Dopingvorwürfe: DSV-Kommission soll Biathlon-Trainer Ullrich überprüfen

Strafanzeige, Eidesstattliche Erklärung, neue Unterlagen: Die Dopingaffäre um Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich weitet sich aus. Der Deutsche Skiverband will sich mit dem Fall umfassend beschäftigen - rät seinem Coach aber zu einer Klage gegen den Belastungszeugen.

Hamburg - Der Deutsche Skiverband hält den Doping- Belastungszeugen für "unglaubwürdig", doch der frühere Biathlon-Weltmeister Jürgen Wirth hat seine Anschuldigungen gegen Herren-Bundestrainer Frank Ullrich bekräftigt. "Ich kann bestätigen, dass ich eine Eidesstattliche Erklärung zur Vorlage bei Gericht abgegeben habe", sagte Wirth. Unterdessen kündigte der DSV nach einer Präsidiumssitzung am Dienstag an, dass er eigens eine Untersuchungskommission einberufen werde.

Bundestrainer Ullrich: Im Fokus der Berichterstattung
DDP

Bundestrainer Ullrich: Im Fokus der Berichterstattung

Der DSV empfahl Ullrich, "die Möglichkeit einer Strafanzeige sowie einer zivilrechtlichen Klage gegen Herrn Wirth überprüfen zu lassen". Unabhängig davon will sich der Verband noch einmal umfassend mit allen Zusammenhängen - und damit auch mit den Anschuldigungen gegen Wilfried Bock - beschäftigen. Der frühere DDR-Cheftrainer Bock war in einem Beitrag der ARD-Sportschau von Wirth und auch von Olympiasieger Jens Steinigen mit Dopingpraktiken in der früheren DDR in Zusammenhang gebracht worden. Beide Trainer bestreiten die Anschuldigungen.

Die von der ARD-Sportschau verbreiteten aktuellen Wirth-Aussagen stünden im direkten Gegensatz zu seinen früheren Zeugenaussagen vor dem Landeskriminalamt Thüringen aus dem Jahre 1991, erklärte der Skiverband in einer schriftlichen Mitteilung. In einem Protokoll der Anhörung vom 3. Mai 1991, die dem DSV in Kopie vorliegt, habe der mittlerweile 43 Jahre alte Wirth unter anderem festgestellt: "Für mich kann ich sagen, dass ich von dem (Frank Ullrich) nie diese Tabletten bekommen habe." In der ARD-Sportschau am Sonntag hatte der Staffel-Weltmeister von 1987 dagegen erklärt: "Frank Ullrich hat uns damals angewiesen, dieses Mittel Oral-Turinabol einzunehmen, damit wir schneller wieder regenerieren, das heißt, schnellere Erholungsphasen haben."

Im Mai 1991 hatte das Geschäftsführende Präsidium des Deutschen Sportbundes (DSB) in einem Brief an den Sportausschuss des Deutschen Bundestages eine Empfehlung des DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen an den DSV gegeben. Darin hieß es, dass man "mit den Trainern Hinze, Bock und Ullrich kein festes Anstellungsverhältnis entstehen" lassen solle, "solange der gegen sie bestehende dringende Verdacht der persönlichen tatsächlichen Beteiligung an der systematischen Verabreichung von Dopingmitteln an Aktive nicht ausgeräumt ist".

Kurt Hinze, der erste Chefcoach der neuen deutschen Biathlon- Mannschaft, trat zum Jahresende 1991 zurück. Ullrich ist seit 1998 Cheftrainer der Biathlon-Herren.

Steinigen berichtete in einem dpa-Gespräch über die Dopingpraxis in der damaligen DDR. Den Skijägern seien in den achtziger Jahren unkontrolliert Dopingmittel über Getränke verabreicht worden. "Auf Empfehlung des damaligen Mannschaftsarztes wurde die Praxis dann geändert, da es offensichtlich Probleme mit der Dosierung gab. Man wusste nie genau, wie viel jeder Sportler tatsächlich trinkt und damit Dopingmittel zu sich nimmt."

Nachdem der DDR-Mannschaft im November 1985 im schwedischen Kiruna offen mitgeteilt worden sei, dass die "Mittel nun verabreicht werden, insbesondere zur besseren Kraftentwicklung und Regeneration", habe Steinigen im September 1986 der DDR-Mannschaftsleitung mitgeteilt, dass er beim Doping nicht mitmache. Bei Olympia 1988 war Steinigen, Junioren-Weltmeister von 1985, ausgemustert.

Auch Ullrich soll in die Doingpraktiken eingeweiht gewesen. "Im September 1986 wollten uns die Trainer in einem langen Gespräch davon überzeugen, 'unterstützende Mittel' zu nehmen. Da war auch Frank Ullrich teilweise anwesend", sagte Steinigen. Seit 1985 habe jeder Athlet gewusst, dass es sich dabei um Dopingmittel handele.

Während Wirth behauptet, die Trainer Bock und Ullrich hätten "die Einnahme auch kontrolliert", konnte Steinigen dazu nichts sagen. "Die Vergabe war eher Aufgabe der Ärzte und Physiotherapeuten. Von Frank Ullrich kann ich ohnehin nichts bekommen haben, da er erst ab 1986 als Trainer tätig war und ich ja aufgrund meiner Weigerung ab dieser Zeit nichts mehr erhielt."

"Aussage von Frank Ullrich glaubwürdig"

Über Ullrich ist in den höchsten Gremien des deutschen Sports schon in den neunziger Jahren beraten worden. In einer Pressemitteilung vom 28. Januar 1992 durch das Nationale Olympische Komitee wurde Ullrich jedoch zum Einsatz in der deutschen Olympiamannschaft zugelassen. Das NOK schrieb, "dass die Aussage von Frank Ullrich glaubwürdig erscheint, dass er mit Dopingfragen weder als Aktiver noch als Trainer direkt und mit eigener Kenntnis befasst gewesen sei".

