Eisschnellläuferin Stephanie Beckert: Gundas stille Teilhaberin

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Stephanie Beckert gilt als größtes Talent im deutschen Eisschnelllauf. Über die olympische 3000-Meter-Strecke könnte sie in die Medaillenränge laufen und die Erfurter Tradition fortführen. Nur mit Interviews hat sie noch ihre Probleme.

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Deutsche Kufen-Herrlichkeit: Der Eis-Nachwuchs kommt
Stephanie Beckert soll mit 21 Jahren schon eine ganze Sportart retten. Eisschnelllaufen - das war in den vergangenen zehn Jahren die deutsche Premium-Disziplin im Frauen-Wintersport. Gunda Niemann-Stirnemann, Anni Friesinger, Claudia Pechstein - deren Erfolge und Eifersüchteleien gaben immer etwas zum Schreiben her. Niemann-Stirnemann hat längst aufgehört, Pechstein ist dopinggesperrt, Friesinger angeschlagen und vergrätzt - und Sprinterin Jenny Wolf, die verbliebene Gold-Bank für Vancouver, ist auch schon 32 und zudem kein Typ, der Glamour-Faktor mitbringt.

Also müssen neue Gesichter her, frische, erfolgreiche, skandalfreie Läuferinnen, die sich am besten auch noch gut in den Medien und bei Fotoshootings machen - und Stephanie Beckert, die am Sonntag über die 3000-Meter-Langstrecke (ab 22 Uhr Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) um die Medaillen mitläuft, soll all das erfüllen. Und das tut sie: Sie ist erst seit 2007 dabei, hat in diesem Winter zwei Weltcuprennen gewonnen und Pechstein den Deutschen Rekord über 3000 Meter entrissen. Skandalfrei ist sie sowieso: Wenn über Beckert geschrieben wird, dann darf nie der Hinweis fehlen, dass sie nur für ihren Sport lebe und außer ihrer Labradorhündin Trixie auch keinerlei Hobby habe - außer Eislaufen, Eislaufen und noch einmal Eislaufen. In ihrem Zimmer daheim in Erfurt hängt kein Poster von Mädchen-Schwarm Robert Pattinson, sondern eins von Gunda-Niemann-Stirnemann. Der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Helge Jansch, sagt über die junge Athletin: "Dass sich jemand so auf seinen Sport konzentriert, habe ich selten gesehen."

Nur mit der Selbstvermarktung läuft es noch ein bisschen holprig. Stephanie Beckert gehört zur schweigsamen Sorte, und das ist beinahe ein ganz neuer, durchaus sympathischer Zug im deutschen Frauen-Eisschnelllauf.

Sechs Geschwister stehen auf Schlittschuhen

Dieser Winter lief bisher gar nicht gut für die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Da war das Hickhack um Pechstein, die sich den Olympiastart trotz Sperre einklagen wollte, dann kamen die Störfeuer aus dem Friesinger-Lager hinzu, das einen heftigen Streit um den deutschen Teamarzt angezettelt hat und auch sonst keine besonders hoffnungsvollen Nachrichten für den olympischen Wettkampf produziert.

Geschichten über die Eisschnelllauf-verrückte Familie Beckert lesen sich in einer Olympiasaison für den Verband schließlich erheblich angenehmer als die Meldungen über die auffälligen Blutwerte der Claudia Pechstein. Sechs Kinder sind die Beckerts daheim, und alle stehen sie auf Schlittschuhen, und alle haben Talent. Und so müssen die Beckert-Geschwister - auch Stephanies 19-jähriger Bruder Patrick gehört zum deutschen Olympiateam - durch die Interview-Runden hindurch, in denen sie ewig gültige Sätze sagt wie "Ich will meine Zeiten erreichen, und dann werde ich sehen, wo ich stehe." Was muss und soll man von einer 21-Jährigen auch mehr erwarten?

Medaillenhoffnung wird heruntergeschraubt

Vielleicht sieht sie sich schon in wenigen Stunden auf dem Podest stehen. Die 3000 Meter, die den Auftakt der Frauen-Wettbewerbe auf der Olympiabahn machen, sind ihre Lieblingsstrecke - eine Distanz, die sie ebenso liebt, wie dies ihr Erfurter Vorbild Gunda Niemann-Stirnemann getan hat. Die wurde 1992 in Albertville und 1998 in Nagano Olympiasiegerin über diese Strecke. Und auch wenn Stephanie Beckert immer wieder sagt: "Mit Medaillen rechne ich überhaupt nicht", so tun die Verantwortlichen im Verband dies wohl, ohne es laut zu sagen. Beckert war in diesem Jahr schließlich häufig schneller als ihre 14 Jahre ältere Teamkollegin Daniela Anschütz-Thoms, die immerhin aller Welt erzählt, dass für sie diesmal nur ein Platz auf dem Treppchen in Frage komme. Einmal hat Beckert in diesem Winter sogar die Tschechin Martina Sablikova besiegt, die auf der 3000-Meter-Strecke als der Standard aller Dinge gilt.

Die Beckerts mit ihren daheim gebliebenen vier Kindern sitzen in Thüringen vor dem Fernseher. Trotzdem muss Stephanie Beckert nicht auf Unterstützung aus der Heimat verzichten. Wenn sie die 3000-Meter-Strecke in Vancouver in Angriff nimmt, dann ist es fast so wie in ihrem Zimmer in Erfurt. Gunda Niemann-Stirnemann, als Live-Kommentatorin fürs Fernsehen dabei, hat sie im Blick.

