Ex-Eishockey-Star Ustorf "Mein Alltag ist ein Alptraum"

Fast anderthalb Jahre lang kämpfte Stefan Ustorf für sein Comeback - vergeblich. Der Eishockeyprofi muss seine Karriere wegen eines Schädel-Hirn-Traumas beenden. Im Interview spricht der 39-Jährige über seine täglichen Schmerzen und die Sekunde, die sein Leben veränderte.

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"Ich bin körperlich in einem katastrophalen Zustand." Mit diesem Satz fasste Stefan Ustorf die Schmerzen und Leiden zusammen, die ihn am vergangenen Donnerstag zum Rücktritt vom Eishockey-Sport gezwungen hatten. Schluss nach 22 Jahren und mehr als 1200 Spielen auf dem Eis. Nachdem er seinen Entschluss in Berlin der Öffentlichkeit verkündet hatte, flog Ustorf nach Hause, zu seiner Familie, mit der er in Springboro (US-Bundesstaat Ohio) lebt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ustorf, wie geht es Ihnen nach dem Rücktritt?

Ustorf: Im Moment bin ich vor allem müde vom Flug in die USA. Ich hatte die Woche in Berlin viel zu tun. Daher fühle ich mich etwas schlapp.

SPIEGEL ONLINE: Überwiegt nach Ihrem Schritt Traurigkeit oder Erleichterung?

Ustorf: Schwer zu sagen. Er kam für mich ja nicht unerwartet, ich konnte mich darauf vorbereiten. Aber jetzt fühle ich mich schon erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Alltag ohne Eishockey zu Hause in Ohio aus?

Ustorf: Der ist langweilig, ich mache kaum etwas. Für manche Leute mag das ein Traum sein, für mich ist das ein Alptraum. Ich stehe auf und helfe meinen Kindern, sich für die Schule fertig zu machen. Dann lege ich mich noch mal hin. Wenn ich noch keine Kopfschmerzen habe, versuche ich ein bisschen körperlich zu trainieren oder meine Augentherapie am Computer zu machen. Im Laufe des Tages kommen die Kopfschmerzen aber. Das endet dann meistens mit Rumsitzen auf der Couch und Nichtstun.

Rückblende, 6. Dezember 2011: Ustorf spielt mit den Eisbären Berlin gegen die Hannover Scorpions. Er hat den Puck, als Gerrit Fauser ungebremst von vorne kommt und Ustorf rammt. Dessen Kopf schnellt nach hinten, er knallt auf das Eis, mit Helm und Körper gleichzeitig. Ustorf erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma, es ist sein letztes Spiel als Eishockeyprofi.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich die Szene aus dem Spiel gegen Hannover jemals angeschaut?

Ustorf: Nein, habe ich nicht. Meine Ärzte und ich sind auch überzeugt davon, dass es sich um ein "Second Impact Syndrome" handelt. Ich hatte ein paar Tage zuvor gegen Krefeld schon einen Check bekommen, der zu einer Gehirnerschütterung führte. Gegen Hannover habe ich dann eine zweite Gehirnerschütterung erlitten, während die erste noch nicht ausgeheilt war, das war das Problem. Wenn es also nicht der Check von Fauser gewesen wäre, wäre es wenig später ein anderer gewesen, der zu der Verletzung geführt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie machte sich die erste Gehirnerschütterung aus dem Krefeld-Spiel bemerkbar?

Ustorf: Ich hatte Probleme mit den Augen. Die erklären auch genau, was bei dem Check gegen Hannover passiert ist. Ich dachte, der Spieler kam von hinten. Er kam aber von vorne, war genau vor mir. Ich habe ihn einfach nicht gesehen. Meine Augen waren durch die erste Gehirnerschütterung so schlecht, dass sie bei der Drehung nicht mitgekommen sind. Daher konnte ich nicht mehr reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen stehen jetzt mehrere Operationen bevor, unter anderem an der Schulter und am Kiefer, dazu kommt die Therapie für Ihren Kopf. Haben Sie die Hoffnung, jemals wieder schmerzfrei zu sein?

