Deutschland vor der Eishockey-WM Jetzt kommen die echten Gegner

Nach Olympia ist vor der WM: Die Erwartungen an die deutsche Eishockeymannschaft sind nach der Silbermedaille hoch. Doch diesmal sind die gegnerischen Teams deutlich stärker besetzt.

Nationalspieler Dominik Kahun
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Nationalspieler Dominik Kahun


Der Eishockeytrainer Marco Sturm scheint während der Arbeitszeit mit lediglich zwei Gemütszuständen auszukommen. Da kann ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft noch so aufregend sein, Sturm bleibt stets gelassen.

Spricht er jedoch mit Reportern, wirkt der 39-Jährige auffallend gut gelaunt. Dann lächelt und lacht er, auch dieser Tage im dänischen Herning, wo für sein Team am Abend die Weltmeisterschaft mit dem Spiel gegen den Gastgeber beginnt (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sport 1).

Die Höflichkeit im Zwiegespräch habe er sich in Nordamerika angeeignet, hat Sturm einmal gesagt. 14 Saisons hat der 39-Jährige als Profi in der National Hockey League (NHL) verbracht. Früher oder später will er als Trainer dorthin zurückkehren. Die wahre Eishockey-Welt, das sind ihn nun mal Kanada und die USA.

Marco Sturm
DPA

Marco Sturm

Da war es eine Ironie der Geschichte, dass Sturm ausgerechnet seinen größten Erfolg ohne Profis aus Übersee gefeiert hat, weil die NHL und ihre Farmteam-Ligen die Saison nicht für die Olympischen Spiele unterbrechen wollten. Die Deutschen nutzten die historische Gelegenheit und gewannen sensationell Silber in Pyeongchang.

Qualität der Gegner deutlich höher als bei den Olympischen Spielen

In Dänemark sind nun zumindest Spieler von den Klubs dabei, die die Playoffs nicht erreicht haben oder bereits ausgeschieden sind. Zur Freude Sturms, weil es darunter auch ein paar Deutsche gibt, mit denen er sein Team auffüllen kann. Was nötig wurde, weil im WM-Kader nur noch zehn Silbermedaillengewinner stehen. Manche wie Christian Ehrhoff sind zurückgetreten, andere wie Danny aus den Birken haben abgesagt, wieder andere wie Sinan Akdag wurden nicht nominiert. Knapp zehn Wochen nach dem Erfolg in Südkorea ist das Team im Umbruch. Was die Aufgabe in Dänemark besonders knifflig macht.

Einerseits soll Sturm die neue Aufmerksamkeit nutzen, um Fans, Sponsoren und Medien für das deutsche Eishockey zu begeistern, andererseits muss er die Erwartungen dämpfen, damit die Enttäuschung nachher nicht zu groß wird. "Wir müssen uns wieder hinten anstellen", hat Sturm deswegen gesagt. An eine Wiederholung des Olympia-Erfolgs glaubt kaum jemand. Was vor allem an der Qualität der Gegner liegt, die deutlich höher ist als in Südkorea.

"Die Amerikaner, die Kanadier, die Schweden und viele andere haben jetzt NHL-Spieler dabei, für den normalen Zuschauer haben wir vielleicht mehr Druck, aber wir wissen, dass wir vor derselben schweren Aufgabe stehen wie in den letzten Jahren. Daran hat Olympia nichts geändert", sagt Dennis Seidenberg, selbst NHL-Profi bei den New York Islanders und nun Kapitän in Dänemark (Lesen Sie hier ein Interview mit Dennis Seidenberg und seinem Bruder Yannic). Auch Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers mahnt: "Wir sind immer noch ein kleines Eishockey-Land."

Hoffnungen ruhen vor allem auf Leon Draisaitl

Das Ziel ist das Viertelfinale. Dafür müssen die Deutschen mindestens Vierter in der Gruppe werden. Was hinter Kanada, den USA und Finnland möglich ist, aber dennoch schwierig wird. Dänemark und Lettland haben dasselbe Ziel - und ähnliche Chancen. Entsprechend wichtig ist das Duell mit den Dänen, die von 11.000 Fans in der seit Wochen ausverkauften Halle nach vorne geschrien werden dürften.

Auf Draisaitl kommt dabei eine besondere Rolle zu. Er ist nicht nur der beste deutsche Eishockeyspieler seit Jahrzehnten, er ist der Motor des Spiels - auch gedanklich. Damit seine Ideen nicht verpuffen, hat Sturm weitere flinke Leute dabei. Auch welche, die hierzulande kaum jemand kennt, weil sie früh nach Nordamerika gingen, den Sprung in die NHL aber noch nicht geschafft haben. Stören kann Sturm das nicht, weil das Niveau auch in den unteren Ligen hoch ist.

Superstar Leon Draisaitl
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Superstar Leon Draisaitl

Bereits im vergangenen Jahr bei der Heim-WM in Köln hatte der Bundestrainer auf so jemanden gesetzt: Frederik Tiffels wurde mit seinem Penaltytreffer im entscheidenden Gruppenspiel gegen Lettland zu einem der Gesichter der WM. Nun sucht Sturm den nächsten Tiffels und hat Spieler wie Markus Eisenschmid, Manuel Wiederer und Marc Michaelis nominiert - alle Anfang 20, alle gute Schlittschuhläufer. Sturm sagt: "Wir sind jetzt ein bisschen schneller, ein bisschen jünger, das ist das momentane Eishockey."

Neben den drei Neuen und Draisaitl gilt das vor allem für Dominik Kahun vom Meister EHC München. Der freut sich über die neuen im Kader: "Junge Beine, viel Tempo. Es kommen immer jüngere Spieler hinzu, auch in der NHL", sagt Kahun und könnte damit sich selbst meinen. Er wechselt im Sommer zu den Chicago Blackhawks in die NHL. Dem Sehnsuchtsort aller Eishockeyspieler. Und Trainer.



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Faceoff 04.05.2018
1. Viertelfinale?
Wenn es wirklich gut läuft, ist das Viertelfinale drin, das wäre absolut ein Erfolg. Leider haben ja einige Stammspieler nach der Silbermedaille ihre internationale Karriere beendet, besonders den Reimer vermisse ich. Evt. ist bereits die Begegnung heute gegen die Dänen richtungsweisend. Das wird ein schweres Spiel.
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