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1. ++
saul7 15.02.2010
Zitat von sysopStephanie Beckert gilt als größtes Talent im deutschen Eisschnelllauf. Über die olympische 3000-Meter-Strecke könnte sie in die Medaillenränge laufen und die Erfurter Tradition fortführen. Nur mit Interviews hat sie noch ihre Probleme. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,677779,00.html
nach der jetzt errungenen Silbermedaille wird sich auch eine lockere Haltung einstellen. Dann wird's auch mit Interviews klappen....
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Olympische Euphorie: Fans als Farbtupfer

Vancouver 2010
Die Olympischen Winterspiele in Kanada: Alle Sportstätten, Ereignisse, Medaillen im Überblick

Die 153 nominierten deutschen Sportler
Biathlon (12)
Frauen: Tina Bachmann, Martina Beck, Simone Hauswald, Andrea Henkel, Magdalena Neuner, Kati Wilhelm

Männer: Andreas Birnbacher, Michael Greis, Arnd Peiffer, Christoph Stephan, Simon Schempp, Alexander Wolf
Bob (18)
Frauen: Sandra Kiriasis, Christin Senkel – Cathleen Martini, Romy Logsch – Claudia Schramm, Janine Tischer

Männer: Karl Angerer, Gregor Bermbach, Alexander Mann, Alexander Rödiger – Thomas Florschütz, Richard Adjei, Andreas Barucha, Ronny Listner – Andre Lange, Kevin Kuske, Rene Hoppe, Martin Putze
Curling (10)
Frauen: Andrea Schöpp (Skip), Stella Heiss, Melanie Robillard, Corinna Scholz, Monika Wagner

Männer: Andreas Kapp (Skip), Daniel Herberg, Holger Höhne, Andreas Kempf, Andreas Lang
Eishockey (23)
Männer: Michael Bakos, Sven Butenschön, Christian Ehrhoff, Dennis Endras, Sven Felski, Jakub Ficenec, Marcel Goc, Thomas Greilinger, Thomas Greiss, Jochen Hecht, Korbinian Holzer, Kai Hospelt, Manuel Klinge, Marcel Müller, Travis Mulock, Dimitri Pätzold, Andre Rankel, Christopher Schmidt, Dennis Seidenberg, Marco Sturm, Alexander Sulzer, John Tripp, Michael Wolf.
Eiskunstlauf (8)
Paarlaufen: Aljona Savchenko/Robin Szolkowy, Maylin Hausch/Daniel Wende

Eistanzen: Christina Beier/William Beier

Frauen: Sarah Hecken

Männer: Stefan Lindemann
Eisschnellauf (13)
Frauen: Monique Angermüller, Daniela Anschütz-Thoms, Stephanie Beckert, Annie Friesinger-Postma, Judith Hesse, Katrin Mattscherodt, Jenny Wolf, Isabell Ost

Männer: Patrick Beckert, Nico Ihle, Robert Lehmann, Samuel Schwarz, Marco Weber
Freestyle (5)
Skicross Frauen: Julia Manhard, Anna Wörner, Heidi Zacher

Skicross Männer: Martin Fiala, Simon-Raphael Stickl
Nordische Kombination (5)
Männer: Tino Edelmann, Eric Frenzel, Björn Kircheisen, Johannes Rydzek, Georg Hettich
Rennrodeln (10)
Einsitzer Frauen: Natalie Geisenberger, Tatjana Hüfner, Anke Wischnewski

Einsitzer Männer: Felix Loch, David Möller, Andi Langenhan

Doppelsitzer Männer: Patric Leitner, Alexander Resch - Andre Florschütz, Torsten Wustlich
Shorttrack (6)
Frauen: Aika Klein

Männer: Robert Becker, Paul Herrmann, Tyson Heung, Sebastian Praus, Robert Seifert
Skeleton (6)
Frauen: Anja Huber, Kerstin Szymkowiak, Marion Trott

Männer: Mirsad Halilovic, Frank Rommel, Sandro Stielicke
Ski Alpin (9)
Frauen: Fanny Chmelar, Katharina Dürr, Christina Geiger, Kathrin Hölzl, Viktoria Rebensburg, Maria Riesch, Susanne Riesch

Männer: Felix Neureuther, Stephan Keppler
Skilanglauf (15)
Frauen: Stefanie Böhler, Miriam Gössner, Hanna Kolb, Claudia Nystad, Eva Stehle, Katrin Zeller, Nicole Fessel

Männer: Tobias Angerer, Jens Filbrich, Tom Reichelt, Rene Sommerfeldt, Axel Teichmann, Tim Tscharnke, Josef Wenzl
Skispringen (5)
Männer: Pascal Bodmer, Michael Neumayer, Martin Schmitt, Michael Uhrmann, Andreas Wank
Snowboard (8)
Frauen Parallel-Riesenslalom: Selina Jörg, Anke Karstens, Amelie Kober, Isabella Laböck

Männer Parallel-Riesenslalom: Patrick Bussler

Männer Snowboard Cross: Konstantin Schad, David Speiser, Christophe Schmidt