Claudia Pechstein an der Uni Köln Jetzt kämpft sie im Hörsaal

Seit fast sieben Jahren kämpft Claudia Pechstein schon gegen den Eisschnelllauf-Weltverband, der sie wegen Dopingverdacht für zwei Jahre sperrte. Bei einem Auftritt an der Universität Köln rechnete die Olympiasiegerin nun mit ihren Gegnern ab.

Von , Köln

Eisschnellläuferin Pechstein: Abrechnung mit dem Weltverband
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Eisschnellläuferin Pechstein: Abrechnung mit dem Weltverband


Mitten in einem Redeschwall unterbricht Claudia Pechstein sich plötzlich selbst: "Ich rede ein bisschen viel", sagt die 43-Jährige und lacht verlegen. "Aber das macht man in Hörsälen ja so. Glaube ich." Der Auftritt an der juristischen Fakultät der Kölner Universität sei eine Premiere. Nie zuvor habe sie einen Hörsaal betreten, erzählt Pechstein: "Ich fühle mich auf dem Eis zu Hause."

Doch unsicher wirkt die Eisschnellläuferin an diesem Abend auch auf der akademischen Bühne nicht. Sie hat einen Plan. Sie will den rund hundert Studenten, Professoren und Journalisten ihre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die mit einem Dopingtest im Februar 2009 begann und im kommenden Frühjahr vor dem Bundesgerichtshof ihren nächsten Höhepunkt hat.

Der Fall Pechstein ist längst größer als all ihre sportlichen Erfolge. Denn er stellt die internationale Sportgerichtsbarkeit infrage. Die Dopingsperren, die Strafgelder, die Schiedsgerichte, auch der Fußball-Weltverband Fifa ist betroffen.

Die Kurzfassung: Vor knapp sieben Jahren bekam die fünfmalige Olympiasiegerin Pechstein eine zweijährige Dopingsperre vom Weltverband ISU. Die Grundlage für die Strafe war erstmals kein positiver Test. Es gab lediglich Indizien, erhöhte Blutwerte, die aber scheinbar nur eine Erklärung zuließen: Doping.

Pechstein stritt von Beginn an alles ab. Vehement wehrte sie sich gegen den Vorwurf, betrogen zu haben. Ein medizinisches Gutachten ergab, dass die erhöhten Blutwerte erblich bedingt sind. Pechstein ging gegen die Sperre vor, erst vor dem Internationalen Sportgerichtshof, ohne Erfolg. Danach zog sie vor das Landgericht München und forderte Schadensersatz.

Im Januar gab ihr das Oberlandesgericht München in entscheidenden Punkten recht. Demnach ist der Internationale Sportgerichtshof Cas kein faires Schiedsgericht, die Athleten haben kaum Mitbestimmungsrechte, zum Beispiel bei der Auswahl der Richter. Und: Den Athleten muss der Weg zu normalen Gerichten offenstehen. Wenn dieses Urteil vom BGH bestätigt wird, revolutioniert der Fall Pechstein die Sportwelt.

"Ich wollte meinem Leben ein Ende bereiten"

Der Deutsche Olympische Sportbund betrachtet Pechstein mittlerweile als rehabilitiert. Doch weil die ISU das anders sieht, geht der Kampf weiter. Auch Pechsteins Auftritt im Hörsaal 2 der Uni Köln muss man als Teil dieses Kampfes verstehen. Mit deutlichen Worten beschreibt sie ihren Leidensweg, sie greift den IOC-Präsidenten an und macht den Dopingwächtern von der Nada schwere Vorwürfe.

"Als ich 2009 die Nachricht von meiner Sperre bekam, wollte ich meinem Leben ein Ende bereiten", sagt Pechstein: "Zum Glück habe ich Ralf Grengel eine SMS geschrieben, und er hat mich aufgehalten." Grengel ist ihr Manager, er weicht ihr auch an diesem Abend nicht von der Seite.

Thomas Bach, damals DOSB-Chef, heute IOC-Präsident, habe sie 2009 auch angerufen, erzählt Pechstein: "Aber er hat nur gesagt, das Leben gehe doch weiter, getan hat er nichts." Vergeblich habe sie gehofft, dass Bach sich für sie einsetze. Deshalb, so Pechstein bissig, sei sie froh, dass es mit Alfons Hörmann mittlerweile einen neuen DOSB-Chef gebe.

