Eishockey-WM in Deutschland Letzte Rettung vor Rekordkulisse

Es soll ein Spiel der Superlative werden: Zum Auftakt der Eishockey-WM spielt das DEB-Team in der Schalker Arena gegen die USA. Werbung in eigener Sache hat die Disziplin in Deutschland bitter nötig: Die Jugendarbeit offenbart Defizite, dem Kufensport droht der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

Von Carsten Eberts

DPA

Wo sonst Fußballrasen liegt, wird eine weiße Eisfläche glänzen, um sie herum stehen mobile Tribünen, 30 Sitzreihen hoch, damit die Fans ganz nah an das Spielfeld heran rücken können. Seit Wochen ist das Spiel ausverkauft. Es soll ein Spektakel werden, ein Weltrekord, denn ein WM-Spiel vor 76.152 Zuschauern in einem Fußballstadion, das gab es noch nie.

Am Freitagabend beginnt die Eishockey-Weltmeisterschaft in Deutschland. Austragungsorte der 56 Partien sind Köln und Mannheim, nur das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und den USA wurde ausgelagert: in die Gelsenkirchener Arena "Auf Schalke". Eine Woche lang wurde das Stadion umgebaut, die 60 mal 30 Meter lange Eisfläche installiert, acht Kältemaschinen und vier schwere Dieselgeneratoren kühlen das Eis auf minus zwölf Grad herunter.

Das deutsche Eishockey setzt große Hoffnungen in die Heim-WM. Sie soll die Initialzündung sein, für eine Zukunft, in der mehr Kinder zum Eishockey finden. In der das Fernsehen die Ligaspiele live im Free-TV überträgt. Bislang stehen in Deutschland andere Sportarten auf einem gesicherten Fundament: der Fußball, weil er alles überstrahlt; auch Biathlon, weil es zur richtigen Zeit deutsche Stars produziert hat; der Handball, der sich erfolgreich eine Nische gesucht hat.

Dorthin will auch das deutsche Eishockey. Der Weg jedoch ist weit.

Uwe Krupp sitzt im Restaurant der Hamburger "O2 World Hamburg", wo die deutsche Mannschaft drei Tage vor der WM ihr letztes Testspiel gegen Kanada bestritten hat, was 1:4 verloren ging. Der Bundestrainer trägt einen schwarzen Anzug, rote Krawatte, löffelt hastig eine Suppe. Er sieht müde aus, abgekämpft, will unbedingt den Flieger nach München erwischen, dann mit dem Auto nach Füssen, wo er mit seinen Nationalspielern zusammentrifft. Weil die Playoffs in der DEL bis Ende April dauerten, stand Krupp sein komplettes Team wieder einmal erst kurz vor der WM zur Verfügung. In der NHL wird immer noch gespielt. Ständig stießen neue Spieler dazu, die Mannschaft wechselte beinahe täglich ihr Gesicht. "Es ist wie es ist", sagt Krupp.

Seitdem Krupp 2005 Bundestrainer wurde, hat er immer wieder Veränderungen gefordert. Er wollte mehr Zeit für seine Nationalmannschaft, er wollte die DEL-Clubs zur Nachwuchsarbeit verpflichten, er wollte ein sogenanntes Draftingsystem einführen, das den schlechtesten Teams Zugriff auf die besten Jugendspieler gestattet.

"Mit denen müssen wir uns gar nicht messen"

Doch Ergebnisse lassen auf sich warten. "Man muss auch Leute haben wie Uwe, die einfach mal Ideen in den Raum stellen. Auch wenn diese nicht immer umsetzbar sind", sagt der deutsche Verbandspräsident Uwe Harnos.

Vor allem Gernot Tripcke, der Geschäftsführer der DEL, lächelt Krupps Vorschläge immer wieder weg. Er gestattet keine Eingriffe in seine Liga. Die Idee eines Draftingsystems ist mit dem deutschen Arbeitsrecht ohnehin nicht vereinbar. Von der WM, sagt Tripcke, erwarte er "keinesfalls Wunderdinge".

In Schweden, Finnland oder der Schweiz strömen Kinder zu Tausenden in die Vereine. Jedes Jahr rücken Talente in die höchste Liga auf. Die Finalspiele sind nationale Ereignisse, das Fernsehen überträgt live. Dort ist Eishockey Volkssport.

Deutschland droht der Anschlussverlust. "Mit denen müssen wir uns gar nicht messen", sagt Harnos. "Ich fahre auch nicht mit einem Trabbi die 24 Stunden von Le Mans." Hierzulande funktioniert Eishockey eben anders. Junge Talente haben es schwer, sich in der ersten Liga durchzusetzen. Krupp hat sich immer wieder den Mund fusselig geredet. Der Suppenteller ist leer, es sprudelt aus ihm heraus. "Momentan leben wir von sieben Vereinen, die professionelle Jugendarbeit betreiben", sagt Krupp. Er meint Mannheim, Berlin, Köln und Iserlohn, auch die Zweit- und Drittligisten aus Landshut, Bad Tölz und Rosenheim. Krupp sagt: "Mit Ländern, in denen Nachwuchsarbeit zur Kultur gehört, können wir einfach nicht mithalten."

