findet es gut, dass man jetzt zusammenarbeitet. Nicht, dass er es alleine nicht geschafft hätte, er trainiert täglich im Schnee, im Fitnessstudio, auf dem Trampolin. Unerbittlich. "Aber", sagt er, "für Sotschi geht noch was."

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