Von Peter Ahrens
Also müssen neue Gesichter her, frische, erfolgreiche, skandalfreie Läuferinnen, die sich am besten auch noch gut in den Medien und bei Fotoshootings machen - und Stephanie Beckert, die am Sonntag über die 3000-Meter-Langstrecke (ab 22 Uhr Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) um die Medaillen mitläuft, soll all das erfüllen. Und das tut sie: Sie ist erst seit 2007 dabei, hat in diesem Winter zwei Weltcuprennen gewonnen und Pechstein den Deutschen Rekord über 3000 Meter entrissen. Skandalfrei ist sie sowieso: Wenn über Beckert geschrieben wird, dann darf nie der Hinweis fehlen, dass sie nur für ihren Sport lebe und außer ihrer Labradorhündin Trixie auch keinerlei Hobby habe - außer Eislaufen, Eislaufen und noch einmal Eislaufen. In ihrem Zimmer daheim in Erfurt hängt kein Poster von Mädchen-Schwarm Robert Pattinson, sondern eins von Gunda-Niemann-Stirnemann. Der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Helge Jansch, sagt über die junge Athletin: "Dass sich jemand so auf seinen Sport konzentriert, habe ich selten gesehen."
Nur mit der Selbstvermarktung läuft es noch ein bisschen holprig. Stephanie Beckert gehört zur schweigsamen Sorte, und das ist beinahe ein ganz neuer, durchaus sympathischer Zug im deutschen Frauen-Eisschnelllauf.
Sechs Geschwister stehen auf Schlittschuhen
Dieser Winter lief bisher gar nicht gut für die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Da war das Hickhack um Pechstein, die sich den Olympiastart trotz Sperre einklagen wollte, dann kamen die Störfeuer aus dem Friesinger-Lager hinzu, das einen heftigen Streit um den deutschen Teamarzt angezettelt hat und auch sonst keine besonders hoffnungsvollen Nachrichten für den olympischen Wettkampf produziert.
Geschichten über die Eisschnelllauf-verrückte Familie Beckert lesen sich in einer Olympiasaison für den Verband schließlich erheblich angenehmer als die Meldungen über die auffälligen Blutwerte der Claudia Pechstein. Sechs Kinder sind die Beckerts daheim, und alle stehen sie auf Schlittschuhen, und alle haben Talent. Und so müssen die Beckert-Geschwister - auch Stephanies 19-jähriger Bruder Patrick gehört zum deutschen Olympiateam - durch die Interview-Runden hindurch, in denen sie ewig gültige Sätze sagt wie "Ich will meine Zeiten erreichen, und dann werde ich sehen, wo ich stehe." Was muss und soll man von einer 21-Jährigen auch mehr erwarten?
Medaillenhoffnung wird heruntergeschraubt
Vielleicht sieht sie sich schon in wenigen Stunden auf dem Podest stehen. Die 3000 Meter, die den Auftakt der Frauen-Wettbewerbe auf der Olympiabahn machen, sind ihre Lieblingsstrecke - eine Distanz, die sie ebenso liebt, wie dies ihr Erfurter Vorbild Gunda Niemann-Stirnemann getan hat. Die wurde 1992 in Albertville und 1998 in Nagano Olympiasiegerin über diese Strecke. Und auch wenn Stephanie Beckert immer wieder sagt: "Mit Medaillen rechne ich überhaupt nicht", so tun die Verantwortlichen im Verband dies wohl, ohne es laut zu sagen. Beckert war in diesem Jahr schließlich häufig schneller als ihre 14 Jahre ältere Teamkollegin Daniela Anschütz-Thoms, die immerhin aller Welt erzählt, dass für sie diesmal nur ein Platz auf dem Treppchen in Frage komme. Einmal hat Beckert in diesem Winter sogar die Tschechin Martina Sablikova besiegt, die auf der 3000-Meter-Strecke als der Standard aller Dinge gilt.
Die Beckerts mit ihren daheim gebliebenen vier Kindern sitzen in Thüringen vor dem Fernseher. Trotzdem muss Stephanie Beckert nicht auf Unterstützung aus der Heimat verzichten. Wenn sie die 3000-Meter-Strecke in Vancouver in Angriff nimmt, dann ist es fast so wie in ihrem Zimmer in Erfurt. Gunda Niemann-Stirnemann, als Live-Kommentatorin fürs Fernsehen dabei, hat sie im Blick.
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