"Lieber zwei Ausländer auf die Tribüne, als in die Jugend zu investieren"

In Mannheim stapft mit den schweren, ausfallenden Schritten eines ehemaligen Weltklassetorhüters Helmut de Raaf durch die langen Gänge. Zehn Autominuten von der SAP-Arena entfernt haben die Adler Mannheim ein Internat für ihre Jugendspieler, die "Jungadler". De Raaf, der 114 Länderspiele für Deutschland bestritt, leitet das Projekt. Auch er sagt: "Überall in Europa haben alle Erstligisten eine Jugendmannschaft in der ersten Nachwuchsliga. In Deutschland sind es sechs. Wir setzen lieber zwei Ausländer auf die Tribüne, als in die eigene Jugend zu investieren."

Das Problem im deutschen Eishockey sind die alten Spieler. Es gibt zu viele von ihnen. Sie leben von ihrer Erfahrung statt vom Körpereinsatz. Das Spiel wirkt deshalb langsam und behäbig. Dabei funktioniert in Deutschland eine Sportart, sobald sie schnell und agil ist oder sich über ihre Jugendarbeit identifizieren lässt. Wie beim Handball: 350.000 Jugendliche betreiben diesen Sport. Die deutschen Stars spielen ihr Leben lang in der eigenen Liga. Das schafft Identität.

Stufenplan für die Jugend

Im deutschen Eishockey gibt es derzeit nur 27.000 Nachwuchsspieler. Zwar hat der DEB einen Stufenplan entwickelt, demzufolge sollen bis 2013 alle Proficlubs eine gewisse Anzahl an Jugendmannschaften stellen. Die Vereine haben zwar unterschrieben, echte Sanktionen drohen ihnen bei Nichterfüllen jedoch nicht. So spielen die guten Jugendspieler weiterhin in der zweiten oder dritten Liga. Die besten unter ihnen sehen zu, dass sie Deutschland möglichst schnell verlassen.

Im deutschen Eishockey ist immer noch Krupp der Mann mit der größten Strahlkraft. Andere Idole gibt es nicht. Marco Sturm, der in der NHL über 200 Tore erzielt hat, würde in einem deutschen Supermarkt niemand erkennen. In der Weltrangliste steht Deutschland hinter dem Zwei-Millionen-Einwohnerland Lettland. "In Lettland", sagt Krupp, "sind Eishockeyprofis Rockstars."

Die Heim-WM wird so zur verzweifelten Jagd nach positiven Schlagzeilen. Das Weltrekordspiel auf Schalke ist auch die Chance, sich bei riesigem Medieninteresse gegen einen übermächtigen Gegner zu beweisen. "Dieses Spiel muss die Lokomotive werden", sagt Krupp.

Für die Zwischenrunde braucht Deutschland in der Vorrunde allerdings gegen die USA, Finnland oder Dänemark einen Sieg. "Du musst Außergewöhnliches schaffen, damit die Leute aufmerksam werden", sagt Krupp.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pinarello, 07.05.2010
1. An Leo verkauft und mit ihm untergegangen!
Kann man wohl so sagen, als ehem. Eishockeyfan habe ich den Niedergang leidvoll miterlebt, nicht zu vergessen, daß der Eishockeysport in der Öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorkommt, seit sich die DEL alle TV-Rechte in ihrem Größenwahn an Leo Kirch verkauft hat, das Ergebnis ist bekannt. Seitdem geht es nur noch abwärts, wenn ich mir z. B. in meiner Zeitung jede Woche die Zuschauerzahlen aus Düsseldorf, Köln und Mannheim ansehen, dann ist der Laden wirklich am Ende, zu Bundesligazeiten war immer ausverkauft, daß in Düsseldorf die Halle nicht mal mehr zur Hälfte gefüllt ist, das war vor 20-25 Jahren völlig undenkbar, heute ist das die Realität.
stesoell 07.05.2010
2. Vorbei
Die DEL wurde bis zur Bewusstlosigkeit verkauft. Das mag in den USA funktionieren. Hier geht fast gar nix mehr.
krylosz, 07.05.2010
3. Kein FreeTV = keine Zuschauer
Ohne Präsenz im Free-TV ist das kein Wunder, daß sich niemand hier in Deutschland für Eishockey interessiert. Die kompletten Fernsehrechte ans Pay-TV abzutreten ist eine der hirnrissigsten Entscheidungen aller Zeiten. Wie sollen denn so Leute so überhaupt für den Sport begeistert werden? Ich persönlich mag Eishockey sehr gerne, aber durch die komplette Absenz jeglicher Berichterstattung ausserhalb von Sky und DSF (habe ich beides nicht) tendiert mein Interesse gegen null. Das sollten die Herren schleunigst ändern!
Rubeanus 07.05.2010
4. TV Fehlanzeige
Hatte mich schon gefreut, das Spiel zu sehen. Aber es wird bei Sport1 übertragen (das ist wohl der neue Name des DSF), was ich hier nicht empfangen kann. Schade.
stesoell 07.05.2010
5. Vorbei
Die DEL wurde bis zur Bewusstlosigkeit verkauft. Das mag in den USA funktionieren. Hier geht fast gar nix mehr.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.