Deutsche Tournee-Bilanz: Ausgebremste Hoffnungsträger

Von Roland Wiedemann, Bischofshofen

Es sollte die Vierschanzentournee von Severin Freund und Richard Freitag werden. Die Erwartungen an die beiden deutschen Skispringer waren groß, die Ergebnisse enttäuschend. Im Gegensatz zur Top-Nation Österreich fehlt es ihnen an Konstanz.

Vierschanzentournee: Der Höhenflug blieb aus Fotos
DPA

Am Ende dieser 60. Vierschanzentournee waren die Deutschen den Österreichern wenigstens in einem Punkt überlegen. Sie hatten ihren Nachbarn beim Auftaktspringen in Oberstdorf vorgemacht, wie man mit den hübsch anzusehenden, aber in dieser Wintersportart so lästigen Schneeflocken umgeht.

Dann nämlich, wenn sie in die Anlaufspuren fallen und damit zu einem echten Problem für Mensch und Material werden. Würden die Veranstalter im österreichischen Bischofshofen auch über so eine ausgeklügelte Kühlanlage wie die Kollegen in Oberstdorf verfügen, hätte der Abschlusswettbewerb am Freitag nicht im zweiten Durchgang abgebrochen werden müssen.

Für den deutschen Bundestrainer Werner Schuster, selbst ein Österreicher, wird das nicht einmal ein schwacher Trost sein. Gregor Schlierenzauer vor Thomas Morgenstern und Andreas Kofler - das Endklassement der diesjährigen Tournee liest sich wie die Ergebnisliste der österreichischen Staatsmeisterschaft.

Kein Podestplatz für Schusters Schützlinge, nicht einmal in einer der vier Tageswertungen. Dabei hatte der Bundestrainer vor dem Tourneebeginn selbst noch die Hoffnungen geschürt. Man wolle "eine tragende Rolle spielen", hatte Schuster damals verkündet. Es sei "eine angenehme Situation" mit zwei potentiellen Siegspringern an den Start gehen zu können.

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Österreichs Skispringer: Die goldenen Adler
Gemeint waren Severin Freund und Richard Freitag. Freund fehlte in Oberstdorf tatsächlich nur 0,3 Punkte auf Platz drei. Weil der 23-Jährige, dem Schuster in seinem Team derzeit am meisten zutraut, später in Innsbruck "einen ziemlichen Schmarrn" (Freund) fabrizierte und dann auch noch in Bischofshofen patzte, war in der Endabrechnung nicht mehr als Rang sieben drin.

Und Freitag, der unlängst mit seinem ersten Weltcup-Sieg in Harrachov schon neue Begehrlichkeiten im deutschen Skisprung-Fanlager geweckt hat, war der Druck anzumerken. "Er springt nicht so befreit", stellte Schuster fest. "Ich habe gedacht, er packt das, aber es ist ein bisschen viel eingeprasselt auf den Burschen." Immerhin steigerte sich Freitag, dem TV-Experte Dieter Thoma etwas voreilig "Star-Potential" attestiert hatte, im Lauf der Tournee und beendete sie als zweitbester Deutscher auf Rang zehn.

Zwei Springer unter den Top Ten - es gab Zeiten, da wäre man im deutschen Lager über so ein Ergebnis zufrieden gewesen. Schuster verwies zudem darauf, dass man als einzige Nation fünf verschiedene Springer unter die besten Zehn der Einzelwertungen gebracht habe. Da mag der Bundestrainer zu recht ein bisschen stolz darauf sein. Maximilian Mechler, Michael Neumayer und auch Stephan Hocke hatten ihre Glücksmomente während der Vierschanzentournee.

Was fehlt, sind aber die Spitzenresultate. Schuster selbst vermisst bei seinen Springern "den Killer-Instinkt", der die Österreicher auszeichnet. So sehr Schuster die mannschaftliche Geschlossenheit seines Teams lobt, so sehr bedauert er doch, dass seine Top-Leute nicht so stabil sind, "dass sie mit einem Selbstverständnis zur Tournee kommen und sagen: ich kann um den Sieg mitspringen".

