Brutale Eishockey-Profiliga Der Bandenkrieg

Unfaire Checks, Prügeleien, schwere Verletzungen: Die NHL-Playoffs waren schon immer hart, doch in diesem Jahr haben die Unsportlichkeiten eine neue Dimension erreicht. Das bringt hohe Einschaltquoten, aber die Spieler riskieren ihre Gesundheit. Jetzt hat die Liga eine drastische Strafe verhängt.

Von Nils Lehnebach

REUTERS

Hamburg - Brendan Shanahan ist halb Lehrer, halb Richter. Er ist Vizepräsident der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL, zuständig für die Sperren der Profis. Seine Entscheidungen inszeniert Shanahan in kurzen Videos, er erklärt die Regeln und erläutert sie. Am Samstag hatte er sich mit Raffi Torres zu beschäftigen. Der Stürmer der Phoenix Coyotes hatte vergangene Woche seinen Gegenspieler aus Chicago, Marian Hossa, einfach umgesprungen, der Puck war weit entfernt.

Shanahan beschreibt in den Videos die Vergehen, erzählt von vorherigen Attacken Torres', erwähnt die Verletzungsfolgen. Insgesamt elfmal wird der fiese Check gezeigt, dazu fünf frühere Attacken von Torres. Am Ende sperrt er den Stürmer für 25 Partien. Erst drei Spieler in der über 90 Jahre alten NHL-Geschichte mussten länger pausieren. Shanahan wollte ein Zeichen für die Öffentlichkeit setzen.

Denn eigentlich braucht die NHL Spieler wie Torres, sie sorgen für Schlagzeilen. Die ganz wilden Prügler werden "Enforcer" genannt, sie sollen die Top-Spieler des Gegners bearbeiten - und die Fans unterhalten. Checks und Prügeleien begeistern diese oft mehr als Tore. Und die NHL braucht begeisterte Zuschauer, sie steht seit langem im Schatten der großen Ligen NFL (Football), NBA (Basketball) und MLB (Baseball).

In diesen Playoffs hat sich für die Liga eine große Chance ergeben. Erstmals überträgt mit der NBC ein landesweit empfangbarer TV-Sender alle Playoff-Spiele. Und die Spieler scheinen verstanden zu haben, was von ihnen gefordert wird. Nashvilles Kapitän Shea Weber nahm in der Partie gegen Detroit den Kopf von Henrik Zetterberg und schlug ihn gegen das Plexiglas. Die Fans jubelten. Weber wurde nicht gesperrt.

158 Strafminuten in einer Partie

Zwei Tage später streckte Pittsburghs Arron Asham seinen Gegenspieler Brayden Schenn von Philadelphia mit einem Crosscheck auf die Brust nieder, prügelte dann auf ihn ein. Er wollte seinen Mitspieler Paul Martin rächen, den Schenn zuvor hart gecheckt hatte. Seine Sperre: vier Spiele. Und die Zuschauer schalten ein, sie lieben die harte Spielweise. Das dritte Spiel in der Serie zwischen Pittsburgh und Philadelphia sahen, mit Ausnahme der Finalspiele, die meisten TV-Zuschauer der vergangenen zehn Jahre.

In der Partie gab es neben der Attacke von Asham weitere harte Checks, insgesamt 158 Strafminuten und zahlreiche Prügeleien. Sogar Eishockey-Superstar Sidney Crosby ließ sich auf eine Rauferei ein. Spiele zwischen den Flyers und Penguins haben aufgrund der Rivalität schon länger den Beinamen "Battle of Pennsylvania". Nie war er treffender als derzeit.

Dabei wissen alle, wie schlimm die Folgen der Attacken sind. Gerade Crosby, 2009 Stanley-Cup-Sieger mit Pittsburgh und ein Jahr später Olympiasieger mit Kanada. Anfang 2011 zog er sich bei einem Check eine Gehirnerschütterung zu, die Saison war für ihn beendet. Am 21. November gab er sein Comeback beim 5:0 gegen die New York Islanders, erzielte zwei Tore und bereitete zwei weitere vor. Sieben Partien später kehrten die Symptome zurück, Crosby musste wieder pausieren und konnte erst Mitte März zurück aufs Eis. Seitdem spielt er - bis die nächste Gehirnerschütterung kommt.

"Second Impact Syndrome": Kopfschmerzen und Gedächtnislücken

Gefährlich für den Kopf wird es, wenn die erste Gehirnerschütterung noch nicht ausgeheilt ist, der Spieler trotzdem wieder spielt und sich eine weitere zuzieht. Das sogenannte Second Impact Syndrome kann Spätfolgen wie Kreislaufzusammenbrüche, Wahrnehmungsschwierigkeiten und den Verlust der Seh- und Lungenfunktion verursachen.

Stefan Ustorf kennt den Begriff. Der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und der Eisbären Berlin ist 38 Jahre alt. Eigentlich könnte er noch spielen, doch seit Anfang Dezember muss er pausieren. Er hatte unzählige Gehirnerschütterungen, nun leidet er an einem Schädel-Hirn-Trauma. Er hat ständig Kopfschmerzen, Reden ermüdet ihn. Wenn er Pech hat, ist er in zehn Jahren ein Pflegefall.

Eric Lindros war vor knapp 20 Jahren das, was Crosby heute ist. Der 39-Jährige, ebenfalls Center und in seinem Jahrgang an Position eins gedraftet, galt wie Crosby als "The Next One", als legitimer Nachfolger von Kanadas Eishockey-Idol Wayne Gretzky. Und Lindros lieferte entsprechende Leistungen, holte 2002 Olympia-Gold und schoss knapp 400 NHL-Tore. Doch irgendwann wurde es zu viel. Offiziell hatte er acht Gehirnerschütterungen, inoffiziell wohl einige mehr.

Letztens hat Lindros eine Geschichte aus seiner Zeit bei den Philadelphia Flyers erzählt. Nach einer Partie war er außer sich, verstand die Welt nicht. Er erkannte die Duschen nicht wieder. Dabei war er sich sicher, dass die Flyers ein Heimspiel hatten. Aber sie hatten auswärts gespielt, in Pittsburgh. Lindros hatte es vergessen.



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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
mccash 24.04.2012
1.
Die spätrömische Dekadenz kehrt zurück - panem et circenses. Die gewollte Volksverblödung kennt keine Grenzen.
kurt-aus-kienitz 24.04.2012
2. Das könnte ...
... natürlich der Grund sein, weshalb die Amis erst 2 mal Eishockey-Weltmeister waren ;-)
M. Michaelis 24.04.2012
3.
Zitat von mccashDie spätrömische Dekadenz kehrt zurück - panem et circenses. Die gewollte Volksverblödung kennt keine Grenzen.
Mit Volksverblödung hat das nichts zu tun, wenn schon dann mit blödem Zuschauervolk das Blut sehen will.
Crom 24.04.2012
4.
Zitat von mccashDie spätrömische Dekadenz kehrt zurück - panem et circenses. Die gewollte Volksverblödung kennt keine Grenzen.
Lassen Sie mich raten, Sie gehen mit gutem Beispiel voran?
erst_denken 24.04.2012
5. Und Kanada?
Zitat von kurt-aus-kienitz... natürlich der Grund sein, weshalb die Amis erst 2 mal Eishockey-Weltmeister waren ;-)
Die NHL ist die noramerikanische Profiliga, auch wenn von 30 Teams nur 7 aus Kanada sind. Aber Kanada ist 24mal Weltmeister geworden. Die Logik stimmt also nicht ganz. ;-)
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