Deutschland im Eishockey-Viertelfinale Gecheckt, gekämpft, gewonnen

Reife Leistung gegen die Schweiz: Selbst von einem brutalen Foul zum Auftakt ließ sich das deutsche Eishockey-Team nicht provozieren - und steht nun erstmals seit 16 Jahren im Viertelfinale eines olympischen Turniers.

AFP

Aus Pyeongchang berichtet


Gleich in der ersten Szene bekam Christian Ehrhoff schmerzhaft zu spüren, wie die Schweiz das Playoff-Duell gegen die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft angehen wollte. Nach acht Sekunden Spielzeit streckte Cody Almond den Routinier mit einem Ellbogenschlag ins Gesicht nieder.

"Das war ein heftiges Foul", sagte Bundestrainer Marco Sturm: "Ellbogen gegen Kopf gehört nicht zum Eishockey." Aber die Schweiz wartete anschließend vergeblich auf eine überzogene Reaktion der deutschen Mannschaft. "Da muss man kühlen Kopf bewahren", sagte Sturm: "Das haben wir gut gemacht." Die Schweizer mussten fünf Minuten in Unterzahl spielen, Deutschland nutzte das zur Führung durch Leonhard Pföderl. Es sollte der Grundschein sein für den 2:1 (1:0, 0:1, 0:0, 1:0)-Sieg nach Verlängerung und den Einzug ins olympische Viertelfinale, in dem die Mannschaft auf Schweden trifft.

Medaillenspiegel 2018
Platz
Land
Gesamt
1
Norwegen
14
14
11
39
2
Deutschland
14
10
7
31
3
Kanada
11
8
10
29

"Das ist eine Sensation für das deutsche Eishockey", sagte Stürmer David Wolf nach der intensiven Partie und spielte damit auf eine 16-jährige Durststrecke an: Letztmals hatte es eine deutsche Mannschaft bei Olympia 2002 in Salt Lake City in die Runde der besten Acht geschafft.

"Es fühlt sich sehr gut", sagte Sturm. "Wir sind glücklich, dass wir es mal wieder so weit geschafft haben." Torhüter Danny aus den Birken wurde im Siegesrausch sogar etwas pathetisch: "Wir spielen mit Freude und mit Stolz. Olympia ist für uns etwas ganz Großes."

Ehrhoff träumt von einer Medaille

Und Ehrhoff sieht den Weg seiner Mannschaft noch nicht am Ende. "Über die Medaille 1976 spricht man heute noch", sagte der Verteidiger der Kölner Haie. "Das ist natürlich etwas, wovon man träumt." Nach dem harten Foul zu Spielbeginn war Ehrhoff sofort in die Kabine gegangen und vom deutschen Mannschaftsarzt untersucht worden. "Mir geht es gut", sagte der 35-Jährige nach der Partie.

Zu Beginn des zweiten Drittels kam Ehrhoff wieder - als es bereits 1:0 stand. Und das, obwohl sich das Team des Deutschen Eishockey-Bunds (DEB) zunächst zu viele Zeitstrafen leistete und sich so selbst den Rhythmus nahm. "Die Spieler, die keine Unterzahl spielen, kommen so nicht richtig rein", sagte aus den Birken. Umso wichtiger war die gute Verteidigungsarbeit mit einem Mann weniger - wie schon im gesamten Turnier. Und auch Unzulänglichkeiten der Schweizer in Überzahl half natürlich. So kam aus den Birken nur selten in Bedrängnis.

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DEB-Team im Olympia-Viertelfinale: 16 Jahre gewartet

Das zweite Drittel gehörte dann aber den Schweizern, was auch zum Ausgleich durch Simon Moser führte (24. Minute). Die deutsche Mannschaft verlor im Spielaufbau durch unsauberes Passspiel zu viele Pucks. Gegen Schweden darf sich das Team solche Fahrlässigkeiten nicht leisten. Denn anders als die an diesem Abend limitierten Schweizer wird der Mitfavorit auf den Titel solche Fehler ausnutzen.

Auch offensiv muss sich das DEB-Team mit Blick auf das Viertelfinale noch steigern: Wie schon in den drei Turnierspielen zuvor fehlte Deutschland auch gegen die Schweiz in der Offensive die letzte Entschlossenheit und die Schussgenauigkeit, um mehr Treffer zu erzielen. Bei einem Torschussverhältnis von 25:21 für Deutschland musste der Schweizer Keeper Jonas Hiller nur selten Glanzparaden zeigen.

Eine Niederlage, die Mut macht

In der Verlängerung dauerte es dann nur 26 Sekunden, ehe Yannic Seidenberg aus kurzer Distanz für die Entscheidung sorgte. Die deutschen Spieler stürmten auf das Eis, bildeten eine Jubeltraube und bedankten sich im Anschluss bei den zahlreichen deutschen Fans im erneut nicht ausverkauften Kwandong Hockey Centre. "Kompliment an meine Mannschaft, die sich für einen tollen Kampf belohnt hat", sagte der Bundestrainer.

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Gerade die Abwehrarbeit war tatsächlich aufopferungsvoll. Wie wichtig gerade diese Qualität ist, betonte auch Wolf: "International ist es immer wichtig, eine gute Defensive zu haben", sagte der Angreifer.

Im Viertelfinale gegen Schweden am Mittwoch (13.10 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kann das Team nun Wiedergutmachung leisten. In der Vorrunde hatte die deutsche Mannschaft 0:1 gegen den Weltmeister verloren, zieht aber aus dieser Pleite Zuversicht: "Jeder war nach der Niederlage unzufrieden, weil alle das Gefühl hatten, da wäre mehr drin gewesen", erzählte Sturm aus dem Innenleben der Mannschaft.

Eine Revanche in der K.-o.-Runde und der damit verbundene Einzug ins Halbfinale wären wohl Trost genug.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
zaunreiter35 20.02.2018
1. Sehr schön!
Vielleicht gelingt ihnen ja die Sensation!
schwensen01 20.02.2018
2. Super
das die Jungs das so bis dahin geschafft haben. Alles ist im Mannschaftssport möglich, gerade beim Eishockey.
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