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NHL-Profi Tobias Rieder: Der Kojote aus Landshut

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Eishockeyprofi Rieder: Ein Bayer in Arizona Fotos
AFP

Ein junger Deutscher mischt die nordamerikanische Eishockeyliga NHL auf: Tobias Rieder ist Rookie bei den Arizona Coyotes und stellt gleich einen neuen Ligarekord auf.

Die Ansage war kurz und knapp: Such dir eine Wohnung, in einer Woche musst du raus aus dem Hotel. Das stand auf einem schnöden Zettel, den Tobias Rieder kurz vor Weihnachten zugesteckt bekam. Als er ihn las, konnte er sein Glück kaum fassen.

Rieder, 21, spielt seit einigen Wochen für die Arizona Coyotes in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL. In den USA lieben sie das Symbolhafte, das musste auch Basketball-Superstar Dirk Nowitzki zu Beginn seiner NBA-Zeit erfahren. Damals nannten sie ihn nur "Irk", weil er in der Defensive zu schwach war und sich damit noch nicht das D (für Defense) in seinem Vornamen verdient hatte. So ähnlich war es auch mit Rieder.

"Wenn man den Zettel bekommt, heißt es, man hat es geschafft. Weil der Klub dann längerfristig mit einem plant", erzählt Rieder SPIEGEL ONLINE. Die Verantwortlichen hätten natürlich auch einfach zu ihm hingehen und sagen können: Tobi, gute Leistungen, wir planen länger mit dir, such dir mal eine Wohnung. Aber so funktioniert das im US-Sport nicht.

Der Zettel war der vorläufige Höhepunkt in Rieders noch junger NHL-Karriere. Die war zwar lange geplant, begann dann aber doch überraschend.

Spielpraxis in der zweiten Liga

Es war der 1. November, Rieder war mit den Portland Pirates gerade auf Auswärtstour. Die Pirates spielen in der zweitklassigen American Hockey League (AHL) und sind das "Farm team" der Coyotes. Dort sollen Talente Spielpraxis sammeln, die in der NHL nicht zum Einsatz kommen. Rieder musste schon die Saison 2013/2014 komplett in der AHL verbringen. Nach der Vorbereitung bei den Coyotes im Sommer 2014 wurde er erneut nach Portland geschickt.

Am 1. November also lag Rieder auf einem Hotelbett an der Ostküste in Albany. Die Pirates sollten am darauffolgenden Tag gegen die Albany Devils spielen. Als er den Fernseher anschaltete, lief gerade das Spiel der Coyotes bei den Carolina Hurricanes. Die Coyotes verloren 0:3, es war die siebte Niederlage im zehnten Saisonspiel. "Damals fragte ich mich: Warum geben sie mir keine Chance", sagt Rieder.

Er zappte nach Spielschluss noch ein wenig durch das TV-Programm, als der Anruf von Pirates-Trainer Ray Edwards kam. Rieder solle seine Sachen packen, am nächsten Morgen gehe es nach Washington. Abends werde er gegen die Capitals spielen - in der NHL, im Trikot der Coyotes.

NHL-Premiere in der ersten Sturmreihe

"Das war unglaublich. Ich hatte natürlich gehofft, dass ich im Laufe der Saison hochgezogen werde. Aber dass es so schnell gehen würde, daran war nicht zu denken", sagt Rieder. Und die größere Überraschung sollte noch folgen. Als er vor der Partie den Besprechungsraum betrat, stand auf einer Tafel schon die Mannschaftsaufstellung. In der ersten Sturmreihe las Rieder seinen Namen, dahinter die Nummer acht. Er musste sich erst mal bei Teamkollegen vergewissern, dass er tatsächlich die Nummer acht habe und keine Namensverwechslung vorlag.

Im Spiel erzielte Rieder das Tor zum zwischenzeitlichen 6:3, die Coyotes siegten 6:5. Es war das erste Mal seit Marco Sturm 1997, dass ein Deutscher gleich in seinem ersten NHL-Spiel traf. Mehr als vier Jahre nachdem Rieder seinen Heimatklub EV Landshut verlassen hatte, war er endlich in der amerikanischen Top-Liga angekommen. Nachdem er sich von 2010 an drei Saisons bei den Kitchener Rangers in der Ontario Hockey League und mehr als ein Jahr bei den Pirates durchgeschlagen hatte.

