Doping Pechstein schon länger im Visier der Fahnder

Claudia Pechstein wird schon seit drei Jahren wegen Auffälligkeiten vom Eislauf-Weltverband beobachtet und intensiv kontrolliert. Für Werner Franke und andere Doping-Experten ist der Fall ohnehin klar: Sie sprechen von Manipulation. Zudem dementierte der Weltverband, Pechstein einen Kuhhandel angeboten zu haben.


Hamburg - Claudia Pechstein befand sich schon Jahre vor der jetzt verhängten Dopingsperre im Visier des Eislauf-Weltverbandes Isu. "Vor zwei Jahren konnten wir Pechstein auf Basis der festgestellten Tatsachen noch nicht sperren. Die Isu hat nun konform der Wada-Regel gehandelt", sagte der Isu-Mediziner Harm Kuipers.

Verdächtige Pechstein: "Am meisten kontrollierte Eisschnellläuferin"
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Verdächtige Pechstein: "Am meisten kontrollierte Eisschnellläuferin"

Erst seit Beginn des Jahres darf der Code zur Blutprofilregel der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) angewendet werden. Die Regel besagt, dass Sperren gegen Sportler bereits wegen Auffälligkeiten in ihrem Blutprofil ausgesprochen werden können, ohne dass ein konkreter positiver Dopingbefund vorliegt.

Auch nach Meinung von Volker Smasal, dem langjährigen Chefmediziner der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), hat die Isu den Dopingfall Pechstein von langer Hand vorbereitet. "Pechstein hat in einer Art Zielfahndung seit 2006 mehr als 50 Wada-Kontrollen gehabt. Sie ist in Deutschland die am meisten kontrollierte Eisschnellläuferin, weit mehr als Anni Friesinger oder Jenny Wolf", sagte Smasal. "Ich vermute sogar, dass sie weltweit die am intensivsten kontrollierte Läuferin ist." Die Isu habe sich den "sichersten Fall" herausgesucht, der nach der neuen Wada-Regel möglich war: "Eine Perle und kein Blechcollier. Die Beweisführung der Isu macht einen konsequenten Eindruck." Wenn Pechstein mit ihrem Einspruch vor dem Internationalen Sportgericht Cas in Lausanne scheitern sollte, sei das "ein Problem für den deutschen und internationalen Eisschnelllauf. Wenn bei ihr keine genetische Abweichung festgestellt wird, kommen Blutersatz oder Eigenblut als Dopingmittel in Frage", so Smasal.

Davon geht der Arzt und Dopingexperte Werner Franke ohnehin aus. "Eine genetische Blutkrankheit ist hanebüchener Unsinn. Eine krankhafte Erhöhung der Retikulozyten schließe ich aus", sagte Franke. "Dann müsste sie an einer speziellen Art der Leukämie erkrankt sein. Und das ist bei einer Spitzensportlerin, die über so viele Jahre Top-Leistungen bringt, nicht denkbar."

Für ihn liegt eindeutig ein Fall von "manipulierter Erhöhung der roten Blutkörperchen" vor. "Das kann durch Epo sein, aber auch durch alles Mögliche, was die Bildung der Retikulozyten erhöht", sagte Franke und fügte hinzu: "Eine genetische Krankheit wäre auch in wenigen Tagen mit Hilfe einer DNA-Analyse erkennbar."

Trotz des fehlenden positiven Dopingbefundes ist Franke überzeugt vom korrekten Vorgehen des Eislauf-Weltverbandes: "Wenn man nach erhöhten Hämoglobin- oder Hämatokritwerten Sperren aussprechen darf, muss man dies auch bei erhöhten Retikulozyten tun. Das ist nur logisch."

Ob Pechstein vor dem Cas nicht doch erfolgreich sein könnte, wollte der Heidelberger Professor jedoch nicht ausschließen. "Die haben doch keine Ahnung von medizinischen Dingen. Nur wenn die Gutachter wirklich unabhängig wären, würde man mit Sicherheit zu richtigen Entscheidungen kommen", sagte er.

