Deutschland nach der Eishockey-WM Zurück in der Nische

Aus in der Vorrunde, Platz elf bei der WM: Knapp drei Monate nach Olympia-Silber ist die Eishockey-Euphorie verpufft. Aber das Turnier in Dänemark lieferte auch positive Erkenntnisse für die Zukunft.

Dennis Seidenberg führt die DEB-Auswahl aus der Kabine
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Dennis Seidenberg führt die DEB-Auswahl aus der Kabine

Aus Herning berichtet


Nach dem sensationellen Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen folgte für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der WM in Dänemark nun die Ernüchterung: Platz elf, noch vor dem Viertelfinale geht es nach Hause. Wirklich überraschend kommt das nicht. Die Vorzeichen sprachen gegen das Team, das fünf Erkenntnisse in die Sommerpause nehmen kann:

1. Das WM-Niveau ist deutlich höher als bei Olympia

Bestanden die Olympia-Kader der großen Eishockey-Nationen noch meist aus Spielern, die ihren Zenit längst überschritten hatten und in Europa spielen, laufen derzeit knapp 100 NHL-Spieler übers dänische Eis. Kanada ist mit Connor McDavid, dem besten Spieler der Welt, vor Ort, die USA haben den dreifachen Stanley-Cup-Sieger Patrick Kane dabei. Auch Schweden, Finnen, Tschechen, Russen und Schweizer sind mit Eis-Prominenz angereist, selbst Gastgeber Dänemark hat fünf NHL-Spieler im Kader. Zwar konnten die Deutschen auf Leon Draisaitl, Dennis Seidenberg und Korbinian Holzer zurückgreifen, doch das reichte nicht. "Wir wussten vorher, dass es ganz schwer wird", sagt Holzer. Draisaitl sieht das ähnlich: "Es gibt immer noch viele Länder, die um einiges besser sind."

2. Im Tor gibt es keine Probleme

Niklas Treutle
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Niklas Treutle

Was für Fußball und Handball gilt, trifft auch auf Eishockey zu: Deutschland ist eine Torhüternation. "Da ist einfach mehr Talent da, da ist mehr Breite für die Spitze", sagt Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Dieses Mal zeigten die WM-Debütanten Niklas Treutle und Mathias Niederberger teils starke Auftritte, auch der gegen Norwegen wackelige Timo Pielmeier hat gewöhnlich Potenzial. Und dann gibt es ja noch Olympia-Torhüter Danny aus den Birken sowie die NHL-Goalies Philipp Grubauer und Thomas Greiss. Auch Dustin Strahlmeier, der DEL-Torwart des Jahres, stünde bereit.

3. Ohne die Alten geht es (noch) nicht

Bundestrainer Marco Sturm hat in Herning immer wieder betont, dass er niemandem einen Vorwurf mache, der abgesagt hat. Doch natürlich war er enttäuscht, dass es "mehr als geplant" waren. Von den 25 Silbermedaillengewinnern von Pyeongchang sind nur zehn zur WM gekommen. Zu wenig, Deutschland fehlt es auf gehobenem Niveau an Breite. Das notgedrungen verjüngte Team brauchte lange, um sich einzuspielen. Spiele, die in den vergangenen Jahren knapp gewonnen wurden, gingen deswegen ebenso knapp verloren. Nach den drei Auftaktniederlagen war das Viertelfinale kaum noch zu erreichen. Sturms zweites Problem: München, Berlin, Mannheim und Nürnberg - die vier Teams mit den meisten Nationalspielern - standen im DEL-Halbfinale, zudem ging das Finale ins siebte Spiel. Entsprechend spät kamen die Absagen. Zu spät. "Bis auf einen wusste ich nicht, wer kommt", sagte Sturm. Und: "Wir können uns so viele Absagen nicht noch mal leisten."

