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Dopingfall Sachenbacher-Stehle: Gefährliche Nahrung

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Evi Sachenbacher-Stehle: Zwischen Tränen und Triumphen Fotos
AP

Der Fall Evi Sachenbacher-Stehle stellt Ermittler und den deutschen Sport vor ein Problem: Wie bekommt man das obskure, riesige Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in den Griff? Bei vielen ist unklar, was sie enthalten - und ob man damit dopt.

Der Dopingfall Evi Sachenbacher-Stehle wirft viele Fragen auf, ethisch-moralische, vor allem aber solche nach dem Schuldigen. Dafür hat die Biathletin selbst gesorgt. Denn für Sachenbacher-Stehle, 33, stand nach dem positiven Befund in A- und B-Probe schnell fest: Sie ist unschuldig. Sie habe "zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen" zu sich genommen, ließ sie noch am Tag des Bekanntwerdens ihres Falls in Sotschi über ihr Management ausrichten. Deshalb werde sie alles daran setzen, "diese Sache lückenlos aufzuklären".

Wer war es also, der sie mit dem im Wettkampf verbotenen Stimulans Methylhexanamin versorgte?

Sachenbacher-Stehle selbst gab bei ihrer Anhörung vor dem Internationalen Olympischen Komitee zu, wie viele andere Leistungssportler seit längerer Zeit schon unterschiedliche Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen zu haben. Einige davon, es sollen sechs bis sieben Präparate gewesen sein, stehen demnach auf der "Kölner Liste" und sind für Athleten weitgehend unbedenklich. Andere sollen dagegen nicht vom biochemischen Labor der Deutschen Sporthochschule in Köln untersucht worden sein.

Es sei sehr wahrscheinlich, dass eines dieser Mittel das Methylhexanamin enthalten habe, sagt Wilhelm Schänzer, Dopingexperte und Leiter des Kölner Biochemie-Labors. Sein Team untersucht Nahrungsergänzungsmittel auf im Leistungssport verbotene Inhaltsstoffe wie Stimulanzien oder Anabolika. "Wir können zwar keine hundertprozentige Garantie geben, dass die Produkte komplett sauber sind. Aber die Athleten haben zumindest einen Anhaltspunkt, was sie zu sich nehmen können und was auf keinen Fall", sagt Schänzer.

DOSB kennt Namen des Beraters

Auf Methylhexanamin, eine stimulierende, amphetaminähnliche Verbindung, sei das Kölner Labor in den vergangenen drei, vier Jahren immer häufiger gestoßen. "Allein in Sotschi sind uns bislang drei Fälle bekannt, bei den Sommerspielen in London vor zwei Jahren war es noch einer", sagt Schänzer. Er warne deshalb alle Athleten eindringlich davor, ein Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, das nicht zuvor auf verbotene Zusätze untersucht wurde.

Evi Sachenbacher-Stehle ließ sich davon anscheinend nicht abschrecken, sondern vertraute nach eigenen Aussagen lieber einem Mentalcoach. Er soll ihr die fraglichen Produkte empfohlen haben. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ist laut "Süddeutscher Zeitung" mittlerweile darüber informiert, von wem sich die Sportlerin mit so fatalen Folgen beraten ließ.

Einen Namen darf der DOSB aber nicht nennen, da die Staatsanwaltschaft in München bereits am Freitagabend ein Ermittlungsverfahren einleitete. Der Sportbund reichte seinerseits eine Strafanzeige ein, ebenfalls gegen Unbekannt. Der Dopingfall Sachenbacher-Stehle ist zu einem Kriminalfall geworden.

Seit Bekanntwerden der Doping-Vorwürfe gegen Sachenbacher-Stehle und seit der ominöse Mentaltrainer ins Spiel gebracht wurde, klingelt bei Thomas Baschab ununterbrochen das Telefon. Eine einfache Internetrecherche hat viele Medienvertreter auf seine Spur gebracht: Googelt man Baschabs Namen und Evi Sachenbacher-Stehle, werden einem sofort Verbindungen zwischen beiden aufgezeigt. Ein Anruf bei Baschab belegt: Er war lange Zeit Mentaltrainer der Sportlerin, allerdings "nur bis 2007", sagte er, "seitdem haben wir überhaupt keinen Kontakt mehr". Dass er Sachenbacher-Stehle aus den Referenzen auf seiner Webseite am Sonntag gelöscht habe, liege nur daran, dass er nicht weiter angerufen werden wolle.

Wer der aktuelle Mentaltrainer von Evi Sachenbacher-Stehle ist? "Das weiß ich beim besten Willen nicht", sagt Baschab, niemand aus dem Leistungssportumfeld der Biathletin wisse das.

