Der Umkleideraum des EC Bad Tölz versprüht den typischen Charme einer Eishockey-Kabine. Es riecht nach Füßen, Schweiß und Herren-Deo. Das Training ist gerade vorbei, die Männer schälen sich aus ihrer Ausrüstung und gehen duschen. Josef Kottmair lümmelt schon auf seinem Platz und schaufelt einen Berg Nudeln in sich hinein. "Pure Energie", sagt er. Ein anderer rülpst.
Zwischen den halbnackten, muskelbepackten Männern hockt Viona Harrer, 26, auf einer Holzbank und zupft ihren Pferdeschwanz zurecht. Mit ihrer zierlichen Figur und den weißen Ohrsteckern wirkt sie wie eine Spielerfrau, die sich in der Tür geirrt hat. Doch die Männer vom EC Bad Tölz beachten sie kaum. Für sie ist Harrer in erster Linie ihre Nummer eins im Tor. Dass sie eine Frau ist, interessiert sie nicht mehr.
Harrer, Sportsoldatin bei der Bundeswehr, ist im deutschen Eishockey eine Ausnahmeerscheinung. Zusammen mit ihren Nationalmannschaftskolleginnen Jennifer Harß und Ivonne Schröder ist sie die einzige Frau, die in einem höherklassigen Männerteam spielt. Möglich macht das eine im Teamsport einmalige Regel.
Harrer wehrte schon als Grundschülerin Pucks ab
Auf dem Mannschaftsfoto inmitten der breitschultrigen Männer sieht Harrer dennoch aus wie die Lösung eines Suchbildes: Finden Sie den Fehler. Als der Drittligist Bad Tölz die 1,68 Meter große und 55 Kilogramm leichte Harrer zu Saisonbeginn verpflichtete, waren die Fans skeptisch: Eine Frau soll den abgewanderten Stammtorhüter Andreas Jenike ersetzen? Das würde niemals gut gehen.
Dabei hatte Harrer zuvor bereits vier Jahre für die Drittliga-Männer des TSV Erding gespielt. Bei den Anhängern war sie beliebt, der Fanshop verkaufte Schals mit dem Aufdruck "Rock it Baby". In Bad Tölz dagegen hätten die Fans ihr die Rolle als Nummer eins nicht zugetraut, sagt Trainer Florian Funk. Harrer hat gelernt wegzuhören. "Man darf Männer und das Gerede der Fans nicht so ernst nehmen", sagt sie. Seitdem sie Bad Tölz in die Playoffs geführt hat, beschwert sich in der oberbayerischen Eishockey-Metropole niemand mehr.
Mit fünf Jahren stand Harrer beim SB Rosenheim das erste Mal auf Kufen und trainierte von Beginn an mit Jungs, weil es im Nachwuchsbereich kein Mädchenteam gab. Sie kommt aus einer Eishockey-Familie, in der schon der Opa Spieler übers Eis scheuchte. Vater Siegfried ist Torwarttrainer beim Erstliga-Club EHC Wolfsburg und zeigte seiner Tochter bereits im Grundschulalter, wie sie den bis zu 200 Stundenkilometer schnellen Puck am besten fängt.
Als Jugendspielerin war Viona Harrer oft "bockig", wie sie sagt. Den Rat des Vaters befolgte sie bisweilen ungern und pfefferte auch mal den Schläger in die Ecke, wenn ihr etwas nicht passte. Heute sagen die Teamkollegen über Harrer, dass sie "nicht auf die Klappe gefallen" sei. Die Frau, die bereits 134 Länderspiele für die Frauen-Nationalmannschaft bestritten hat und im April nach Ottawa zu ihrer achten Weltmeisterschaft fährt, weiß inzwischen, wie sie ihren Ehrgeiz in die richtigen Bahnen lenkt. Siebenmal pro Woche trainiert Harrer, fast jeden Morgen geht sie in den Kraftraum, macht Situps, Liegestütze und Klimmzüge. "Eine solche Selbstdisziplin habe ich selten erlebt", sagt Trainer Funk.
Rücksichtnahme unerwünscht
Im Training erwartet Harrer scheinbar ungerührt den Hagel der Schüsse. Einer nach dem anderen fahren die Teamkollegen auf ihr Tor zu und feuern den Puck in ihre Richtung. Mit einer schnellen Bewegung der Schulter wehrt sie schon den ersten ab. "Viona macht sich nicht viel aus Schmerzen", sagt Trainer Funk, "sie ist zäh". Zwei Kreuzbandrisse und einen Handwurzelbruch hatte Harrer schon. Damit ihr Schlüsselbein nicht ständig blaue Flecken bekommt, wenn sie der Puck zwischen Helm und Brustpanzer trifft, hat sie sich aus alten Schulterpolstern eine zusätzliche Einlage gebastelt.
Harrer zähle bei den Frauen "zu den sechs besten Torhütern der Welt", sagt Nationaltrainer Peter Kathan. Bei den Männern hat sie sich durchgesetzt, weil sie ihren Größennachteil geschickt ausgleicht. Sie ist schneller am Boden und beweglicher als die Konkurrenten.
Die Männer des EC Bad Tölz schätzen Harrers Gespür für das Spiel. Eine Sonderbehandlung bekommt sie als Frau nicht, nur zum Duschen und Anziehen der Schwitzwäsche geht sie in einen anderen Raum. "Mein ganzes Leben habe ich mich mit Jungs gemessen. Da erwarte ich doch jetzt keine Rücksichtnahme", sagt sie fast ein wenig schnippisch.
Harrer findet das Aufsehen um ihre Person ziemlich befremdlich. Dass sie plötzlich Fernsehteams befragen, nur weil sie mit Männern Eishockey spielt, lässt sie müde lächeln. "Viel berichtenswerter ist doch, dass wir mit der Frauen-Nationalmannschaft die Qualifikation für Olympia 2014 geschafft haben", sagt sie. Die vermeintlich starken Männer werden in Sotschi erstmals fehlen.
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