Von den Oilers ausgewählt und nach Arizona abgegeben

"Die Zuversicht, den Sprung in die NHL zu schaffen, war aber immer da", sagt Rieder. Bei der Draft 2011 war er von den Edmonton Oilers an 114. Stelle ausgewählt worden, hatte für den NHL-Klub aus Kanada aber keine Sekunde gespielt. Im März 2013 war er an die Coyotes abgegeben worden. Dass die Oilers mit ihrer Entscheidung womöglich danebenlagen, erlebten sie am 1. Dezember.

Die Coyotes gastierten in Edmonton, Rieder traf auf seinen Landsmann Leon Draisaitl. Der 19-Jährige gilt als das deutsche Ausnahmetalent schlechthin, sein Spitzname lautet "The German Gretzky", in Anlehnung an Eishockey-Ikone Wayne Gretzky, der einst bei den Oilers zum Helden wurde. Draisaitl war in den deutschen Medien das Thema Nummer eins, wenn es um die NHL ging. Er stand auf dem dritten Platz der Draft-Liste der Oilers.

Im Spiel gegen die Coyotes führte Edmonton 1:0 und war in Überzahl, als Rieder zu Beginn des zweiten Drittels den Puck abfing und zum 1:1 traf. Keine Minute später legte er das 2:1 nach (hier die Tore im Video). Zwei Unterzahltore binnen 58 Sekunden waren zuvor noch nie einem Rookie in der NHL-Geschichte gelungen. Die Coyotes gewannen 5:2, und Rieder hatte Draisaitl in den Schatten gestellt.

"Ich stehe hier jeden Morgen mit einem Lächeln auf, weil ich meinen Traum lebe", sagt Rieder. Er hat in mittlerweile 25 Spielen vier Tore erzielt und drei Vorlagen gegeben. Für einen Rookie überdurchschnittliche Werte. "Er ist ein cleverer Spieler, der mit Intelligenz und hohem Tempo agiert", lobt Coyotes-Trainer Dave Tippett. "Tobi hat eine große Karriere vor sich."

Nur die Sache mit der eigenen Wohnung hat nicht so ganz geklappt, weil Rieder nicht alleine wohnen wollte. Er zog einfach zu Teamkollege Connor Murphy, mit dem er bereits vergangene Saison bei den Portland Pirates zusammenspielte. Damals träumten sie noch gemeinsam von der NHL.