Greenforce steht nicht auf der Kölner Liste

Dabei ist Baschab gut vernetzt in der Sportwelt, er betreut Skirennfahrer Felix Neureuther, Fußballer Holger Badstuber oder Biathlet Andreas Birnbacher. Und nebenbei ist er an einer bayerischen Firma beteiligt, die spezielle Nahrungsmittel für Leistungssportler vertreibt: Greenforce. Sein Partner bei Greenforce ist Günter Kern, ehemals Konditionstrainer beim Fußball-Bundesligist Hamburger SV. Zusammen haben Baschar und Kern ihr Produkt mittlerweile an eine Vielzahl von Leistungssportlern gebracht. HSV-Spieler konsumieren es, Fußballer von Eintracht Frankfurt, der Biathlon-Europameister Matthias Bischl.

"Unser Produkt ist rein pflanzlich und dopingfrei", sagt Günter Kern. Seine Frau, mit Greenforce nach eigenen Aussagen bestens vertraut, erklärt: "In unserem Drink und in den Pulvern sind einzig Erbseneiweiß, Kakao und Steevia enthalten." Die natürlichen Aminosäuren der Erbsen sollen bei Regeneration und Konzentration der Sportler helfen, es "wirkt ausgezeichnet", sagt Frau Kern.

Ein Problem gibt es mit Greenforce allerdings: Es steht nicht auf der Kölner Liste. Laut Kern soll das Produkt bereits in wenigen Wochen überprüft sein. Wilhelm Schänzer hat allerdings noch nie was davon gehört.

Verfolgt man den Produktionsweg von Greenforce zurück, stößt man auf die Firma Focus Ingredients mit Sitz in Traunstein. Dort wird Greenforce extern hergestellt. Eine mit den Vorgängen betraute Person sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Herstellung läuft weitgehend undokumentiert ab, es gibt keine Produktionsabsicherung und auch keine klaren Chargentests." Der Versuch, Focus Ingredients dazu zu bewegen, seine Produkte im Kölner Labor untersuchen zu lassen, sei schon vor einigen Jahren gescheitert.

Firmen-Manager und Produktentwickler Achim Budemann weist jeden Verdacht von sich: "Es handelt sich um ein natürliches Produkt, das zu 60 bis 65 Prozent aus Erbseneiweiß besteht. Es wird in einem Lebensmittelbetrieb in Bayern hergestellt, jede Kreuzkontamination mit Dopingmitteln ist ausgeschlossen", sagt er. Er ist spürbar genervt von der Diskussion, die Sachenbacher-Stehle "losgetreten" habe: "Ziemlich unnütz", sagt er.

Methylhexanamin ist im Handel frei erhältlich

Eine Nachfrage, ob Sachenbacher-Stehle Greenforce oder ein anderes nicht überprüftes Produkt konsumiert hat, ließ ihr Management bis zum Montagnachmittag unbeantwortet. Man könne aufgrund der Menge von Presseanfragen nicht detailliert Stellung nehmen, hieß es. Dafür meldete sich ihr Anwalt Marc Heinkelein zu Wort: "Die Ursache liegt möglicherweise in dem teilweise unübersichtlichen Markt von sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln." Anders als Arzneimittel "durchlaufen Nahrungsergänzungsmittel kein behördliches Zulassungsverfahren, in dem die gesundheitliche Unbedenklichkeit vorab nachgewiesen werden muss", steht dazu in einer Stellungnahme des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

So ist es durchaus denkbar, dass Evi Sachenbacher-Stehle zwar ein Produkt zu sich genommen hat, dessen Rezept an sich kein Methylhexanamin beinhaltet, das aber wegen schlecht überwachter Produktionsabläufe verunreinigt wurde.

Bei der zuständigen Überwachungsbehörde, dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, sind zu Greenforce bislang keine Meldungen von Fehlern bei Zusammensetzung oder Kennzeichnung bekannt, sagt Sprecherin Claudia Schuller. Da die Kontrollen zu Nahrungsergänzungsmitteln allerdings eher stichprobenartig erfolgen, lässt auch diese Aussage keine hundertprozentige Sicherheit zu, dass das Präparat komplett sauber war - ein grundlegendes Problem bei Nahrungsergänzungsmitteln.

Die Sportverbände sind von der Undurchsichtigkeit und schweren Kontrollierbarkeit dieser Produkte offenbar überfordert. So hieß es am Wochenende zwar immer wieder von Seiten des DOSB, man rate den Sportlern von der Einnahme solcher Produkte ab, sehe darin sogar eine "potentielle Begünstigung der Doping-Mentalität" - gefunden wurden bei einer Durchsuchung in Ruhpolding am Samstag aber dennoch welche.

