Top-Biathletin Berger "Ich mag es, meine Beute zu erlegen und zu essen"

Sie ist derzeit die beste Biathletin der Welt, hat bei der WM schon zweimal Gold geholt und gilt in den drei ausstehenden Rennen als Favoritin. Doch Tora Berger taugt nicht zum Star, weil sie nicht gerne redet. Dabei liefert das Leben der Norwegerin reichlich Stoff für ein Sportler-Märchen.

Aus Nove Mesto berichtet

AP

Eigentlich wollte sie gar nicht hier sein. Wenn es nach Tora Berger gegangen wäre, würde sie jetzt nicht in Nove Mesto Sport treiben, sondern irgendwo in ihrer norwegischen Heimat auf der Jagd sein, abseits dieses ganzen Trubels. Sie ist aber nicht in Norwegen sondern in Tschechien, wo derzeit die Biathlon-Weltmeisterschaften stattfinden. Und für eine Athletin, die ihre Karriere eigentlich beenden wollte, ist sie ganz erfolgreich: Berger holte in Nove Mesto bislang zweimal Gold und einmal Silber, sie führt überlegen den Weltcup an. Tora Berger ist die beste Biathletin der Gegenwart.

Dabei sollte die WM in Ruhpolding vor einem Jahr der Abschluss ihrer Laufbahn werden. Dann aber gewann die damals 30-Jährige dreimal Gold und stahl Magdalena Neuner bei deren Heim-WM die große Abschieds-Show. Neuner beendete anschließend ihre Karriere. Und die Kombination, selbst in Top-Form zu sein und die größte Konkurrentin vom Hals zu haben, führte dazu, dass Berger ihre Pläne vom Karriereende über den Haufen warf.

Zumindest hier in Tschechien zeigt sich, dass das die richtige Entscheidung war. Gold mit der Mixed-Staffel und in der Verfolgung sowie Silber im Sprint sind Bergers bisherige Ausbeute. Beim Einzelrennen am Abend (17.15 Uhr) gilt sie ebenso als Top-Favoritin wie im Massenstart am Sonntag (12 Uhr). Und auch mit der norwegischen Staffel am Freitag (17.15 Uhr, alle Rennen im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) darf Berger auf den obersten der drei Podestplätze hoffen.

Sieg über den Krebs

Fünfmal Gold bei einer Biathlon-WM - das hat noch kein Athlet geschafft. Bergers Landsleute Ole Einar Bjørndalen (WM 2005 in Hochfilzen sowie WM 2009 in Pyeongchang) und Liv Grete Poirée (WM 2004 in Oberhof) kommen als bisherige Rekordhalter auf jeweils vier Titel bei einer Weltmeisterschaft.

Abgesehen von Bergers sportlichen Erfolgen ist wenig bekannt über die 31-Jährige. Sieht man einmal von ihrem Jagd-Hobby ab, über das sie sagt: "Ich mag es, meine Beute zu erlegen und dann zu essen." Solche Sätze abseits der üblichen Sportlerphrasen sind die Ausnahme, Berger redet nicht gerne, vor allem nicht über ihr Privatleben. Dabei taugt ihre Geschichte bestens für eines dieser Sportler-Märchen: erst der langsame Aufstieg, dann der Rückschlag durch eine schwere Krankheit und schließlich das Comeback mit Olympiasieg und WM-Titeln.

Im März 2012 sprach Berger im norwegischen Fernsehen zum ersten Mal überhaupt öffentlich über ihre schwere Erkrankung. 2009 hatten Ärzte bei ihr Hautkrebs diagnostiziert, das Gewebe stellte sich als bösartig heraus. Weil die Krankheit aber früh erkannt wurde und die Operation gut verlief, konnte Berger schnell wieder in den Weltcup einsteigen.

Olympia-Gold und sechs WM-Titel innerhalb von drei Jahren

"Ich war erschrocken. Mit Mitte 20 denkt man, das Leben wird ewig weitergehen. Dann wacht man auf und weiß, dass es nicht so ist", so Berger damals. Damit war aus ihrer Sicht genug gesagt, mehr Worte gab es zu der Erkrankung nicht.

Dem Krebs folgte der sportliche Durchbruch bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. Sie war damals 28 Jahre alt, hatte zuvor aber erst fünf Einzelsiege im Weltcup geholt. WM-Silber war bis zu Olympia ihr größter Erfolg gewesen. Berger wurde lange Zeit nur als die kleine Schwester von Lars Berger wahrgenommen, der begnadet laufen aber überhaupt nicht schießen konnte, und der es mit dieser Kombination zum Einzel-Weltmeister im Langlauf (2007) und zum Staffel-Weltmeister im Biathlon (2009) geschafft hatte.