Ullrich biete die Gewähr, "auch in Zukunft seine Arbeit im deutschen Sport unter Beachtung der Regeln und der Bestimmungen gegen Doping zu leisten", hieß es. Der Olympiasieger und mehrmalige Weltmeister Ullrich war von DSV-Ehrenpräsident Fritz Wagnerberger, NOK-Chef Walther Tröger und dem vor eineinhalb Jahren verstorbenen NOK-Gründungsmitglied Herbert Kunze zwei Stunden lang angehört worden. Eine "schriftliche Erklärung, zu der Frank Ullrich bereit gewesen sei, wurde nicht für notwendig gehalten".

fpf/dpa/sid

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Forum - DDR-Doping: Zweite Chance für belastete Trainer?
insgesamt 51 Beiträge
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1.
DJ Doena 06.02.2009
Wie lange wird ein Sportler heutzutage für Doping gesperrt? 2 Jahre?
2.
exilant2 09.02.2009
Zitat von sysopIn Deutschland ist eine Diskussion entbrannt, ob Trainer, die in der DDR in Doping-Machenschaften verstrickt waren, im deutschen Spitzensport arbeiten dürfen. Sollte vergessen sein, was vor 20 Jahren geschehen ist? Sollte Reue ein wichtiger Maßstab bei der Bewertung sein? Welche Rolle spielt die verpasste Aufarbeitung nach der Wende?
Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
3. im Prinzip
sitiwati 09.02.2009
Zitat von exilant2Es ist ja schön, das sich Deutschland über den Osten Gedanken macht, warum entbrennt aber keine Diskussion zum folgenden Artikel: http://www.faz.net/s/RubCBF8402E577F4A618A28E1C67A632537/Doc~E95E9EF3325BA4B72B4342D6C4F402982~ATpl~Ecommon~Scontent.html Bester Satz: "Die Stasi macht den Unterschied aus." Hierzu stellen sich mir folgende Fragen:
sollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
4.
Adran, 09.02.2009
Zitat von sitiwatisollte man dei Jungs u Mädels wieder in Trainerstelen einsetzen, dei bringen das nötige nauhau mit, die westler sind in dieser Beziehung vielleicht noch etwas rückständig! Möglicherweise ???!!!
Sehe ich mir de Tour de Dope an, wage ich daran zu zweifeln..
5. Prof. Joseph Keul
Filzsucher 09.02.2009
Zu Prof. Joseph keul http://www.cycling4fans.de/index.php?id=4472 Auszug: "Prof. Joseph Keul leitete die Abteilung Sportmedizin an der Universitätklinik Freiburg seitdem sie 1974 eine selbstständige Einrichtung wurde. Seit 1960 fungierte Joseph Keul Sportarzt bei den Olympischen Spielen, bis 1980 als Assistenzarzt, danach als Chefarzt. Er war Mitglied des NOK und ab 1998 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 dessen Vorsitzender, war Anti-Doping-Beauftragter des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und war Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse." eine Beschäftigung mit dieser Figur: Prof. Joseph Keul bringt einem im Verständnis über die die ganze Gesellschaft + Politik durchziehenden Netzwerkstrukturen des Dopings näher. Eine Schlüsselfigur ist Keul. Dieser hat anscheinend (mutmaßlich) seine einflussreichen Jobs während seines beruflichen Lebens seiner Doping-Kompetenz zu verdanken. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeiten hat er um Doping herum geforscht. Im wesentlichen wurden Studien mit falschen Absichten deklariert, dies geht aus o.g. Artikel anschaulich hervor: sie sollten Dopinggaben legalisieren helfen. Er hat anscheinend in größerem Umfange Ergebnisse gefälscht. Seine aktive Rolle im Umgang mit Sportlern (was Doping angeht), geht aus dem Artikel auch gut hervor. Es soll keiner aus der Politik sagen, man habe dies nicht gewußt. Alle wissen es und Alle wissen um die derzeitgen Hintermänner in den Universitätszentren. Also "Alle" meint: die wichtigen, relevanten Leute in der Politik und in den Sport-Organisationen. ein Auszug: "Der Zwischenbericht der Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin, aus dem die letzten Zitate stammen, hält abschließend fest, dass es derzeit nicht auszuschließen ist, "dass Professor Keul aktiv in die damaligen Dopingaktivitäten involviert war. Nach den der Kommission nun zur Verfügung stehenden Unterlagen war er bei Veranstaltungen des und um das „Team Telekom“ häufig präsent." " Noch so ein Name: Prof. Manfred Donike: auch er hat anscheinend eine irreführende Positionsbeschreibung gehabt: er nahm nach Presseartikeln und Zeugenaussagen seine Job so wahr: Erkenntnisse über das Doping gewinnen, um die Sportler vor positiven Befunden zu bewahren. Solange diese - ja schon nachgewiesenen Strukturen und Taten - nicht weitere Konsequenzen nach sich ziehen, solange ist ja schon ein Foren-Text "harmlos" undn irreführend, weil er den Kern nicht trifft. Wenn nun schon (wieder) klar wird, dass Organisationen wie Nat.Olympisches Komittee oder die Telekom "Doping-Koryphäen" wie Keul beschäftigen, dann muss man doch beständig auf diese Organisationsstrukturen abheben, was Diskussionen wie obige angeht. Im luftleeren Raum kann man solche Fragen nicht diskutieren "sollten sie wieder eingestellt werden...?"
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