Ustorf: Das wird nach so vielen Jahren Eishockey nicht ganz einfach werden. Die Operationen sind auch gar nicht so dramatisch, das kann man alles reparieren. Aber ich muss vor allem meinem Gehirn die Chance geben, sich selbst zu heilen. Mein Kopf ist das größte Problem.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema Kopfverletzungen im Sport ist vor allem in den USA ein großes, insbesondere im Football und Eishockey. Gibt es Möglichkeiten, Spieler vor Kopfverletzungen besser zu schützen?

Ustorf: Ja, aber damit muss frühzeitig begonnen werden. Man kann Kindern beibringen, richtig zu checken. Dass es darum geht, die Scheibe zu erobern, und nicht, den Gegner zu verletzen. Aber man darf das Thema nicht dramatisieren und muss Spielern auch die Angst vor Zweikämpfen nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Ustorf: Eine Gehirnerschütterung, die richtig diagnostiziert und therapiert wird, ist eine Verletzung wie jede andere auch. Wenn die richtig ausgeheilt ist, kann der Sportler weiterspielen. Eine Gehirnerschütterung führt nicht gleich zum Karriereende. Der Sportler braucht aber genug Zeit, sich von dieser Verletzung zu erholen.

Ustorf selbst gab sich diese Zeit nicht. Trotz des brummenden Schädels stand er gegen Hannover auf dem Eis, als der nächste Check kam. Seitdem sind die Kopfschmerzen nie wieder verschwunden. Ustorf leidet an Schlaflosigkeit, fernsehen und lesen kann er nur für kurze Zeit. Besucht er ein Eishockeyspiel, muss er immer wieder die Halle verlassen, weil er die laute Musik und die Lichtblitze nicht erträgt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Profikarriere begann 1991 bei Ihrem Heimatverein ESV Kaufbeuren und endete nun unfreiwillig. Wie fällt Ihre Bilanz nach 22 Jahren aus?

Ustorf: Ich kann zufrieden sein. Es gibt nicht viele Leute, die so lange professionell Eishockey spielen können und dürfen. Ich habe auf sehr hohem Niveau gespielt, war in der NHL aktiv, habe an vier Olympischen Spielen teilgenommen. Es gibt vieles in meiner Karriere, auf das ich stolz sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Welche Station wird Ihnen in besonderer Erinnerung bleiben?

Ustorf: Ich habe das Glück gehabt, an vielen tollen Orten spielen zu dürfen und dort wunderbare Menschen kennengelernt. Meine acht Jahre in Berlin waren etwas ganz Besonderes, ich habe dort Freundschaften fürs Leben geschlossen. Aber auch in den USA war es toll, in Washington oder Portland. Der Eishockey-Sport hat dazu geführt, dass ich meine Frau kennengelernt habe, von daher habe ich eh alles richtig gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie dem Eishockey verbunden bleiben?

Ustorf: Das ist mein Ziel. Ob eine Karriere im Management oder eine auf der Bank, das weiß ich noch nicht. Ich denke, zunächst wäre ein Einstieg als Trainer gut. Aber dafür muss ich erst einmal wieder gesund werden. Ich will endlich wieder aufwachen und keine Kopfschmerzen mehr haben.

Das Interview führte Birger Hamann



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
MrSnoot 11.03.2013
1.
---Zitat--- Der Sportler braucht aber genug Zeit, sich von dieser Verletzung zu erholen. Ustorf selbst gab sich diese Zeit nicht. ---Zitatende--- Welcher Profisportler macht das schon? Da wird doch auch mit gebrochenen Knochen und gerissenen Bändern so früh wie möglich wieder gespielt.
townsville 11.03.2013
2.
So einfach können die Wünsche eines Menschen werden,der chronisch leidet.Ich hoffe für Stefan Ustorf, dass sein einfacher, menschlicher Wunsch wahr werden kann.
TS_Alien 11.03.2013
3. .
Jetzt sollte Ustorf auch einmal monatelang "nichts" machen, insbesondere keinen Sport. Das wird nicht einfach, aber wer seinem kranken Körper keine echte Auszeit gönnt, wird selten gesund. Und wer weiss, was ihm nicht bekommt (Lärm, Lichtblitze), muss diese Reize so gut es geht meiden. Gute Besserung!
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