Auch die Dopingkontrolleure von der Nada, denen Pechstein Ende November sogar mit Anzeigen gedroht hatte, werden nicht verschont. Einer der Nada-Mitarbeiter habe ihr kürzlich gesagt, sie müsse eine Blutprobe ja nicht abgeben, wenn sie nicht wolle: "Wenn ich darauf eingegangen wäre, hätten sie mich wieder gesperrt", ruft Pechstein. "Das sind nicht meine Freunde."

Der Kampf hat Pechstein härter gemacht

Natürlich ist der Abend eine einseitige Veranstaltung. Vom ISU oder der Nada wurde niemand eingeladen. Vor Pechstein darf ihr Anwalt Thomas Summerer den Stand des Verfahrens referieren. Gastgeber Jan Orth bemüht sich, ein paar kritische Nachfragen zu stellen, doch Pechstein duldet keinen Widerspruch.

Der fast siebenjährige Kampf hat Spuren hinterlassen, er hat Pechstein härter gemacht, unnachgiebig. Verständnis für die Gegenseite will sie nicht mehr aufbringen. Man kann das verstehen, wenn sie davon erzählt, dass sie finanziell alles verloren habe, dass ihr alles genommen worden sei.

Ohne die Dopingsperre hätte sie ihre Karriere längst beendet, sagt Pechstein. Und dennoch wirkt sie bei ihrem Auftritt im Hörsaal eher kampfeslustig als frustriert: "Vor zwei, drei Jahren hätte ich das hier nicht so entspannt machen können", sagt sie SPIEGEL ONLINE nach der Veranstaltung: "Nicht so locker."

Ein Grund für ihr Selbstvertrauen ist natürlich die Entscheidung des Münchner Oberlandesgerichts, gibt sie zu: "Das Urteil im Januar war ein sehr wichtiger Etappensieg." Und nach einer kurzen Pause fügt sie an: "Ich hätte mir nie erträumen können, dass ich mal Sportgeschichte schreibe."

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insgesamt 20 Beiträge
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Siggi_Paschulke 17.12.2015
1. Finanziell alles verloren?
Ist sie nicht Berufsbeamtin bei der Bundespolizei? Da duerfte doch etwas mehr als Hartz IV bei rumkommen... Trotzdem sehr unruehmlicge Geschichte fuer alle Beteiligten.
chalchiuhtlicue 17.12.2015
2.
Wenigstens kann sie so "Sportgeschichte schreiben", wenn sie auch sonst nichts mehr kann ...
gumbofroehn 17.12.2015
3. Auf Basis der in den Medien referierten Fakten ...
... drängt sich der Verdacht auf, dass die ISU seinerzeit einen wissenschaftlich nicht abgesicherten Schnellschuss gemacht hat, als sie Claudia Pechstein gesperrt hat. Wenngleich der Kampf gegen Doping wichtig ist, darf er nicht dazu führen, dass "auf Verdacht" gesperrt wird und damit die unberechtigte Zerstörung der Unbescholtenheit des Sportlers zum achselzuckend hingenommenen Kollateralschaden wird.
nasenbart 17.12.2015
4. Sensationell,
Weltspitze im Eisschnelllauf jetzt auch durch erblich bedingten Gendefekt möglich. Das Traurige an diesem Fall ist, das Frau Pechstein sich durch einen, in ihrem Verständnis, unkonventionellen Nachweis, betrogen fühlt. Solche Nachweise sind aus medizinischer Sicht aber Standard um Drogen oder auch Infektionen nachzuweisen. Ich denke schon das Frau Pechstein, wie alle ihre Kollegen, gedopt hat. Jedoch wurde nur sie, durch diese Methode überführt. Das macht einen dann wütend, wenn man sich nicht mal mehr auf das eigene Dopingteam verlassen kann. Bleibt also nur noch der Schritt nach vorn und ein jahrelanger Kampf. Man wird vom Täter zum Helden und am Ende glaubt man selbst daran. Das ging auch schon Dieter Baumann so, der gegen seine manipulierte Zahnpasta gekämpft hat. Oder Evi Sachenbacher-Stehle, die wiederholt positiv auffiel, weil man nicht wusste, dass die Nahrungsergänzungsmittel mit Amphetamin versetzt wurden.
mikado17 17.12.2015
5.
Fraglich, ob man bei so einem komplexen Thema an einer Uni nur die eine Seite hören sollte! Man hätte sich hier breiter aufstellen sollen!
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