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1.
jazcoleman 29.12.2014
"überdurchschnittliche" werte für einen rookie? unter den rookies liegt er mit seinen 7 punkten an 27. stelle - nochmal, unter den rookies, wohlgemerkt (immerhin aber noch 2 plätze vor draisaitl). und der mythos, dass draisaitl "german gretzky" genannt wird, wird sich in deutschland wohl bis an sein lebensende halten - in nordamerika gibts niemanden, der einen (im moment noch) überforderten rookie beim schlechtesten team der nhl so bezeichnet.
2.
countrushmore 29.12.2014
Zitat von jazcoleman"überdurchschnittliche" werte für einen rookie? unter den rookies liegt er mit seinen 7 punkten an 27. stelle - nochmal, unter den rookies, wohlgemerkt (immerhin aber noch 2 plätze vor draisaitl). und der mythos, dass draisaitl "german gretzky" genannt wird, wird sich in deutschland wohl bis an sein lebensende halten - in nordamerika gibts niemanden, der einen (im moment noch) überforderten rookie beim schlechtesten team der nhl so bezeichnet.
Wenn man bedenkt, dass es in dieser Saison bisher 127 Rookies gab, stimmt das doch.
3.
Linden70 29.12.2014
Zitat von jazcoleman"überdurchschnittliche" werte für einen rookie? unter den rookies liegt er mit seinen 7 punkten an 27. stelle - nochmal, unter den rookies, wohlgemerkt (immerhin aber noch 2 plätze vor draisaitl). und der mythos, dass draisaitl "german gretzky" genannt wird, wird sich in deutschland wohl bis an sein lebensende halten - in nordamerika gibts niemanden, der einen (im moment noch) überforderten rookie beim schlechtesten team der nhl so bezeichnet.
1.) 2 Shorthander, noch dazu in einem Spiele, sind überdurchschnittlich, das ist erstmal ne Duftmarke. Natürlich muss er das bestätigen. Wenn er am Ende der Saison (Tendenz) auf 20-30 Punkte kommt, ist das völlig OK (wie Marco Sturm in seiner Rookie-Saison). 2.) ...und was Draisaitl angeht: er wurde an 3. Stelle gedraftet (vor Marcel Goc oder Marco Sturm, die auch in der 1. Runde gezogen wurden) und ist damit in dieser Hinsicht der beste Deutsche. Seine Sporen hat er sich in einer Nordamerikanischen Juniorenliga verdient. Er hat einfach Pech, dass er bei den Oilers spielt, die z.Z. das schlechteste Team der NHL sind. Die sind so schlecht, dass sie ihn halt jetzt schon brauchen, auch wenn er noch nicht NHL-ready ist. In einer stabileren Franchise könnte er in den Minors reifen.
4.
optimus_prime 29.12.2014
Zitat von Linden701.) 2 Shorthander, noch dazu in einem Spiele, sind überdurchschnittlich, das ist erstmal ne Duftmarke. Natürlich muss er das bestätigen. Wenn er am Ende der Saison (Tendenz) auf 20-30 Punkte kommt, ist das völlig OK (wie Marco Sturm in seiner Rookie-Saison). 2.) ...und was Draisaitl angeht: er wurde an 3. Stelle gedraftet (vor Marcel Goc oder Marco Sturm, die auch in der 1. Runde gezogen wurden) und ist damit in dieser Hinsicht der beste Deutsche. Seine Sporen hat er sich in einer Nordamerikanischen Juniorenliga verdient. Er hat einfach Pech, dass er bei den Oilers spielt, die z.Z. das schlechteste Team der NHL sind. Die sind so schlecht, dass sie ihn halt jetzt schon brauchen, auch wenn er noch nicht NHL-ready ist. In einer stabileren Franchise könnte er in den Minors reifen.
Draisaitl und die Oilers wird für ihn persönlich nicht gut enden. Als Rookie ist es am besten wenn man in einem Team speielt das wenigstens die Chance hat die Play Offs zu ereichen.Egal ob man dann in der ersten Runde ausscheidet. Letztes Jahr haben nur die Montreal Canadians als einziges Team aus Canada die Play Offs erreicht. Ich hoffe wenigstens auf 2 Teams aus Canada diese Saison.
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Eishockey-Glossar
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Ein Torwart, zwei Verteidiger und drei Angreifer stehen zeitgleich auf dem Eis. Die Stürmer sind in einen Center, der die Bullys spielt, und zwei Flügelstürmer aufgeteilt - eine sogenannte Reihe. Jede Mannschaft verfügt über je drei bis vier Sturm- und Verteidigungsreihen, die abwechselnd zwischen etwa 30 und 60 Sekunden auf dem Eis stehen.

Gängig ist dabei, dass einzelne Reihen besondere Aufgaben haben und daher in speziellen Situationen eingesetzt werden. So sollen die ersten beiden Reihen vorwiegend die Tore schießen und spielen deshalb auch in Überzahl. Die dritte, oft als "checking line" bezeichnet, ist dagegen eher defensiv orientiert und soll die Top-Reihen des Gegners ausschalten. Eine ähnliche Aufgabe hat Reihe vier, die oft auch deshalb aufs Eis geschickt wird, um den Top-Spielern eine Verschnaufpause zu ermöglichen.

Die Stanley-Cup-Sieger seit 2000*
Jahr Gewinner Saison-MVP
2015 Chicago Carey Price
2014 Los Angeles Sidney Crosby
2013 Chicago A. Owetschkin
2012 Los Angeles Jewgeni Malkin
2011 Boston Corey Perry
2010 Chicago Henrik Sedin
2009 Pittsburgh A. Owetschkin
2008 Detroit A. Owetschkin
2007 Anaheim Sidney Crosby
2006 Carolina Joe Thornton
2004 Tampa Martin St. Louis
2003 New Jersey Peter Forsberg
2002 Detroit José Théodore
2001 Colorado Joe Sakic
2000 New Jersey Chris Pronger
*2004/2005 fiel die komplette Saison wegen eines Tarifstreits zwischen Team-Besitzern und Spielern aus

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