Eiskunstlauf bei Olympia Das ist Kunst, das kann weg!

Warum Eiskunstlauf bei Olympischen Spielen nichts verloren hat.

Alina Zagitova (OAR)
AFP

Alina Zagitova (OAR)

Ein Kommentar von


Zweierbob, Shorttrack, Langlauf. Dabei sein ist alles - und ich bin gern dabei, zumindest vor dem TV. Gut zwei Wochen Wintersport in allerhöchster Dosierung, das Meldonium des kleinen Mannes. Männer, die mit einem Besen 20 Kilo schwere Steine millimetergenau "ins Haus" wischen? Frauen, die in einen zigarrenförmigen Schlitten springen und mit 140 Stundenkilometern durch die Eisbahn sausen? Einzel, Teamverfolgung, Mixed-Staffel? Her damit! I want it all.

Mit einem Wintersport kann ich allerdings nichts anfangen: Eiskunstlauf.

Warum? Weil diese Disziplin mit einem Grundversprechen des Sports bricht: dass es egal ist, wie du bei der Ausführung aussiehst. Es ist unerheblich, ob ein Skifahrer in groben, ruckartig-kraftvollen Bewegungen oder in eleganten flüssigen Schwüngen den Weg durch die gesteckten Tore nimmt. Wer die Strecke zwischen Start- und Ziellinie schneller zurücklegen kann als seine Gegner, hat gewonnen. Punkt. Der Uhr ist die Ästhetik egal. Beim Bob gibt's keine Kür.

Piper Gilles, Paul Poirier (CAN)
AP

Piper Gilles, Paul Poirier (CAN)

Natürlich ist Eiskunstlauf nicht die einzige Sportart, in der nicht nur das "was", sondern auch das "wie" über Sieg und Niederlage entscheidet. Auch die Haltungsnoten im Skispringen oder die Scores bei den Snowboardern und Freestyle-Skifahrern verursachen bei mir ein gewisses Maß an Unbehagen. Nur die Eiskunstläufer aber schleppen diese Wertungskomponente nicht verschämt durch den Wettkampf, sie tragen diesen Bruch sogar offensiv vor sich her. Zu pathosgeladener Musik und mit Pailletten besetzt.

Dann gehen Sie doch in die Eisrevue!

Aus "Schneller, höher, stärker" wird im Eiskunstlauf "Schneller, höher, schöner". Der Rest der Sportwelt setzt auf Funktionskleidung, die Eiskunstläufer auf Hemd und Abendkleid - wenn auch in sporttauglicher Abwandlung. Dauerlächeln, große Pose, aufwendige Frisuren, viel Make-up. Und aus den Hallenlautsprechern ertönen Puccini oder ein launiges James-Bond-Medley.

Während in der Halfpipe die Kriterien Höhe, Schwierigkeit, Ausführung und Vielfalt die Sportler trennen, achten Eiskunstlaufrichter zusätzlich auf Faktoren wie Komposition und Interpretation. Nicht das Resultat steht im Fokus, sondern immer auch die Wirkung. Hier wird nicht gemessen, hier wird gewertet. Ehrlich ist diese Disziplin nur in ihrem Namen: Sie heißt nicht Eissportlauf, sie heißt Eiskunstlauf. Wenn Sie sich verzaubern lassen wollen, gehen Sie bitte in eine Eisrevue, aber nicht zu den Olympischen Spielen.

Damit das niemand falsch versteht: Was die Eiskunstläufer dort vollbringen, ist wirklich spektakulär. Wer Aljona Savchenko und Bruno Massot bei ihrer Gold-Kür beobachtet hat, hat auch eine sportliche Höchstleistung gesehen. Koordination, Konzentration, Kondition, alles am Limit dessen, was Menschen leisten können. Wenn die Paare regelmäßig zum Ende ihres Programms mit dem letzten Takt als Höhepunkt der Choreografie zu Boden oder einander in die Arme sinken, beben ihre Körper zum Maximalpuls.

Das gilt allerdings auch für Ballett. Und dort gibt es keine olympischen Medaillen - sondern "nur" Applaus. Richtig so.