Fans müssen weiter auf den neuen Hannawald warten

Abgesehen von seinem österreichischen Kollegen Alex Pointner, der gleich über drei selbstbewusste Athleten verfügt, steht Schuster in diesem Punkt nicht alleine da. Die Konkurrenten, egal ob aus Deutschland, Norwegen oder Japan, scheinen sich mit der Dominanz der österreichischen Überflieger abgefunden zu haben. Ihnen allen fehlt die Konstanz, um Schlierenzauer, Morgenstern oder Kofler bei einem Wettbewerb wie der Vierschanzentournee ernsthaft gefährden zu können.

Und glaubt man Pointner, dann wird sich kurz- und mittelfristig wenig daran ändern. Eine der Schlüsselqualifikationen eines Skispringers sei es, so der österreichische Erfolgstrainer, unter Wettkampfstress im Kopf abgespeicherte Programme auf den Punkt genau am Schanzentisch und dann in der Luft abrufen zu können. Das ÖSV-Team, meint Pointner ganz unbescheiden, sei mit seinem Mentaltraining dem Rest der Springerwelt um vier Jahre voraus.

Sollte Pointner Recht haben, müssen die deutschen Skisprung-Fans noch weiter in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel an Sven Hannawalds historischen Grand Slam. Hannawald ist - neben den Organisatoren von Oberstdorf - noch ein deutscher Sieger der diesjährigen Vierschanzentournee. Er ist und bleibt der einzige Vierfachsieger in der Tourneegeschichte. Aber auch nur, weil sich die Österreicher diesmal gegenseitig geschlagen haben.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Waren schon schlechter
kellitom 07.01.2012
Ich finde, dass unsere Skispringer angesichts der schlechten Bedingungen ganz passabel abgeschnitten haben. Freitag und Freund werden auch mal ein Springen gewinnen.
2.
hador2 07.01.2012
Zitat von sysopEs sollte die Vierschanzentournee von Severin Freund und Richard Freitag werden. Die Erwartungen an die beiden deutschen Skispringer waren groß, die*Ergebnisse*enttäuschend.*Im Gegensatz zur Top-Nation Österreich fehlt es ihnen an Konstanz. Deutsche Tournee-Bilanz: Ausgebremste Hoffnungsträger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,807694,00.html)
Man sollte sich in Deutschland vielleicht auch mal folgendes vor Augen führen: Von 17 Deutschen Gesamtsiegen bei der Vierschanzentournee gehen 15 auf das Konto von Springern, die im DDR-Sportsystem großgeworden sind. Lediglich Max Bolkart und Dieter Thoma haben ihre Ursprünge im bundesdeutschen System. Von daher ist es meiner Meinung nach auch nicht überraschend, dass nachdem mit Jens Weißflog und Sven Hannawald die letzten Springer mit Urprüngen im DDR-System ihre Laufbahn beendeten die Leistungen massiv einbrachen. Man springt nun einfach auf dem Niveau auf dem früher auch die BRD gesprungen ist und da war es halt auch schon so, dass man zwar immer mal wieder Springer hatte, die für nen Tagessieg gut waren. Echte bundesdeutsche Topspringer waren aber schon lange eher Mangelware.
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Vierschanzentournee: Schlierenzauer fliegt davon, Freund im Pech

Vierschanzentournee: Die Rekordnationen
Platz Land Siege
1. Finnland 16
Deutschland 16
2. Österreich 13
3. Norwegen 10
4. Tschechien/Tschechoslowakei 2
5. Japan 1
Polen 1
Slowenien 1
UdSSR 1
Vierschanzentournee: Sieger seit 2000
Jahr Athlet
2014 Thomas Diethart (AUT)
2013 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2012 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2011 Thomas Morgenstern (AUT)
2010 Andreas Kofler (AUT)
2009 Wolfgang Loitzl (AUT)
2008 Janne Ahonen (FIN)
2007 Anders Jacobsen (NOR)
2006 J. Ahonen (FIN)/Jakub Janda (CZE)
2005 Janne Ahonen (FIN)
2004 Sigurd Pettersen (NOR)
2003 Janne Ahonen (FIN)
2002 Sven Hannawald (GER)
2001 Adam Malysz (POL)
2000 Andreas Widhölzel (AUT)