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1. na ja
Stabhalter 24.02.2014
Zitat von sysopAPDer Fall Evi Sachenbacher-Stehle stellt Ermittler und den deutschen Sport vor ein Problem: Wie bekommt man das obskure, riesige Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in den Griff? Bei vielen ist unklar, was sie enthalten - und ob man damit dopt. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/doping-sachenbacher-stehle-nahrungsergaenzungsmittel-und-das-methylhexanamin-a-955312.html
wer solchen Schrott futtert und nicht genau weis ,was da drin ist hat nicht alle Sinne im Koffer,zumal Evi die Gebirgsjägerin schon einmal in Sachen Doping überführt wurde.Aber manche lernen es nie und nimmer.
2. Problem?
Hilfskraft 24.02.2014
was für ein Problem. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Nahrung, bitte schön! Wer sowas runterschluckt, will dopen und alle um sich herum für blöd verkaufen. Zu Freude der Hersteller dieses Mist. Gesunde Nahrung hat nichts mit Pülverchen und Riegel zu tun. Wollt Ihr uns verar...? Wir zahlen für diesen Schwachsinn! Entweder richtet man sich nach auch den Regeln oder man wird gesperrt. Auf Lebenszeit! So wird ein Schuh draus !
3. Steevia
noalk 24.02.2014
"In unserem Drink und in den Pulvern sind einzig Erbseneiweiß, Kakao und Steevia enthalten." --- Ich kenne "Stevia". Ist "Steevia" was anderes oder nur ein Schreibfehler? Und Danke für das Rezept. Ich werde künftig meinen Erbseneintopf mit Kakao anreichern. Mal sehen, ob das leistungssteigernd wirkt.
4. 3 Fragen:Wenn das allkes so kompliziert ist wie
analyse 24.02.2014
dargestellt : 1. Ist dann der Umgang mit Sachenbacher-Stehle berechtigt ? 2. Was kann seitens der Sportverbände getan werden ? 3.Wenn solche Nahrungsergänzungsmittel im Handel sind: Sind wir alle unfreiwillig gedopt ?
5. Aufputschmittel haben eine lange Tradition als Doping!
bpauli 24.02.2014
Blickt man etwas über den deutschen Sport-Tellerrand hinaus, stellt man fest: 1. Aufputschmittel (wie Amphetamine z.B.) besitzen eine über 60jährige Tradition im Spitzenleistungssport, von Sprintern bis Ausdauersport (Rad, Geher etc.) 2. ca. 300 mit Methylhexanamin im Wettkampf gedopte Spitzensportler wurden pro Jahr überführt. 3. der Anteil der Methylhexanamin-Konsumenten soll ca. 30-40 % an den verwandten Aufputschmittel betragen. Meine Fragen / Überlegungen dazu: 1. Wieviel mehr als die ca. 300 pro Jahr lediglich im Wettkampf überführten Spitzensportler konsumieren die im Training offiziell erlaubten Aufputschmittel wie Methylhexanamin oder andere systematisch, regelmässig? 2. Bei wieviel Prozent von den 300 Überführten wird der Konsumnachweis von Methylhexanamin im Wettkampf auf eine Verunreinigung zurückzuführen sein? Bei wievielen wurde eine solche tatsächlich bewiesen? (Summe = 0-0,5 % ?) 3. Gibt es bis jetzt irgendeinen objektivierbaren Hinweis, dass im Falle von Sachenbacher-Stehle eine Verunreinigung eines NEM-Produktes vorliegt? (Summe =0) Erinnern wir uns einmal kurz: Auch Virginia Berasategui, eine Prof-Triathletin, ist bei ihrem Abschiedsrennen in ihrer Heimatstadt (!) gedopt gewesen, ähnlich wie Evi Sachenbacher-Stehle am Ende ihrer Karriere bei der Abschiedsolympiade. Das "Erwischt Werden" gerade zum Ende ihrer Leistungssportzeit könnte man statt mit der oft von Kommentatoren angenommenen Dummheit / Naivität der Betreffenden (sie konnten das Dopen vermutlich bisher ganz erfolgreich "managen") besser mit Sigmund Freud (dem Bedürfnis nach Entlastung von Schuldgefühlen) erklären. Schlussfolgerung: Das Problem liegt im Falle von Sachenbacher-Stehle und anderen überführten Dopern nicht primär bei den Drogen-/Dopinghersteller, wie es der Artikel suggeriert, es liegt vorrangig bei den Konsumenten und den Bedingungen des Profi-Spitzenleistungssports.
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Groteske Geständnisse: Die besten Dopingerklärungen

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)

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