insgesamt 113 Beiträge
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schewatz 23.02.2018
1. Dieser Kommentar
zeigt exemplarisch die ganze Misere unserer effizienzbasierten neuen Zeit. Wenn man sich ernsthaft mit dieser Kurzsichtigkeit beschäftigen wollte, müsste man genauso fragen, wie wissenschaftlich optimierte Technik im Material zur Sportlichkeit passt im Wettkampf der Ingenieure und Mediziner.
Maverlized 23.02.2018
2. und curling ist ein Spiel …
… kein Sport. Sonst könnte man auch Skat und Schach olympisch werden lassen, hm? Sehen Sie, wie unsinnig und polemisch Ihr Beitrag ist? Zu Olympia gehört eben auch eine gewisse Tradition. Und Eiskunstlauf ist ein olympischer Klassiker mit Emotionen, der die Spiele trägt. Man erinnere sich nur an unsere Paarläufer. Der sog. „Olympische Gedanke“ beinhaltet nicht nur das „Schneller, Höher, Weiter“ Noch ein Aspekt: Wo Kunst benotet wird, hat Doping viel weniger Einfluss. Schon deshalb ist diese SPORTART olympischer als viele andere.
steph_der_r 23.02.2018
3. Richtig so.
viel mehr gibt's dazu wohl nicht zu sagen. verhält sich ähnlich mit Turmspringen, Synchronschwimmen und dieser Trippel-Trappel-Kür auf dem Pferd im Sommer.
neurobi 23.02.2018
4.
Volle Zustimmung. Mir fallen da noch die Haltungsnoten beim Skispringen ein, die mitunter dazu führen das jemand am weitesten springt und trotzdem nicht gewinnt.
Larnaveux 23.02.2018
5. Agent provocateur
Irgendwie scheint mir, dass Herr Helms den Auftrag bekommen hat, mal was ganz Provokantes zu schreiben. Und dann hat er gegrübelt, und dann ist dieses recht konfuse Werk hier herausgekommen. Wohlgemerkt, jedem ist es natürlich selbst überlassen, was man schön findet und was nicht, was man mag und was nicht. Ich kann zum Beispiel verstehen, wenn es Leute gibt, die sagen: "Ich mag keine dauerlächelnden Eiskratzer in Pailletten." Warum auch nicht? Ich schaue mir das auch nur selten an, weil es mir auf die Nerven geht, ein oder zwei Leute über das Eis schrammen und von Zeit zu Zeit hochhüpfen zu sehen, während irgendeine Melodie im Hintergrund dudelt, die aber in der Darbietung selten wirklich beachtet wird. Man könnte bei den allermeisten Vorführungen die häufig einfach nervende Musik austauschen, und es würde an der Darbietung der Läufer vermutlich überhaupt nichts ändern. Aber wie kommt Herr Helms darauf, dass es ein Grundversprechen des Sports ist, dass man aussehen kann, wie man will? Das ist doch vollkommener Humbug. Neben vollständig messbaren Wettkämpfen im Stile von höher-weiter-schneller gab es immer schon auch Wettbewerbe, in denen die Ästhetik mindestens teilweise eine große Rolle spielt. Eiskunstlauf ist eine der ältesten Disziplinen des modernen Sports, und Herr Helms beschreibt ja auch sehr schön, was für eine sportliche Höchstleistung die Läufer da vollbringen. Wenn auch in Pailletten. Und Ästhetik soll keine Rolle spielen? Da bringt der Artikel die Halfpipe-Wettbewerbe, die angeblich in ihrer Wertung nur mit Höhe, Schwierigkeit, Ausführung und Vielfalt zu tun haben, Eiskunstlauf aber zusätzlich mit Komposition und Interpretation. Und da muss ich wirklich schmunzeln, denn was sind denn die Halfpipe-Kriterien "Ausführung" und "Vielfalt"? Genau: "Vielfalt" ist auch eine Art von Komposition der Gesamtvorführung, und "Ausführung" ist nichts anderes als ein subjektiv gefallendes Kriterium, das in angeblich objektivierende Wertungskriterien gepresst wird. Im Prinzip gilt das auch für die Wertung der Sprungelemente. Warum ist Sprung A soviel wert, Sprung B aber nur soviel? Genau, weil es irgendwann einmal Leute subjektiv entschieden haben. Originell ist hierbei, dass oftmals Halfpipe-Wettbewerbe so stylish sind, dass man sie auch noch unter dröhnender Musik ertragen muss. Lustig: Ein Wettkampf, in dem Leute gleiten und springen und danach bewertet werden, alles zu irgendeiner Musik. Man könnte an Eiskunstlauf denken. Aber es ist Halfpipe. Ähnlich ist es beim Skispringen. Da gibt es sogar Haltungsnoten für die verschiedenen Phasen des Sprunges bis zum Auslauf. Es gewinnt bei weitem nicht derjenige, der am weitesten springt! Da gibt es Punktrichter, die BEWERTEN den Sprung. Wie auch die Leistung der Eiskunstläufer bewertet wird. Oder die der Halfpipe-Künstler. Herr Helms, Sie können gerne Eiskunstlauf blöd finden. Ich find's manchmal auch blöd (wobei ich zugeben muss, dass ich mir die Kür von Savchenko / Massot bestimmt ein Dutzend Mal angeschaut habe. Sensationell!!!). Ihr Argument allerdings, dass Eiskunstlauf sich von allen anderen Sportarten bei den Olympischen Spielen unterscheidet, ist hanebüchen, weil es einfach nicht stimmt.
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