4. Die nächste Generation steht bereit

Einspringen mussten die Jüngeren, 13 Spieler waren 25 Jahre alt oder jünger. Darunter Etablierte wie die 22-jährigen Draisaitl, Dominik Kahun und Frederik Tiffels, aber auch Debütanten wie Marc Michaelis, 22, Markus Eisenschmid, 23, oder Manuel Wiederer, 21, die sich erst an das WM-Niveau gewöhnen mussten. Für die Zukunft jedoch hätten sie wichtige Erfahrungen gesammelt, sagte der Bundestrainer. Sturm, der den Zustand der heimischen Nachwuchsförderung gern und häufig kritisiert, kündigte an, den Umbruch fortzuführen. Denn: Weitere Talente warten. Allen voran Max Kammerer, 21, der von Düsseldorf nach Washington wechselt, und Dominik Bokk, 18, der gute Chancen hat, in der ersten Runde des diesjährigen NHL-Drafts gezogen zu werden.

5. Der Eishockey-Boom ist vorbei

DEB-Auswahl nach der Niederlage gegen Lettland
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DEB-Auswahl nach der Niederlage gegen Lettland

In den letzten Tagen der Olympischen Winterspiele 2018 schien es kaum ein anderes Sport-Thema zu geben. Die Tageszeitungen druckten Bilder von jubelnden Eishockey-Spielern auf ihren Titelseiten, Millionen Menschen standen um fünf Uhr morgens auf, um sich das Finale anzusehen. Knapp drei Monate später ist die Euphorie verpufft. Zwar erreichte "Sport 1" bei den ersten Spielen deutlich mehr als eine Million Fans in der Spitze. Doch je geringer die Chancen auf das Viertelfinale wurden, desto geringer war das Interesse. Vor allem Gelegenheits-Fans waren enttäuscht, dass sich der Olympia-Erfolg nicht wiederholte. Eishockey ist zurück in seiner Nische. Was Sturm nicht überrascht: "Um den Boom aufrechtzuerhalten, hätte man schon ins Halbfinale kommen müssen. Da brauchen wir uns nicht zu belügen."

insgesamt 10 Beiträge
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HansChristianKommenter 16.05.2018
1. Und...
es ist einfach so wie in allen anderen Sportarten, in denen großes geleistet WURDE. Man hängt sich daran auf, dass "Deutschland" Silbermedaillengewinner ist. Das "Deutschland" aber, das dort gewonnen hat, sthet nicht auf dem Eis. Sondern eine verjüngte, veränderte Mannschaft. Ein NEUES "Deutschland", das dieses Jahr eben nicht mithalten konnte. Was aber nicht den Erfolg des "Deutschland" von damals schmälert. Es ist halt so. Ein Deutscher Meister im Fußball kann auch nur in den seltensten Fällen den Erfolg wiederholen, wenn er die halbe Mannschaft austauscht (von Bayern vielleicht mal abgesehen, da ist der Rest auch noch gut genug, aber für VfB, BvB usw. darf das gesagt werden). Das lehrt uns die Geschichte. Und das ist eim Eishokey nicht anders.
kurturg 16.05.2018
2. auch die anderen Teams sind nicht die gleichen
ziemlich einfältig! wenn sämtlich grossen Nationen mit ihrer 3 oder 4. Garnitur antreten mussten, weil die Versicherungsfrage bei Olympia nicht geklärt war.... (wer lässt schon seine Spieler mit Millionen-Gagen spielen, ohne dass sie dort versichert sind.....) Und Grossdeutschland mit seiner gesamte Elite antrat.....
svha 16.05.2018
3. Einschaltquoten
Weiß jemand, ob Zuschauer, die die Eishockey-WM (oder Sportveranstaltungen im Allgemeinen) über Onlineangebote wie DAZN verfolgen in die Einschaltquotenerhebung auf irgendeine Art und Weise mit einfließen? Oder bleiben diese mangels Werberelevanz unerhoben?
wi_hartmann@t-online.de 16.05.2018
4. Deutsches Eishockey
Solange in den deutschen Eishockeyligen ausländische Altstars den Ton angeben, wird auf längere Sicht keine Qualitätssteigerung eintreten. Die Talfahrt wird sich ungebremst fortsetzen. Zu lange haben die Verantwortlichen vor der Realität die Augen verschlossen und sich von Scheinerfolgen blenden lassen.
peterw 16.05.2018
5. Nicht schlimm!
Bei Olympia hat einfach alles gepasst! Gratulation an die Jungs für die schönen Eishockeystunden! Doch daraus jetzt abzuleiten, wir hätten ein Topteam, ist einfach verfehlt. Passt schon.
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