Auch bei Tora Berger war das Schießen der Knackpunkt. "Bis ich 18 war, habe ich nur Langlauf gemacht", sagt sie. Die guten Leistungen in der Loipe blieben, was im Laufe der Jahre dazukam war die Stärke am Schießstand. Berger trainierte so verbissen mit dem Gewehr, dass sie heute zu den schnellsten und sichersten Schützinnen zählt.

Nach dem Olympia-Gold 2010 gewann Berger innerhalb von nur drei Jahren 17 Weltcups, sechs WM-Titel holte sie seit Vancouver. Im Einzel soll nun der nächste dazukommen. Eine, die das verhindern und dem deutschen Team endlich die erste Medaille bescheren möchte, ist Andrea Henkel. "Ich denke schon, dass ich zu denen zähle, die eine Medaille gewinnen können", sagt die 35-Jährige selbstbewusst. Im Einzel war Henkel 2002 Olympiasiegerin und 2005 Weltmeisterin geworden. Vergangenes Jahr in Ruhpolding belegte sie in dieser Disziplin aber nur den 20. Platz, mehr als vier Minuten hinter der Siegerin. Die hieß Tora Berger.

Jeannette Corbeau

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
vogelskipper 13.02.2013
1.
Tora Berger ist eine bodenständige und sympathische Biathletin, die immer alles gibt und eine große Kämpferin ist! Ich gönne ihr den Erfolg, den sie hat und finde es völlig normal, dass sie ihr Privatleben nicht an die große Glocke hängen will. Für die Presse ist das natürlich wenig ergiebig. Trotzdem drücke ich Andrea und Miriam beide Daumen, dass sie heute gute Ergebnisse erzielen und wenn Tora wieder gewinnen sollte, dann hat sie es sich auch redlich verdient!
rasta123 13.02.2013
2. Respekt
"Ich mag es, meine Beute zu erlegen und zu essen" In Norwegen darf man sowas noch öffentlich sagen, ohne gleich gesteinigt zu werden? Gefällt mir!
jot-we 13.02.2013
3.
Zitat von vogelskipperTora Berger ist eine bodenständige und sympathische Biathletin, die immer alles gibt und eine große Kämpferin ist! Ich gönne ihr den Erfolg, den sie hat und finde es völlig normal, dass sie ihr Privatleben nicht an die große Glocke hängen will. Für die Presse ist das natürlich wenig ergiebig. Trotzdem drücke ich Andrea und Miriam beide Daumen, dass sie heute gute Ergebnisse erzielen und wenn Tora wieder gewinnen sollte, dann hat sie es sich auch redlich verdient!
Volle Zustimmung. Eines aber - ohne Bezug auf die oben genannten Personen - verwundert denn doch: wie schafft es eigentlich der nordische Skibereich (Langlauf, Kombi, Biathlon), seit Jahren notorisch jedwedem Doping-Verdacht zu entgleiten? Ein paar Russen wurden vor einiger Zeit mal erwischt, dann gab es die Vorwürfe gegen Humanplasma in Österreich (ohne Resultat) ... den letzten dicken Skandal gab's tatsächlich bei der Winterolympiade in Turin. Was mich zu dem leicht vergifteten Schluss führt: Sollten manche Menschen doch in der Lage sein, aus ihren Fehlern zu lernen? (Womit ich allerdings ganz bestimmt nicht die NADA-Kontrolleure meine, denen die WADA ja erst gestern mächtig eingeschenkt hat.)
Tevje 13.02.2013
4. Shocking, absolutely!
Zitat von rasta123"Ich mag es, meine Beute zu erlegen und zu essen" In Norwegen darf man sowas noch öffentlich sagen, ohne gleich gesteinigt zu werden? Gefällt mir!
Haben die denn keine Grünen, die solche Aussagen unter Strafe stellen? Die Frau hat meine Hochachtung, wegen ihrer sportlichen Leistung und wegen der Art und Weise, wie sie mit ihrer Krankheit umgeht! Und dafür, daß sie sich nicht ins Scheinwerferlicht vor die Mikrofone drängelt...
dr.joe.66 13.02.2013
5. Ja, darf man...
Zitat von rasta123"Ich mag es, meine Beute zu erlegen und zu essen" In Norwegen darf man sowas noch öffentlich sagen, ohne gleich gesteinigt zu werden? Gefällt mir!
Ja, darf man! Norwegen ist uns in manchen Dingen um einiges voraus! (Siehe zum Beispiel der Umgang mit dem Attentat...) Wild ist übrigens das ökologisch sauberste Fleisch, das man bekommen kann. Garantiert kein Kraftfutter, keine Antibiotika, kein BSE, etc. Wenn ein Vegetarier oder Veganer gegen Jagd ist, akzeptiere ich das. Aber wenn Jagd-Gegner ihr Fleisch im Supermarkt kaufen, ist es nur noch lächerlich.
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