Hingegen ist Armin Baumert, der Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada, sicher, dass das Urteil Bestand haben wird. "Es darf keinen unvorbereitet treffen, der neue Wada-Code ermöglicht die Sperre nach solchen Indizien", sagte der Nada-Chef. Claudia Pechstein sei eine Vorzeigeathletin gewesen. "Daher tut es weh, aber Mitleid ist hier unangebracht. Es gibt bei mir keine Träne." Alles, was Pechstein jetzt auffahre, seien legitime juristische Mittel, die aber nicht zum Erfolg führen würden.

Der Eisschnelllauf-Weltverband wehrt sich unterdessen gegen die Vorwürfe, Claudia Pechstein einen Kuhhandel angeboten zu haben. "Wir haben dem deutschen Team erklärt, dass wir abweichende Blutwerte festgestellt hätten, die möglicherweise im Gegensatz zum Anti-Doping-Code stehen. Die Ursachen seien Krankheit oder Manipulation. Wir haben kein Startverbot ausgesprochen und auch keinen Rat gegeben", sagte Harm Kuipers. Nach Aussage der fünfmaligen Olympiasiegerin und von DESG-Präsident Gerd Heinze hatte die Isu daraufhin geraten, unter dem Vorwand einer Krankheit abzureisen, um die Sache in Ruhe zu untersuchen. Außerdem soll laut Heinze die Isu Pechstein angeboten haben, den Fall komplett zu vertuschen, sollte sie ihre Karriere sofort beenden. "Davon weiß ich nichts. Das höre ich heute zum ersten Mal", sagte Kuipers.

Gerhard Zimmermann, Isu-Vizepräsident und bis vor vier Jahren DESG-Präsident, räumte ein, dass es "unter den Juristen" durch Isu-Chefankläger Gerhardt Bubnik (Tschechien) "einen entsprechenden Vorschlag gegeben haben könnte". Bis ins Isu-Präsidium sei dieser aber nicht vorgedrungen: "Wir waren da außen vor. Die Disziplinarkommission ist zuständig."

In der Berliner Morgenpost kündigte Pechstein unterdessen an, die Isu "auf eine riesige Summe" zu verklagen. Hintergrund sind auch Pechsteins Werbeverträge. "Die beinhalten Klauseln, falls ich einen Dopingverstoß begehe. Dann sind meine Werbeverträge erledigt", sagte die 37-Jährige. Auch ihre Verbeamtung auf Lebenszeit bei der Bundespolizei steht auf dem Spiel: "Ich weiß, dass ich mit einem Disziplinarverfahren rechnen muss."

mac/sid/dpa



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Seite 1
Rainer Helmbrecht 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDer jüngste Dopingfall heißt Claudia Pechstein. Die fünfmalige Olympia-Siegerin im Eisschnelllauf wurde von der Internationalen Eislauf Union des Blutdopings überführt und für zwei Jahre gesperrt. Ist der Sport am Ende?
Es gibt keine weißen Raben;o(. MfG. Rainer
Klapperschlange 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDer jüngste Dopingfall heißt Claudia Pechstein. Die fünfmalige Olympia-Siegerin im Eisschnelllauf wurde von der Internationalen Eislauf Union des Blutdopings überführt und für zwei Jahre gesperrt. Ist der Sport am Ende?
Man sollte solchen Betrügern alles aberkennen!
derien, 03.07.2009
3. pech stein
2jahre sind viel zu gering, wo bleibt da der abschreckeffekt. Man sollte denen die sportliche Karriere zunichte machen bei Entdeckung und die Fördergelder bitte auch zurück zahlen lassen!
Tyxaro, 03.07.2009
4. So ist das...
...wer glaubt, das diese ergüsse von Hochleistung normal sind, wird mal wieder eines besseren belegt... Oder glaubt ihr wirklich das unsere Schwimmweltrekordlerin nur so schnell ist weil sie einen "neuen Anzug" hat? Die hat wohl das gleich Zeug wie M. Phelps genommen...
ohnots 03.07.2009
5.
Zitat von sysopDer jüngste Dopingfall heißt Claudia Pechstein. Die fünfmalige Olympia-Siegerin im Eisschnelllauf wurde von der Internationalen Eislauf Union des Blutdopings überführt und für zwei Jahre gesperrt. Ist der Sport am Ende?
Ja, der Sport ist am Ende... Genauso wie er bei vorherigen Dopingfällen am Ende war und es nach zukünftigen Fällen auch sein wird. Wat ne Frage.
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